Im Taumel des Weltfestivals der strammen Waden, der nicht nur das bierselige Volk, sondern auch die Medien seit Wochen überschwemmt, hätten wir fast eine kleine Nachricht übersehen, die sich bei genauer Prüfung als eine Sensation der höheren Art offenbart: die evangelisch-lutherische Gemeinde von Hannover-Leinhausen und die Stiftung Liberales Judentum teilten in einer gemeinsamen Erklärung mit, dass die Gustav-Adolf-Kirche in jenem Vorort der niedersächsischen Hauptstadt am Ende des kommenden Jahres zur Synagoge werde und überdies die deutsche Zentrale der Union progressiver Juden beherbergen soll.

Vielleicht hat sich in einem Winkel der Vereinigten Staaten irgendwann Ähnliches ereignet, vielleicht... Doch wenn wir uns nicht täuschen, dann darf man die hannoveranische Verwandlung eines christlichen Gotteshauses in ein jüdisches als eine historische Premiere feiern, wenigstens in Europa und ganz gewiss in Deutschland: eine wahrhaft überraschende Volte der Geschichte. In unserem Land haben vor zweiundsiebzig Jahren die Synagogen lichterloh gebrannt - die schreckliche Ankündigung des Höllenfeuers, das schließlich auf uns alle niederging. Niemand hätte damals auch nur zu denken gewagt, dass die jüdischen Gotteshäuser eines Tages aufgebaut, dass sie von vitalen Gemeinden mit ihren Gebeten erfüllt, dass sie Zentren des wieder aufblühenden jüdischen Lebens im Land des großen Mordes sein könnten: auch ein deutsches Wunder, das den Namen womöglich eher verdient als die Mobilisierung unserer wirtschaftlichen Energien nach der Währungsreform im Jahre 1948.

Zwanzig- bis dreißigtausend Juden harrten nach dem Ende der Shoa aus diesen und jenen Gründen in Deutschland aus, die meisten von ihnen Überlebende aus Osteuropa, zu denen sich zögernd eine Handvoll von Rückwanderern gesellte. Die neuen Gemeinden waren, der Herkunft ihrer Mitglieder gemäss, orthodox geprägt - wie hernach die Majorität des Zentralrates, in dem das liberale Judentum während langer Jahrzehnte keine Stimme hatte. Dafür gab es Gründe. Die Konservativen betrachteten das liberale Reformjudentum mit seiner Hinwendung zum europäischen Geist der Aufklärung und der Öffnung für protestantisch geprägte Formen des Gottesdienstes mit einem tiefen, unüberwindbaren Misstrauen. Sie gaben dem so schrecklich gescheiterten Experiment der Assimilierung die Mitschuld an der Vernichtung. Ihnen stellte sich die Integration in die (angeblich) christliche Gesellschaft der Deutschen als Abfall vom rechten Glauben, vom Gehorsam gegenüber dem Gott des Alten Testamentes, ja als Verrat am jüdischen Volk dar.

Als dank der Ansiedlung russischer Juden die Gemeinden schließlich über hunderttausend Seelen zählten, suchte auch die liberale Reformbewegung eine neue Verwurzelung im Lande ihres Ursprungs, zunächst diskret, dann mit wachsendem Selbstbewusstsein. Der Zentralrat freilich weigerte sich, selbst unter dem Szepter solch offener Geister wie Paul Spiegel, seine Nachfolgerin Charlotte Knobloch und ihr sensibel-gebildeter Vertreter Salomon Korn mit einer geradezu irrationalen Härte gegen die Aufnahme von Vertretern der liberalen Gemeinden in ihre Gemeinschaft. Sie fanden sich erst nach dem beharrlichen Zureden ihrer Gesprächspartner in der Bundesregierung bereit, die Glaubensschwestern und -brüder aus der Reformbewegung an den Finanzhilfen des Staates teilhaben zu lassen.

Die Übergabe einer lutherischen Kirche an die größte liberale Gemeinde in Deutschland lässt sich als eine Geste verstehen, die von der Erinnerung an ein Stück gemeinsamen Weges diktiert sein mag. Freilich hatten sich zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die ersten Reformsynagogen, in denen deutsch gebetet, deutsch gepredigt und zum Klang einer Orgel auch deutsch gesungen wurde (ein Gräuel in den Ohren der Orthodoxen) nicht in Hannover, sondern weiter droben im Norden in Seesen und in Hamburg etabliert. Fast gleichzeitig ent-stand im schönen Charleston an der Küste von North Carolina die erste amerikanische Reformgemeinde, in der das Englische zur Sprache des Gottesdienstes avancierte.

In der deutschen "Haskala" - jener Bewegung der Aufklärung, die Moses Mendelssohn, der Freund Lessings, so tief geprägt hat (obschon er selber der Orthodoxie niemals abschwor) -, in dem modern "verwestlichten" Judentum mag man eine Zwillingsschwester des "Kulturprotestantismus" erkennen, dessen leuchtendster Geist der große Theologe Friedrich Schleiermacher war, der Freund von Henriette Hertz, eine jener brillanten Damen jüdischer Herkunft (wie die berühmtere Rahel Varnhagen), die in Berlin eine Elite des Geistes in ihren Salons willkommen hießen. Erste Berührungen, die sich uns zu romantisch-melancholischen Bildern verklärten, als in der düsteren Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts das deutsche Judentum ausgelöscht wurde.