Dopingskandal Opfer seines Schaffens?
Die Karriere von Jan Ullrich scheint nach der Verstrickung in den Dopingskandal am Ende. Und doch: Weil er so ist wie wir, ist Ullrich vielleicht der Sportler, mit wir uns am meisten identifizieren könnten, sagt Björn Scheele
Dieter Baumann rannte ganz Afrika davon und wurde nur von seiner Steroid-Zahnpasta gestoppt. Grit Breuer stolperte über ihren „Springstein“. Und jetzt wird ein weiterer den Thron der Sünder besetzen: Jan Ullrich, der Tour-de-France-Star, hat sich einen Tag vor der großen Schleife in das deutsche Doping-Gedächtnis eingebrannt. Der unbekümmerte Rotschopf wurde gestern von seinem Team suspendiert. Aber ist Ihnen etwas aufgefallen? Alle finden es schade, dass er nicht am Start ist. Ist Jan Ullrich in unseren Herzen der Schuldige oder doch nur Opfer seines Schaffens?
Jan Ullrich ist Deutscher und das durch und durch. Er ist der Nachkriegsarbeiter, der Steine schleppt. Aber er ist auch die Buttercremetorte, der Lohn für Geschaffenes. Genau deshalb lieben oder liebten die Deutschen ihren Ulle. Er schaffte es immer wieder, sich aufzuraffen um sein Großziel Tour de France in Angriff zu nehmen.
Neun Jahre lang gab es diese Schlagzeile in den Zeitungen „Ullrich zu fett“ - niemand nahm es ihm wirklich übel, außer seine Sportkollegen, die ihm mangelnde Professionalität vorwarfen. Ullrich schaffte es jedes Mal, wieder vorne bei der Frankreich-Rundfahrt zu landen. Das Faszinierende an der Person Ullrich ist, dass er seine Rolle als Profisportler eher locker nahm. Ein schlauer PR-Stratege hätte mal auf die Idee kommen sollen, das zu verkaufen. Getreu dem Motto: „Trainierst du noch oder lebst du schon?“.
Er war dieser Übermensch, der jeder sein möchte, gepaart mit dem Weltlichen, der Schwäche. Lance Armstrong war eigentlich nie sein größter Gegner, sondern wohl eher das Leben an sich mit all seinen Vorzügen. Jetzt ist Ullrich weg - es scheint für immer. Sein Vertrag bei T-Mobile läuft Ende des Jahres aus. Es wird ein anderer die Tour gewinnen, falls derjenige nicht über eine Blutkonserve stolpert. Jan Ullrich wurde von seinem eigenen Blut verraten, von der Aufschrift „Jan“ und „Rudys Sohn“. Es ist schon fast grotesk, warum in diesem Spiel um Millionen ein Arzt so naiv sein konnte, die Konserven mit den Fahrernamen zu beschriften. Ganz zu schweigen davon, dass die spanische Polizei einen Monat dafür brauchte, die Namen zu entschlüsseln und genau einen Tag vor der Tour preisgibt. Wir müssen wohl diese ewige Koexistenz von Doping und Tour de France in Kauf nehmen.
Radsport ist eine Sportart, in der die Individualleistung zählt, in der drei Wochen lang kein Fehler geschehen darf. Es scheint unmenschlich, sieben Stunden am Tag auf dem Rad zu sitzen, sich bis zur totalen Erschöpfung zu verausgaben – und ein Lügengerüst um sich zu bauen. Denn im Radsport geht es um das nackte Überleben. Wer schlecht fährt bekommt keinen Vertrag. Die Teammanager setzen die Fahrer unter Druck, wollen sie vorne sehen. Wie sie das machen ist scheinbar egal, bis sie erwischt werden und niemand, außer der Fahrer selbst, die Schuld hat. Wir werden sehen, was dieser Flächenbrand bringt. Und vielleicht sollten wir unseren Durst nach sportlichen Großtaten herunterschrauben. Aber was kommt nach „höher, schneller und weiter“? Es ist wohl etwas dran, wenn man sagt, dass der Leistungssport nur der Spiegel unserer Gesellschaft ist.
