Serie Lob der Kinderarbeit

In den Montessori-Kindergärten dürfen die Kinder so schnell oder so langsam lernen, wie sie wollen. Und die Erwachsenen müssen sich zusammenreißen

Im Montessori-Kinderhaus wird nicht nur gespielt – es wird vor allem gearbeitet. Und ihre Arbeit erledigen die Kinder selbstständig.

Das Konzept geht zurück auf eine engagierte Frau: Maria Montessori. Sie war die erste Medizinstudentin und die erste Ärztin Italiens. Nach dem Studium arbeitete sie mit behinderten Kindern und begann sich für die Erziehung von Kindern einzusetzen. Woraufhin sie noch einmal studierte: Pädagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie. Sie ließ sich anregen von den Theorien des Psychologen Alfred Adler, der davon ausging, dass jedes Kind eine eigene schöpferische Kraft besitzt und die Welt auf eigene Weise deutet. Allen Kindern gemeinsam sei jedoch ihr Wunsch, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Sie wollen, laut Adler, außerdem alle ihren Mangel gegenüber Erwachsenen selbstständig überwinden. Das äußert sich zunächst einmal in ihrem Ehrgeiz, greifen, laufen, essen zu können wie die Erwachsenen. Sie wollen Sicherheit in der Gemeinschaft finden und ihren eigenen Lebensstil bilden. Damit meinte Adler, dass jedes Kind seinem eigenen Ordnungsmuster folgen wolle. Zu viel Fürsorge könne dazu führen, dass die Mitarbeit des Kindes unterdrückt wird. Das Kind fühlt sich nicht ernst genommen und überlasse schließlich dem Erwachsenen das Handeln.

Die Erkenntnisse aus dem Studium und ihrer Arbeit mit behinderten Kindern übertrug Maria Montessori auf die Erziehung gesunder Kinder. Im Jahr 1907 gründete sie in einem römischen Arbeiterviertel das erste Casa dei Bambini , ein Kinderhaus. Nach und nach entwickelte sie Materialien und Hilfsmittel, um die Kinder in ihrem Streben anzuregen.

Diese Materialien sind einfach gestaltet und dem Alltagsleben entnommen. Sie sollen kleinen Kindern ermöglichen, was sie ohnehin am liebsten tun: Dinge so lange und immer wieder zu erforschen, bis alle Details beobachtet und zugeordnet und die Unterschiede erkannt sind. Die Materialien ermöglichen den Kindern, Fehler selbst zu erkennen und zu korrigieren. Das Kind soll damit die Welt erst sinnlich, später auch begrifflich erfassen, schließlich vom konkreten Schauen zum abstrakten Denken gelangen. Montessori wünschte sich, dass die Kinder nicht einzelne Fakten lernen und anschließend Sport treiben, sondern alles miteinander tun: "Dies ist ein wesentlicher Erziehungsgrundsatz: Einzelheiten lehren bedeutet Verwirrung stiften. Die Beziehung unter den Dingen herstellen bedeutet Erkenntnisse vermitteln". Montessori und ihre Nachfolger unterrichten die Kinder in unterschiedlichen „Fächern“. Sie nutzen beispielsweise für die sinnlichen Erfahrungen Bretter mit unterschiedlichen Oberflächen: rau, glatt in unterschiedlichen Abstufungen. Der rosa Turm besteht aus Holzklötzen in abgestuften Größen, der nur auf bestimmte Weise zusammengebaut werden kann. Hören und musikalisches Verständnis erproben die Kinder an Büchsen, die verschiedenes enthalten und deshalb unterschiedlich klingen. Später arbeiten sie dann auch mit Noten und Tonleitern. Mit Perlenketten lernen die Kinder rechnen. Doch auch vor Zahlen und Buchstaben aus Holz hat man keine Scheu bei Montessori. Erdkunde wird den Kindern mit Globen, Flaggen und Wappen nahe gebracht.

Dabei müssen die Erzieherinnen, die sich lieber Lehrerinnen nennen, nicht allein die von Montessori entwickelten Materialien nutzen, wie Christa Fröhlich-Dithmer vom Hamburger Kinderhaus Monaddrrei betont. Sie stellen mit den Kindern eigene Dinge her, beispielsweise Boote aus Tischtennisbällen, die sie im Wasser schwimmen lassen und mit Zangen wieder herausfischen. Zur Fußballweltmeisterschaft lernten die Kinder Flaggen und Geografie der beteiligten Länder kennen, erklärten sich die Regeln und bastelten ihr eigenes Fußballfeld. In einem modernen Montessori-Kinderhaus können die Kinder durchaus Yoga lernen, mit Puppen spielen oder gemeinsam eine Zirkusaufführung vorbereiten.

