Mitarbeit 12-Jahres-Korsett aufgeschnürt
Forscher dürfen an den Unis weitermachen, auch nachdem sie zwölf Jahre befristet angestellt waren
Die Bundesregierung plant, jungen Forschern, die befristet angestellt sind, eine längerfristige Perspektive in der Wissenschaft zu eröffnen. Mit einem Gesetzentwurf, welcher der ZEIT vorliegt, will Bildungsministerin Annette Schavan die so genannte „12-Jahres-Regelung“ lockern. Die Vorschrift, erlassen 2002 von Schavans Vorgängerin Edelgard Bulmahn, sorgt seit Jahren für Schrecken und Zukunftsängste unter deutschen Nachwuchswissenschaftlern. Sie besagt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter in ihrer Qualifikationsphase nur zwei Mal sechs Jahre befristet beschäftigt werden dürfen: jeweils vor und nach ihrer Promotion. Danach sollten sie eine feste Stelle, sprich: Professur gefunden haben – oder sich außerhalb der Wissenschaft einen Job suchen.
Diese Vorschrift sollte eigentlich Nachwuchswissenschaftler vor Kettenverträgen schützen. Sie hatte jedoch einen höchst schädlichen Nebeneffekt. De facto nämlich zwängte sie alle nicht fest angestellten Forscher ins 12-Jahres-Korsett. Tausende sahen ihre Existenz bedroht. Ein Sturm der Entrüstung richtete sich damals gegen das Bulmahn-Ministerium. Wissenschaftliche Mitarbeiter sammelten insgesamt 13.000 Unterschriften für ihre Kampagne „Wir wollen forschen - in Deutschland“.
Jetzt scheint ihr Ruf erhört zu werden. Die neue Regelung soll ausdrücklich erlauben, befristete Verträge auch nach den 12 Jahren abzuschließen – allerdings nur dann, wenn die Stelle durch „Drittmittel“ finanziert wird. Jene Fördergelder aus der Privatwirtschaft oder aus öffentlichen Forschungsförderungen also, die für die Forschung an Universitäten und Forschungsinstituten immer wichtiger werden. Ein Großteil der Wissenschaftler arbeitet bereits in so genannten Drittmittelprojekten, in manchen Disziplinen sind sie das Fundament der Forschung. In Zukunft sollen die Forscher dies auch dann tun dürfen, wenn die 12-Jahres-Frist verstrichen ist.
Das sei auch unter der alten Regelung möglich gewesen, hatte es jahrelang unter Schavans Vorgängerin Bulmahn geheißen. Die Hochschulen jedoch sahen das anders. Sie fürchteten, dass sich die Mitarbeiter irgendwann einklagen und vor den Arbeitsgerichten Recht bekommen würden. Opfer der Pattsituation seien die Wissenschaftler gewesen, sagt Meinhard Hahn, Mitarbeiter am Deutschen Krebsforschungszentrum und Initiator der Protest-Kampagne. Denn viele Mitarbeiter erhielten keine neuen Verträge. Ihn selbst schützt bislang eine Übergangsfrist bis 2008. „Danach würde ich nach der alten Regelung auf der Straße stehen.“ Ein Rausschmiss aus formalen Gründen, obwohl seine Expertise und Erfahrung in der Forschung gebraucht wird.
Nun will die Bundesregierung Rechtsklarheit schaffen – mit einem eigenen Gesetz, das die Drittmittel ausdrücklich als „Befristungstatbestand“ erwähnt. Damit könnte „eine der unproduktivsten Debatten der vergangenen Jahre zu Ende gehen“, freut sich der Vorsitzende des Wissenschaftsrates Peter Strohschneider. Die Diskussion um die 12-Jahres-Regelung habe einen „schädlichen Abschreckungseffekt auf junge Forscher“ gehabt.
Ganz zufrieden ist Strohschneider dennoch nicht. Zwar sei der BMBF-Vorschlag „ein großer Schritt in die richtige Richtung“. Einem kleinen Teil besonders guter Forscher müsse man jedoch eine Perspektive bieten, die über befristete Projektstellen hinausgehen. Solche festen Stellen unterhalb der Professur fehlen jedoch an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Zugespitzt formuliert: Nur Lehrstuhlinhaber und Hausmeister können in der Wissenschaft mit einer Beschäftigung auf Lebenszeit rechnen.
