Echolot Pelé singt vom Vieh
Und Bruno der Bär war ein Rock'n'Roller, denn er lebte schnell und starb jung. Diese und ähnlich sommerhitzeresistente Informationen und Einsichten in unserer wöchentlichen Musikpresseschau
Der deutsche Musikzeitschriften-Markt ist hart umkämpft. Neugründungen sind die seltene Ausnahme. Zwischen Spex , Musikexpress und Rolling Stone ist nicht viel Raum. Oftmals finden sich die gleichen Themen in allen drei Zeitschriften, trotz unterschiedlicher Ausrichtung.
Die Düsseldorfer Boombox -Redaktion versucht sich an einem neuen Format: an Buch plus DVD. Gerade ist die dritte Ausgabe erschienen. Das "erste und einzige Live-Musikmagazin" möchte die "coolsten Stars und besten Newcomer, die in den kommenden Wochen in Deutschland auf Tour sind" präsentieren.
Das klingt schlimm, und ähnlich schlimm lesen sich viele Texte im knapp 100 Seiten starken Begleitbüchlein. Kritische Berichterstattung? Fehlanzeige. Von The Who über Muse , die Flaming Lips bis hin zu Maximo Park , The Kooks und den Sportfreunden Stiller wird geschwelgt, bejubelt, ins rechte Licht gerückt. Als "Giganten" werden die vergreisten The Who beschrieben; "ein wenig einschüchternd, aber irgendwie cool" sind Muse; "wahnsinnig tolle Musik" machen Maximo Park. Ob da wohl die Plattenfirma im Hinterstüblein der Redaktionsräume sitzt?
The Kooks (laut Boombox "ein Phänomen") bekleiden daneben die aktuellen Titelseiten des New Musical Express und des englischen Magazins Notion . Die auch hierzulande hofierten Jungspunde aus Brighton üben sich im NME in Großmäuligkeit. Sänger Luke Pritchard hält seine Band für die momentan interessanteste englische Formation. "So ein Album wie das unsere hat es seit Urzeiten nicht mehr gegeben." Ähnliches schrieb man ehedem über die Gitarren-Wiedererwecker The Strokes .
ZEIT-online -Kollege David Hugendick entlarvte den jüngsten Auftritt in Berlin als Boygroup-Phänomen. Die FAZ schickte Eric Pfeil zum Kölner Konzert. Der Blick ins Publikum verrate schon viel über diese Band: T-Shirts von Tool und den Red Hot Chilli Peppers werden spazieren getragen, Junkie-Höschen mit quer gestreiften Oberteilen kombiniert. Am Merchandising-Stand gibt es Unterhosen mit dem Logo der Band für fünf und Socken für zehn Euro. Pfeil ist vom Konzert trotzdem angetan. Vielleicht auch, weil die Vorband Eagles Of Death Metal so scheußlich war.
Das Queens-Of-The-Stone-Age -Nebenprojekt sei eine "sagenhaft uncharmante Gurkentruppe, die lieblos klischierten Jeanswestern-Rock wegschrubbt. Tiefpunkt des Auftritts ist eine Coverversion des Stealers Wheels -Hits Stuck In The Middle With You - unbenannt in Stuck In the Metal , was in etwa das Humorniveau der Rock-Clowns zeigt. Traurig zu sehen, wie hier zwischen Mitklatsch-Animation, 70er-Jahre-Sexismus und toten Posen nach Ironie gesucht und am Ende doch nur eine Leiche gefunden wird."
Am Kanon der Rockmusik arbeitet sich das Buch Hall Of Shame Die größten Irrtümer der Geschichte des RocknRoll ab. Friedmar Apel bespricht das zwiespältige Werk von Jim Derogatis und Carmél Carrillo in der FAZ . "Etablierte Kritikerpäpste wie Diedrich Diederichsen schreiben in einem elaborierten Code, der den Anspruch dokumentiert, die Rockkultur als eine Sphäre der intelligenten Reflexion zu etablieren. Den nachfolgenden Generationen aber erscheint das als hegemoniales Getue, das die lustvoll regressive Rockmusik an die Bildungsspießer verrät. So ist es nur konsequent, dass die Herausgeber des vorliegenden Anti-Pantheons der Rockmusik es als Kompliment empfinden, wenn einer der Rockmusik ’einen barbarischen Reiz’ attestiert."
Versucht werde "eine postmoderne Sicht auf die Rockgeschichte" zu etablieren, die die Ramones für heutige Hörer als wichtiger beschreibt als zum Beispiel die Rolling Stones .
"Das geht nicht ohne Widersprüche ab. Einerseits soll die Entbehrlichkeit eines Rock-Kanons in Form jener Ranglisten der größten Alben aller Zeiten in der Zeitschrift Rolling Stone und ähnlichen Magazinen bezweifelt werden. Anderseits orientieren sich die Verrisse an eben diesen Listen."
Was eine Befreiung hätte werden können, wird so zu einem mittelprächtigen Sammelsurium. "Der Eröffnungsbeitrag des Herausgebers stochert ( ) postpubertär in Sgt. Peppers Lonely Hearts Club herum." Ein "aufgeblasenes und barockes, verfehltes Konzeptalbum sei es, ein großer Schwindel, "konservativ, reaktionär und rückwärtsgewandt". McCartney ("ein erbärmlicher mysogyner Drecksack") und Lennon schlügen sich auf die Seite der Eltern. Ganz anders als die Rolling Stones, die dem Mädchen, das sie gerade entjungfert haben, "zum Abschied noch ins Gesicht spucken würden, was anscheinend eine Metapher für den wahren RocknRoll sein soll." Möchte man das lesen?
