Haben Sie schon eine Meinung zur Gesundheitsreform ? Ich auch. Vermutlich hat inzwischen jeder eine. Kein Grund, die Zeitungen nicht weiterhin mit immer neuen Kommentaren zum Thema zu füllen. So auch an diesem Donnerstag. Aber immer noch besser als mit Meinungsstücken zur Unternehmenssteuer . Der Süddeutschen Zeitung fällt das Verdienst zu, uns der gähnenden Langeweile zu entreißen. Denn sie erzählt die "Legende von der großen Ehrlichkeit" Angela Merkels .

Über die Kanzlerin schreibt die SZ Folgendes: "Die durchtriebenen Politiker, die tricksen, täuschen und verschleiern - das waren dieser Legende nach nur die anderen, allen voran Kanzler Gerhard Schröder. Heute bekommen die Bürger vorgeführt, wie wenig ehrlich Merkel in Wirklichkeit war - und die Kanzlerin muss aufpassen, nicht schon zu Beginn ihrer Regierungszeit in eine massive Glaubwürdigkeitskrise zu geraten. Ehrlich war es seinerzeit, die Erhöhung der Mehrwertsteuer anzukündigen. Doch damit hatte es sich dann auch. Wann immer die heutige Kanzlerin gefragt wurde, wie die abzusehenden Haushaltslücken und die Löcher in Gesundheits-, Sozial- und Rentenkassen zu stopfen seien, blieben die Antworten nebulös."

Interessant an diesem Kommentar ist weniger die Erkenntnis, dass es mit der vermeintlichen Ehrlichkeit Merkels nicht allzu weit her ist. Solches war schon in den Koalitionsverhandlungen überdeutlich sichtbar. Spannender ist die dahinter stehende Beobachtung, dass die Kanzlerin bei den Bürgern weithin gut ankommt und als verlässlich angesehen wird, obwohl ihre Äußerungen dazu wenig Anlass bieten.

"Verstörend wirkt dabei, dass sie weiter das eingeübte Oppositionsmantra herunterbetet, wonach dem Bürger viele Zumutungen erspart werden könnten, wenn endlich vieles grundsätzlich anders gemacht würde. In Wirklichkeit ist von diesem Neuanfang aber nichts zu sehen", schreibt der Kommentator weiter. Verstörend? Sie hat doch recht. Einige grundsätzliche Änderungen im Steuerrecht oder im Gesundheitswesen, und vieles würde einfacher. Nur: die Verhältnisse, sie sind nicht so. Deshalb irritiert den Fachmann, dass Merkel über diesen Widerspruch so leicht hinweggeht.

Der Bürger jedoch genießt im allgemeinen Detailrauschen den klaren Ton - wohl wissend, was von ihm zu halten ist. Schreibt die Augsburger Allgemeine : "Wir können nur eines tun: Wir dürfen uns von den Stimmungstötern (in Berlin) nicht die Laune verderben lassen. Wenn wir zum Positiven entschlossen bleiben, überwinden wir als Wirtschaftsnation selbst die Hürden, die uns die Politik in den Weg stellt. Wir müssen uns selber helfen. Die Große Koalition hilft uns nicht." Ein Aufruf, den viele längst hörten. Wie anders wären sonst Wirtschaftsaufschwung und leicht sinkende Arbeitslosenzahlen zu erklären.

Derweil fiebert die Politik auf den Sonntagabend zu. Dann soll über die oft zitierten Eckpunkte die Gesundheitsreform entschieden werden. Der Druck auf die Koalitionäre wächst gewaltig. Der Tagesspiegel hält das für sinnvoll: "Kein schwieriger Kompromiss ist je anders zu Stande gekommen als in letzter Minute. Es steckt eine eigene Art von Vernunft darin. Schwierig sind diese Kompromisse ja deshalb, weil die Positionen und Interessen der Beteiligten weit auseinander, ja gegeneinander stehen. Der Konflikt ist auf rein sachlicher Ebene nicht zu lösen. Es gibt keine Gesundheitsreform, bei der alle gewinnen - wir könnten sonst das Gesetz vom Deutschen Institut für Weisheit schreiben lassen. In unserer weniger idealen Welt muss die Politik entscheiden, wer verliert und wer gewinnt und wie viel."

Womit wir wieder bei der Ehrlichkeits-Legende wären. Die nämlich sagt nichts anderes als: Wir wissen, wie die bessere Welt aussieht. Dass die Realität dem Ideal nicht standhält, ist kein Grund, es aufzugeben.