Der Wissenschaftsrat hatte 2004 vorgeschlagen, mehr Dauerstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter einzurichten – jedoch mit der Möglichkeit, ihnen leichter zu kündigen, als es heute bei fest angestellten Mitarbeitern an Hochschulen möglich ist. Etwa weil Drittmittel wegfallen. Der Vorschlag scheiterte jedoch am Widerstand der Gewerkschaften und einiger Forschungsorganisationen.
- Datum 07.07.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Bin mangels Stellen in Deutschland nach der Promotion in die USA gegangen, forsche und lehre hier an einer sehr guten staatlichen Uni (die es ja auch gibt, auch wenn die Diskussion in Deutschland immer auf Harvard und Stanford verengt wird), und verfolge von hier die deutsche Hochschulsituation. Wenn ich hier jemandem die 12-Jahres Regelung erkläre, ist die Reaktion jedesmal absolutes Unverständnis darüber, wie man denn gute Forschung - die ja durchaus geleistet wird in Deutschland - derartig blödsinnig erschweren könne. Eine Neuregelung ist sicher zu begrüßen, wird aber an der Malaise der deutschen Hochschulpolitik wenig ändern. Ich glaube nicht, dass die Festanstellung oder nicht das Problem ist - auch hier wird an der sogenannten 'Tenure' gesägt - sondern die generelle Haltung, eher Leistung zu honorieren, als Regelungen über Leistungen zu stellen, und etwas 'nicht' möglich zu machen. Immer wieder stoße ich bei Erkundigungen oder Anfragen unterschiedlichster Art in Deutschland auf dieses 'nicht'. Die positive Frage, was denn nun möglich ist, und was kreativ unternommen werden kann, um etwas möglich zu machen, wird meiner Erfahrung nach viel zu wenig gestellt - dazu gibt es ja die Regelungen...
Die Debatte ueber diese 12-Jahres-Regelung ist (mal wieder) typisch deutsch.
Zunaechst einmal ist die Bulmahn-Regelung selber glatter Unsinn. Alle reden immer von der Autonomie der Unis, und dann wird den Hochschulen vorgeschrieben, wen sie warum wie lange beschaeftigen duerfen. Hallo, merkt da noch jemand was? Warum koennen die Hochschulen derartige Entscheidungen nicht selbst faellen? Warum muessen (faktisch) Berufsverbote erteilt werden?
Aber wir waeren nicht in Deutschland, wenn die Sache damit bereits abgeschlossen waere. Die neue Ministerin scheint von einem Anfall von Einsicht geruettelt, doch es stellt sich heraus, dass es eigentlich nur um eine Detailveraenderung der alten Regelung geht. Warum schafft man diese nicht einfach ersatzlos ab? Weil wir in Deutschland ja derartig wenige Verordnungen haben, meint man wohl, die bestehenden erhalten zu muessen. Die Ministerialbuerokratien, in denen es wahrscheinlich nur Dauerstellen gibt, haben ja auch sonst nichts zu tun.
Wie waere es mal damit, das oeffentliche Dienstrecht zu entschlacken und die Hochschullaufbahn in Deutschland durch einige Veraenderungen (tenure track, mehr Geld, weniger Buerokratie) attraktiver zu machen? Und vielleicht mal jemanden in das Bildungsministerium zu setzen, der nicht zuletzt eine Uni von innen gesehen hat, als die meisten heutigen Anwaerter auf eine Uni-Karriere noch in die Windeln gemacht haben - einen erfahrenen Hochschullehrer oder Rektor vielleicht, der die praktischen Probleme einer Uni kennt?
Solange die Dinge so laufen, muss sich ueber den viel zitierten "brain drain" wahrlich niemand wundern! Also lasst uns alle einfach weiter Leute von deutschen Steuergeldern ausbilden und dann dem Ausland ueberlassen, weil die deutsche Hochschulpolitik nichts auf die Reihe bekommt.