Das Image des wahren RocknRoll war für die englischen
Radiohead
immer ein gebrochenes. In den vergangenen Jahren haben sie sich ganz allmählich von ihren biederen Anfängen entfernt und sind trotzdem zu den "Stadionrockern der Generation Golf" geworden.
Ein neues Album lässt nach wie vor auf sich warten. Sänger Thom Yorke hat die Zwischenzeit genutzt.
The Eraser
heißt sein gerade erschienenes, erstes Soloalbum.
Yorke bleibt in Bezug auf Einflussmöglichkeiten der Pop-Protestkultur skeptisch: "Ich würde nicht darauf hoffen, dass sich durch sie viel verändert", sagt er dem Spiegel . "Wenn die Popkultur sich einer Sache annimmt, wie wichtig und gut und richtig sie auch sein mag, dann wird daraus immer ganz schnell ein reines Popspektakel. Leider sind aber Umweltdesaster nun mal kein Pop. Sie sind nicht schrill, lustig oder unterhaltsam, sondern ernst, fundamental und sehr, sehr bedrohlich. Da richtet man mit cool designten Protest-T-Shirts und aufwendigen Pop-Benefizspektakeln nicht viel aus."
Aristokratisch und mit Literatur-Schnipseln versehen sind die großen Pop-Entwürfe des Iren Neil Hannon. Zusammen mit seiner Band The Divine Comedy hat er mit Promenade und Casanova zwei Klassiker des orchestralen Pop geschrieben. Die sich daran anschließenden Versuche auf der Bühne des Rock waren eher entbehrlich. Mit Victoy For The Comic Muse meldet er sich nun zurück. Eric Pfeil lobt die neu gefundene Lockerheit des Neil Hannon in der FAZ .
Weitere Artikel und Rezensionen zu The Divine Comedy finden sich in Musikexpress , Spex und Les Inrockuptibles.
Für die französische Kritikerin Johanns Seban ist Victoy For The Comic Muse "aus der Zeit gefallen, barock und noch immer elegant". "Hannon singt von seinem ewigen Triptychon (Sex, Tod und Religion) mit einer in den anglo-amerikanischen Ländern selten gewordenen Poesie." Sein Herz sei in seine Chansons eingraviert, ähnlich wie der Fußball in die Gefühlswelten des brasilianischen Ausnahmesportlers Pelé ; der zudem ein ganz passabler Sänger ist.
Gerade ist ein ganzes Album mit eigenen Songs erschienen. Mit der gesanglichen Inkompetenz vergleichbarer deutscher Versuche hat das wenig gemein. Michael Pilz bespricht das Album in der Welt . "Mit sonorer Stimme widmet sich Pelé dem Volk, dem Vieh, dem Brasilianersein, dem Singen, dem Fußball." Es handle sich um "seriöse MPB, um populäre brasilianische Musik. Pelé scheut weder die mondäne Bossa Nova seiner besten Spielerjahre. Noch vergisst er die Favelas und den HipHop der dort hoffnungslos herumfuchtelnden Kinder. Dieses Album ist die klingende große Geste, die bescheiden wirkt und volksnah, und die keinem Popstar so gut steht wie ihm."
Schwere Kost verbindet man mit dem Namen Mayo Thompson . Seine Band Red Krayola hat nachfolgenden Musikern viel bedeutet. In der taz unterhält sich Max Dax mit dem Amerikaner, der seit den 60er Jahren ein anerkannter Außenseiter ist: "In den Siebzigern bin ich nach New York gegangen und habe mich in der Kunstszene durchgeschlagen, habe als Assistent von Robert Rauschenberg gearbeitet, die Farben angerührt, für ihn eingekauft, seine Hunde ausgeführt, sein Atelier gemanagt und überhaupt so allerlei erlebt."
Später leitete er eine Kunstgalerie in Los Angeles, arbeitete für die Independent-Plattenfirma Rough Trade und unterrichtet heute am Art College in Pasadena, Kalifornien. Einige seiner Lehrsätze haben Gewicht: "Für mich gibt es kein gut, kein besser und schon gar kein am besten. Ich glaube an asymmetrische Beziehungen. Ich erkläre meinen Schülern drei Grundsätze: 1. Etwas, das ich heute mag, mochte ich gestern noch nicht. 2. Etwas, das ich heute nicht mag, werde ich morgen mögen. Und 3. Alles, was ich mag, mag mein schlimmster Feind auch."
Ob der nach Honig, Schafen und Aufmerksamkeit verrückte Problembär Bruno ähnliches gedacht hat? Die SZ feiert "das Werk" des Bären in einem Artikel. Bruno sei "Pop-Rebell ( live fast, die young ) und ein Frühvollendeter" gewesen. Ein RocknRoller also.
Die Zukunft des Rock findet nichtsdestotrotz woanders statt, nicht in Schmähbriefen, nicht bei den Rolling Stones und nicht bei Bruno. Vielleicht aber bei TV On The Radio , der "neuen Lieblingsband der Popintellektuellen". Klaus Ungerer schwärmt in der Frankfurter Allgemeinen von David Bowies momentaner Lieblingsband. Uwe Viehmann erklärt Return To Cookie Mountain in der Spex zur Platte des Monats. Zitat FAZ : "In ihren besten Momenten wie in Wolf Like Me erlauben sie sich, die Beach Boys der Apokalypse zu sein. In den übrigen Abspielminuten fragt man sich: wie diese Musik eigentlich zu rezipieren geht. Mitsummen fällt meistens flach, ist sicher auch nicht gewollt. Mitwippen gibt sie selten her. Wer sich gerne mal ergreifen lassen würde, den kühlt sie ab. Man lauscht hin, mit wichtiger Sinfoniemine, interessant klingen die ja unbedingt, denkt man, und: Ob Rock das soll?"
- Datum 13.07.2006 - 11:33 Uhr
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