Ullrich muss jetzt nicht mehr leiden, zumindest am Berg. Es wird das übliche Prozedere geben. Er wird angeklagt und für zwei Jahre gesperrt – falls er überführt wird. Seine Karriere scheint zu Ende, sein Platz in unserem Herzen hat jetzt einen schwarzen Fleck bekommen. Vielleicht werden wir ihn für immer verstoßen, oder aber als Opfer sehen. Ihm verzeihen.
Wer weiß: In wenigen Jahren könnten wir Ullrich als Tour-de-France-Kommentator sehen und hören. Er wird von den Großtaten in den Alpen oder Pyrenäen berichten. Und das Faszinierende wird sein, dass er es verstehen wird, uns die Leiden sehr nahe zu bringen, weil er weiß wie sich dort ein Mensch fühlt. Weil er so ist wie wir, ist Jan Ullrich vielleicht der Sportler, mit wir uns am meisten identifizieren können.
Er lebt ein geschütteltes und gerührtes Leben, alles garniert mit kleinen und großen Erfolgen – und Fehlern.
- Datum 01.07.2006 - 12:36 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Wie wäre es, wenn Ullrich sich hinstellte und verkündete: Bisher wurde ich getrieben, von meiner Sucht nach Leben, von den scheinheiligen Verantwortlichen des "Rennstalls", die selbst alle ihrerseits Getriebene und Antreiber sind, bisher wurde ich getrieben von den Projektionen und Erwartungen des Publikums, der Gesellschaft, ab heute bekenne ich mich als ehrlicher Mensch, der den Erfolg wollte, die Anerkennung, die Bewunderung - das Geld (was noch? er selbst weiß es, jeder weiß es, es ist austauschbar, es möge hier eingesetzt werden...)Ullrich könnte sagen: Ich bin nicht schlechter als die Merkel, die ihren Chef verriet als er nicht mehr gebraucht wurde, die unter ihm buckelte, solange sie ihn brauchte. Er könnte sagen: Ich bin nicht schlechter als jener Schuldirekter, der den Speichel des Kultusminsters leckt, bis er sich auf der Schleimspur nach oben gedrängt hat. Er könnte sagen: Ich bin nicht schlechter als jener Abiturient, der seinen Lehrer anlächelt, bis er die Note in der Tasche hat und erst danach - in der AbiZeitung - ihn zur Schnecke macht. Er könnte sagen: Ich bin wie die Kirche, die erst dann den Frieden entdeckt, wenn alle Welt vom Frieden redet, in den Jahrhunderten davor wollte sie ihn mit Krieg erzwingen. Ja, Ullrich ist so wie wir immer schon waren - nicht schlechter, aber auch nicht besser, nie war er schlechter, aber er war auch nie - zu keinem Zeitpunkt - besser, und sympathisch ist er, weil er so verwirrt ist darüber. Un-sympathisch sind die, die nicht unsere Sympathie haben, weil sie so tun als wären sie anders. Beispiele siehe oben. Ullrich ist uns sympathisch, weil er vielleicht log, aber offenbar nicht verlogen genug ist, seine Lüge als Dienst an der Gemeinschaft zu verkaufen. Er log nur für den eigenen Vorteil - wie wir alle; die sogenannten Guten dagegen "dienen" und lassen die andern arbeiten und verbluten, die sogenannten "Bösen" oder "Dummen" arbeiten zu wenig, dienen keinem und wenn Blut fließt, dann nur ihr eigenes, weil sie in ihren Lügen nicht geschickt genug sind, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Wir werden Ullrich lieben - immer, denn die Existenz solcher Menschen ist für uns eine Hoffnung, die Hoffnung, dass wir in der Liebe zu ihm eines Tages die Liebe zu uns selbst entdecken.
... verbogen durch verbiegen Dritter, Geschäftemacher, eines an sich symphathischen Sportlers, der seine "Vergewaltigung" durch das "Prinzip the show must go on" nicht zugeben konnte. Die Gewinner, allerorten Geschäftemacher mit dem Idol, wie es auch immer heißen mag. Was waren das noch Kerle, Fritz Walter, ein Sportler, ein Vorbild und ein ehrenwerter Mensch. Daran können sich in der heutigen Zeit wenige messen, vor allen Dingen an der Genügsamkeit.isaac ben laurence weismann
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