Wer wird schon in der Privatindustrie einen Job akzeptieren, wenn ihm von vornherein gleich gesagt wird: "Aber in 12 Jahren wirst Du gefeuert?" Es war typisch deutsch, solche unsinnige Regelung seitens der Regierung zu erlassen, anstatt die Entscheidungen jeweils individuell je nach Leistung zu treffen.
nirgends gibt es von kündigung völlig ungefährdete arbeitsplätze außer im beamtentum. will aber eigentlich irgendjemand beamten-forschung? der unsägliche zusammenhang "unbefristet = unkündbar" ist noch immer nicht aufgelöst.
man muss auch mal leute loswerden können!
Diese "12-Jahres Regelung" ist faktisch ein Berufsverbot. Ausnahmeregelungen für "kleinen Teil besonders guter Forscher" ist Unsinn, da sie sehr wahrscheinlich selbst eine Professur erhalten werden.
Es ist aber genauso wichtig, dem "normalen" Forscher Perspektiven an deutschen Universitäten zu bieten. Eine Universität läuft eben nicht nur mit Professoren und Hausmeistern allein.
Dieses Berufsverbot war übrigens für mich der Hauptgrund, in die USA zu gehen. Die Nachrichten aus Deutschland ermuntern mich nicht gerade zur Rückkehr. Dabei braucht sich die universitäre Forschung in Deutschland (noch) nicht vor der anglo-amerikanischen Konkurrenz zu verstecken. Es schmerzt zu sehen, wie diletantische und beratungsresistente Politiker die deutsche Hochschullandschaft kaputtregulieren.
Es wird Zeit, diese unsinnige Schikane endlich wieder zu kippen. Wohl kaum eine Regelung hat den wissenschaftlichen Nachwuchs so dermaßen ruiniert, wie diese Pseudo-Schutzregelung.
im Zusammenhgang mit der Hochschulrahmengesetzgebung von Frau Buhlmahn ist, dass ihr Job auch befristet war - jetzt ist sie weg und siehe da: hin und wieder scheint es auch die schlechtesten zu treffen, die gehen müssen.
Leider mehr aus Zufall als gelenkt, was wenig hoffnungsfroh stimmt für die Fähigkeit der Politik, dieses Gebiet sachgerecht zu verarzten.
Zitat: biologisch - nirgends gibt es von kündigung völlig ungefährdete arbeitsplätze außer im beamtentum. will aber eigentlich irgendjemand beamten-forschung? der unsägliche zusammenhang "unbefristet = unkündbar" ist noch immer nicht aufgelöst.
man muss auch mal leute loswerden können!
Die wenigsten, die unbefristete Arbeitsplätze in der heutigen Uni-Landschaft haben sind die Bürokraten, die die unsinnige Beschlüsse der Politik umsetzen. Wer schon mal einen Blick in die Forschungslandschaft geworfen hat weisst, dass die besten Heutzutage nach ihrer Postdoc-Zeit die Forschungstätten zugunsten der Ausland verlassen...weil sie nicht weiter forschen dürfen. So werden Projekte mittendrin abgebrochen, Visionen nicht weiterverfolgt, Millionen von Geldern verpulvert weil die Arbeiten nicht zu einem Ende geführt worden sind, die besten Köpfe wandern ab und die Grundlagenforschung in Deutschland geht zugrunde.
Und was hat es mit den Beamten zu tun? Ja...die Beamten bestimmen die Gesetze...mehr nicht.
Die Aussage von Biologisch ist nicht nur irreführend, sie ist ein Gift für das Forschungsstandort Deutschland. Ich kenne dutzende Forscher, die ihre Projekte abgebrochen haben, weil die 12-Jahre Regelung sie dazu genötigt hat. Sie sind heutzutage erfolgreich für andere Nationen, wo solche unqualifizierte Aussagen nicht die Allgemeinheit bestimmen.
Deutschland ist übrigens seeeehr erfolgreich dabei die besten Leute loszuwerden.
Grüsse
Atkins
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