Was macht der Fußballfan an fußballfreien Tagen: Er wartet, er leidet, vor allem aber betet er, die Zeit möge schnell vorbei gehen. Freitag ist schon morgen, dann schlägt Deutschland Argentinien. Doch es kommen härtere Zeiten, harte Zeiten. Zwischen dem WM-Finale einschließlich Siegesfeier und dem ersten Spieltag der nächsten Bundesliga-Saison liegen 33 Tage. Wann beginnt eigentlich die Champions-League? Bis dahin gibt es Tennis, Radsport - und es gibt Politik. Politik als Fußball- Surrogat? 
Reformer tritt Reformerin: Bundestrainer mit Bundeskanzlerin BILD

Die Vorstellung ist, gelinde gesagt, ein bisschen verwegen. Könnten sich die Deutschen an der Politik so berauschen wie an dem Spiel der Klinsmann-Boys? Könnte ein einziger sturer, leicht naiver Politiker den ganzen Reformstau im Lande auflösen? Können amerikanische Fitnesstrainer und das One-Touch-System die deutsche Politik revolutionieren? Kann Autosuggestion nicht nur Siege bringen, sondern auch gute Gesetze?

Nein, wir erwarten jetzt wirklich nicht, dass Angela Merkel mit einem roten Gummiband durch das Kanzleramt hüpft und dazu verkündet: „Regieren ist Neuland für mich, aber ich habe ein Ziel!“ Wir erwarten auch nicht, dass Sozialminister Franz Müntefering und Wirtschaftsminister Michael Glos sich gegenseitig Aktenordner zuwerfen, dazu „passen, passen, passen!“ rufen und darauf warten, wann sich in der veröffentlichten Meinung die Lücke für das tödliche Anspiel in die Tiefe des Raums öffnet.

Wobei die Vorstellung, Guido Westerwelle würde zwar ein wenig leidend auf der Ersatzbank sitzen, aber gleichzeitig Finanzminister Peer Steinbrück für seine „tadellose Leistung“ loben, etwas Reizvolles hat. O-Ton Guido Kahn und Oliver Westerwelle: „Natürlich würde ich gerne mitregieren, ich bin schließlich Politiker und auch nur ein Mensch, aber ich versuche alles dafür zu tun, dass dieses Kabinett Erfolg hat, und ich bringe die innere Kraft auf, um das Ganze zu bewältigen“.

Wobei Westerwelle, ehrlich gesagt, eine arme Sau ist, denn vor ein paar Monaten wies er empört das Angebot der Fifa an die Bundestagsabgeordneten zurück, bevorzugt Karten für die WM zu kaufen. Soviel Aufrichtigkeit ehrt ihn, blöd war es trotzdem, jeder Fan will schließlich ins Stadion. Koste es was es wolle. Mindestens 500 Euro kostet derzeit eine Karte für das Viertelfinale auf dem Schwarzmarkt, kann sich der FDP-Vorsitzende das etwa nicht leisten?

Zurück zum Thema Fußball und Politik. Seit es Fußball gibt, wird darüber philosophiert. Als Erfinder des linken Fußballs gilt der Argentinier Cesar Luis Menotti, der Weltmeistertrainer von 1978. Aufrichtig müsse der Fußball sein, hatte dieser einst gesagt, und nur dem Publikum verpflichtet, das Kollektiv sei wichtiger als der Star. O Gott! Heißt das etwa, Klinsmann ist ein Linker, gar ein Revolutionär? Wenn das die Angie auf der Ehrentribüne wüsste! Blutgrätsche und Catenaccio hingegen gelten allgemein als rechter Fußball. Portugal gegen Niederland im Achtelfinale dieser WM war solch ein Antifußball. „Gnadenlos rechter Fußball“, würde Fußballphilosoph Menotti sagen, ein Fußball, der zu einem guten Teil auf roher Gewalt basiert. Bleibt nur die Frage, gibt es auch einen großkolitionären Fußball?