Indien Schnitt in die Lebensader
Schockiert blickt Indien auf Mumbai. Die Bomben treffen die Nation ins Herz

Die Vorortzüge Mumbais sind die Lebensader der indischen Finanzmetropole. Mehr als sechs Millionen Passagiere fahren jeden Tag mit den Bahnen und machen sie damit zum meist genutzten Nahverkehrsmittel der Großstädte der Welt überhaupt. Ausgerechnet im abendlichen Berufsverkehr, wenn die Waggons nicht nur vollbesetzt sind, sondern Pendler in Trauben aus den offenen Türen heraushängen,
zündeten Terroristen am Dienstag in sieben Zügen Bomben
. Fassungslos verfolgte die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt, wie die Zahl der Toten in kurzer Zeit auf mehr als 130 wuchs. Kommentatoren verglichen
die Anschläge mit denen von London vor einem Jahr.
Ein Jahr und vier Tage vor den Anschlägen in Mumbai attackierten Terroristen die Londoner U-Bahn - und damit ebenfalls die wichtigste Verkehrsverbindung einer Metropole. Damals kamen 56 Menschen ums Leben. "Das ist Indiens 7/11", sagte ein Kommentator im indischen Fernsehen zu den Anschlägen in der 14-Millionen-Metropole - eine beängstigende Mischung aus dem 7. Juli 2005, dem Datum der Anschläge in London, und dem 11. September 2001, an dem die Terrorangriffe al-Qaidas in New York und Washington den internationalen Krieg gegen den Terrorismus auslösten.
Zunächst bekannte sich niemand zu der Bluttat in Mumbai. Die indische Regierung untersucht, ob es eine Verbindung zu einer Anschlagserie muslimischer Extremisten am Dienstag im indischen Teil Kaschmirs geben könnte. Die aus Pakistan heraus operierende muslimische Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba - die bei Anschlägen in Indien stets zu den ersten Verdächtigen gehört - dementierte jede Beteiligung an der Bombenserie in Mumbai. Sicherheitsexperten hielten das Dementi allerdings für kaum glaubwürdig.
Wenn auch unklar ist, wer hinter den Anschlägen in Mumbai steckt, steht doch fest, dass Profis am Werk waren. Nur eine Terrorgruppe könne die logistische Herausforderung meistern, alle Sprengsätze binnen einer halben Stunde zu zünden, sagte Mumbais Polizeichef Roy. Die Täter wussten auch, dass sie mit den Bomben nicht nur Mumbais wichtigste Verkehrsverbindung, sondern ganz Indien ins Mark treffen würden.
Mumbai ist das Symbol für Indiens ökonomischen Aufstieg, in der jüngsten Vergangenheit hat das Land vor allem als kommende Wirtschaftsmacht Schlagzeilen gemacht. Selbstbewusst präsentiert sich Indien auf der internationalen Bühne, sei es als Partnerland auf der Hannover-Messe, sei es bei der Frankfurter Buchmesse oder bei Bollywood-Festivals in Deutschland. Fast in Vergessenheit gerät da, dass auf dem Subkontinent immer noch zahlreiche ungelöste Konflikte toben. ( Can Merey, dpa )
- Datum 13.07.2006 - 12:23 Uhr
- Quelle ZEIT online
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