Unser Mann im All Die Shuttle-Show
Torsten Reiter muss weiter auf seinen ersten Trip in den Weltraum warten: Die Nasa hat den Start der "Discovery" zum zweiten Mal verschoben.
Das Timing war ohnehin schlecht. Ausgerechnet während des Viertelfinalspiels Brasilien-Frankreich wollte die Nasa den deutschen Astronauten Thomas Reiter ins All schießen, mit Kurs auf die Internationale Raumstation ISS. Das hätte hierzulande kaum jemand mitbekommen, Fußball geht vor. Dabei garantiert der Start amerikanischer Raumfähren inzwischen mindestens so viel Nervenkitzel wie ein Elfmeterschießen der Weltmeisterschaft. Die Spannung wird denn auch kaum geringer werden, nachdem die Nasa den von Samstag auf Sonntag verschobenen Start abgebrochen und ein weiteres Mal um zwei Tage verlegt hat.
Am Dienstag soll die Raumfähre "Discovery" nun von Cape Canaveral in Florida abheben - um 20:38 unserer Zeit, gerade noch rechtzeitig vor dem Anpfiff zum Halbfinale Deutschland-Italien. Die Bedenken von zwei hochrangigen NASA-Managern wird der neue Aufschub indes nicht mindern. Chefingenieur Christopher Scolese und Sicherheitschef Bryan O'Connor hatten in einer Aussprache (als PDF) vor einer Woche gegen den Start gestimmt, weil es immer noch Probleme mit der Isolierhülle des externen Treibstofftanks gebe, auf dem der Shuttle ins All reitet. Abfallender Isolierschaum hatte vor drei Jahren den Hitzeschild der Raumfähre "Columbia" beim Start beschädigt. Bei der Rückkehr auf die Erde verglühte die Columbia am 1. Februar 2003 in der Atmosphäre, alle sieben Astronauten an Bord kamen ums Leben. Mit einigen Verbesserungen an der Isolierhülle flog im vergangenen Juli dann die Raumfähre Discovery zur ISS, doch wiederum löste sich Isolierschaum beim Start. Zum ersten Mal mussten die Astronauten daraufhin im All den Hitzeschild ihrer Raumfähre ausbessern. Sie kehrten wohlbehalten zur Erde zurück.
Seitdem haben Nasa-Ingenieure noch einmal 16 Kilogramm Isolierschaum von neuralgischen Stellen des Tanks entfernt. O-Connor und Scolese reicht das nicht. Sie fürchten, dass von 34 Metallklammern an den Treibstoffleitungen weiterhin Schaum abbrechen und den Shuttle treffen könnte. Nasa-Chef Michael Griffin hat dennoch entschieden zu starten. Seine Begründung: Die Crew sei nicht gefährdet, weil eine Beschädigung des Shuttles nicht den Start, sondern den Rückflug zur Erde riskanter macht. Sollte der Shuttle beschädigt werden, könnte die Crew notfalls bis zu 81 Tage auf der ISS ausharren und mit dem Ersatzshuttle Atlantis oder russischen Raumfähren abgeholt werden.
Thomas Reiter darf sich also glücklich schätzen, dass er ohnehin auf der ISS bleiben soll und erst in sechs bis sieben Monaten von einem bis dahin wohl abermals überholten Shuttle abgeholt wird. Auf Reiter ruhen die Hoffnungen der europäischen Raumfahrt: Endlich soll ein Europäer als drittes Crewmitglied neben einem Amerikaner und einem Russen im Orbit Flagge zeigen, und im nächsten Jahr soll das europäische Forschungsmodul Columbus an die ISS andocken. Eigentlich sollte es längst oben sein. "Wir haben lange gewartet", sagte Alan Thirkettle von der europäischen Raumfahrtagentur ESA bei einer Pressekonferenz der Nasa am gestrigen Donnerstag in Cape Canaveral, "und wir haben uns in Geduld geübt. Jetzt sind wir gespannt auf den Start von Columbus im nächsten Jahr. Und wir freuen uns auf Samstag, oder Sonntag oder Montag." Die Wahrscheinlichkeit, dass der Shuttle-Start am Samstag wegen schlechten Wetters verschoben wird, liegt 36 Stunden vor dem Start bei 60 Prozent.
Dass als erster Europäer ein Deutscher die Crew verstärkt, ist auch ein politisches Signal, schließlich trägt Deutschland etwa 40 Prozent, in diesem Jahr 161 Millionen Euro, der europäischen ISS-Kosten. Bis Ende des Jahres wird Deutschland 1,8 Milliarden Euro in die ISS investiert haben. Zu viel, finden die Physiker in Deutschland. "Mit Ausnahme von Experimenten an Menschen selbst lassen sich im Forschungsbereich fast alle Experimente besser, präziser und kostengünstiger durch unbemannte Missionen durchführen," heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) zur bemannten Raumfahrt. "Das Geld wäre an anderer Stelle besser aufgehoben", sagt DPG-Vizepräsident Knut Urban vom Forschungszentrum Jülich und beklagt die knapper werdenden Mittel der Universitäten. Urban hat selbst in den 90er Jahren Experimente für die Raumfähre Columbia betreut - und sich schließlich wieder auf irdische Physik konzentriert. "Ich konnte den hohen Mitteleinsatz persönlich nicht mehr vertreten", sagt er, "da muss jeder vor sich selbst ehrlich sein." Der US-Physiker und Kolumnist Robert Park nennt die Raumstation gar eine "einzige Peinlichkeit."
Die Experimente von Menschen im All sind vor allem Selbstzweck, und die Versuchsbeschreibungen der nun anstehenden Mission lesen sich stellenweise wie Regieanweisungen für Dada-Theater. Das Experiment "Sample" beschreibt die Esa so: " Der Astronaut wird Proben aus bestimmten Bereichen der Raumstation und von seinem eigenen Körper sammeln. Die Proben werden durch Reiben mit Wischstäbchen über Oberflächen, auf denen sich voraussichtlich Bakterien aufhalten, gewonnen, wie zum Beispiel Schalter, Tastaturen, und persönliche Hygieneartikel." Und im Versuch "Festliche Mahlzeit" soll die Mannschaft auf der Raumstation bei Geburtstagen, Crewwechsel oder an Feiertagen "mit hochwertigen Konserven versorgt werden. "Mit dieser psychologischen Unterstützung sollen positive Effekte für Langzeitmissionen erreicht werden."
Kein Wunder, dass sich für Wissenschaft auf der ISS niemand mehr interessiert. Die Shuttleflüge und das Zittern, ob sie heil wieder runter kommen, bieten die bessere Show. Dann schon lieber Isolierschaum.
- Datum 02.07.2006 - 11:47 Uhr
- Quelle ZEIT online, 30.06.2006
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