Jetzt also auch unser Jan? Wie haben wir uns darauf gefreut, dass wir nach dem Ende der Fußball-WM nicht in ein riesiges Sportloch fallen, sondern einfach nur umschalten müssen auf die Tour de France, bei der Jan Ullrich vielleicht zum letzten Mal um den Sieg strampeln will. Nach dem WM-Endspiel ist die erste Tour-Woche mit den langatmigen Flachetappen vorbei, es geht gleich zur Sache, und wir wollen mit ihm leiden wie in all den Jahren zuvor. Und jetzt das: Es gibt so massive Dopingvorwürfe gegen den bislang einzigen deutschen Tour-Sieger wie nie zuvor.

Seit die spanische Polizei vor ein paar Wochen ein Dopinglabor in Madrid aushob, kursieren die Gerüchte. War Ullrich Kunde in der Hexenküche von Luis Merino? Angeblich sind einige der dort gefundenen Blutkonserven mit dem Codenamen " Hijo Rudicio " dem deutschen Star zuzuordnen – er sei dieser "Sohn Rudys", nämlich der seines persönlichen Betreuers Rudy Pevenage.

Außerdem fanden die Ermittler eine Quittung über 1900 Euro für Dopingmittel, ausgestellt auf einen "Jan". Und dann hat noch ein Teamkamerad, der beim Besuch des Labors zweifelsfrei ertappt wurde, angeblich zu einem Kollegen gesagt: "Wenn sie mich kriegen, dann kriegen sie auch Ullrich."

Der hat umgehend dementiert, erwägt rechtliche Schritte, will sich sogar einem DNA-Test unterziehen um zu beweisen, dass die getunten Blutbeutel nicht von ihm stammen oder für ihn gedacht waren – freilich erst nach der Tour.

Das sind die branchenüblichen Reflexe, die einige Ertappte selbst dann noch so perfekt beherrschten wie den runden Tritt, als man die Pillen in ihrem Keller fand. Endgültige Klarheit ist zwei Tage vor dem Start der Frankreichrundfahrt nicht zu haben. Dem Laien und Fan bleiben nichts als Fragen: Warum kein DNA-Test noch vor dem Start? Wer über jeden Zweifel erhaben ist, strampelt doch dann noch viel unbeschwerter. Wenn ein Großteil der Weltspitze der letzten Jahre nachweislich gedopt hat (inklusive Lance Armstrong, dem zurückgetretenen Tour-Seriensieger), wie konnte Jan Ullrich dann immer allein mit Müsli und Nudeln konkurrenzfähig sein? Wieso werden im illegalen Dopingsumpf fein säuberlich Quittungen ausgestellt – damit die Millionenverdiener ihre Medikamente als betriebsbedingte Ausgaben von der Steuer absetzen können? Warum hat Ullrich, nachdem es eindeutige Hinweise auf Armstrongs Betrugsversuche gab, nicht einmal gegen den Amerikaner gewettert, der ihm jahrelang davongefahren ist? Hackt die eine Krähe der anderen kein Auge aus?

Ein anderer Deutscher geht bei der Tour jedenfalls nicht mehr an den Start: Jörg Jaksche, immerhin 16. der letzten Tour. Auch er steht – wie sein gesamtes Team um den Tour-Mitfavoriten Alexander Winokurow – im Verdacht, sich der dubiosen Hilfe der spanischen Mediziner bedient zu haben. Nun ist er vor der obligatorischen Untersuchung vom Tour-Startort Straßburg abgereist – weil er eine Grippe habe und Antibiotika nehmen müsse. Wer will das jetzt noch glauben?