Die Lehrerin führt einen neuen Gegenstand nur einmal - möglichst ohne viele Worte - vor. Es gibt auch jedes Ding nur ein einziges Mal. Sie zeigt es nur einem Kind oder einer kleinen Gruppe von Kindern. Ein Kind darf dann bestimmen, wie es damit umgehen will. Es beschäftigt sich allein mit dem Gegenstand, korrigiert seine Fehler selbst und weist anderen interessierten Kindern kleine Aufgaben zu. Durch diese Beschränkung sollen die Kinder soziales Verhalten lernen: mal die Verantwortung übernehmen und mal sich zurücknehmen, wenn ein anderes Kind gerade mit einem Gegenstand beschäftigt ist, den man selbst gerade bearbeiten möchte.

Jedes Kind hat seinen Tisch und seinen Stuhl, an dem es arbeitet und isst. Die Erwachsenen müssen sich zurückziehen und dürfen nicht werten. Sie sollen weniger an vorgegebene Ziele denken, als einfach aufmerksam für die Fortschritte jedes einzelnen Kindes sein. Maria Montessori spricht von "keuscher Sensibilität" und von einer "peinlich gewissenhaften" Haltung. Erst dann kann sich das einzelne Kind ernst genommen und wertgeschätzt wissen. Lehrer und Eltern sollen sich bemühen, die Kinder zu verstehen. Was teilweise sehr schwer ist, da sie akzeptieren müssen, dass sie nicht jeden Schritt, den die Kinder nach ihrem eigenen Plan gehen, nachvollziehen können. Die Hilfe, die sie anbieten, darf keinesfalls bedeuten, dass sie den Kindern ihre "Arbeit" abnehmen. Demzufolge übernehmen die Kinder auch kleine Aufgaben im Kinderhaus selbst, bereiten beispielsweise das Frühstück mit vor, sind verantwortlich für die Bücherecke oder die Zahnputzutensilien.

Bei aller Freiheit, die den Kindern in ihrer Entfaltung und in der Gestaltung der Projekte und Regeln eines Kinderhauses gewährt wird, ist offensichtlich, dass antiautoritäres Machen-Lassen nicht Montessoris Sache ist. Der Rahmen ist sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder recht strikt. Dieses Prinzip geht so weit, dass Eltern in den meisten Montessori-Häusern den Gruppenraum, in dem die Kinder arbeiten, nicht betreten dürfen. Sie sollen nicht vergleichen, was das eigene Kind und die anderen geleistet haben, damit sie nicht eingreifen, bewerten und versuchen zu lenken. Ein Verhalten, in das die meisten Eltern unbewusst verfallen.

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Leser-Kommentare
  1. Was da über das Montessori-Konzept berichtet wird, klingt unglaublich zeitgemäß. Individuelles Lernen, gar Leistung soll gefördert werden durch eigenverantwortliches Handeln. Wissen wird im Sinnzusammenhang vermittelt, Gemeinschaft bedeutet immer auch Vermittlung eigener Erfahrungen. Erwachsene dürfen allenfalls nach genauer Beobachtung eingreifen. Kaum zu glauben, dass all diese Forderungen bereits von über 100 Jahren aufgestellt wurden. In einer Zeit also, in der den meisten Menschen das Kind allenfalls als Material gegolten hat. Ich frage mich ernsthaft, wieso dieses Konzept nicht bereits ein fester Bestandteil unseres pädagogischen Alltags ist – und außerdem massenhaft angehenden Eltern in staatlich geförderten Abendkursen vermittelt wird.

    Sicher, falsch angewendet kann vermutlich auch das Montessori-Konzept Schaden anrichten. Womöglich ist nicht jede einzelne Komponente absolut unkritisierbar. Und der Mensch ist auch hier Risikofaktor Nummer 1. Wenn "zusammenreißen" fehlinterpretiert wird als "raushalten und laufen lassen", ist gar nichts gewonnen. Selbstverständlich muss auch die Montessori-Pädagogik immer wieder auf Aktualität überprüft werden. Und eine solide Ausbildung der Pädagogen ist wohl das A und O bei der Sache. Mir scheint allerdings, dass all das in diesem Fall wesentlich leichter zu bewerkstelligen ist, als beispielsweise im Falle des Waldorfkindergartens. Schließlich ist die Wissenschaft seit Jahrhunderten daran gewöhnt, „gute Gründe“ anzugeben und sich der Kritik zu stellen. Esoterikern genügen die bloße Behauptung und der feste Glaube daran.

    Schade, dass der Text diesmal keine weiterführenden Links enthält. Aber wer den Begriff Montessori-Kindergarten bei Google eingibt, der findet sicher die eine oder andere interessante Seite.

  2. schöner Artikel, ein ausführlicher Bericht würde mich noch interessieren.

    Gruß

    ein Leser

  3. Ich würde gerne noch mehr über dieses Thema erfahren. Es wäre toll, wenn sich mehr und mehr diese alternativen Methoden durchsetzen würden. Ein Kind muß spaß am Lernen haben. Leider ist die Realität so, daß viele, nicht alle, Kindergärten nur eine Aufpasser und Aufbewahrungsfunktion erfüllen, und keine wirkliche Erziehungs- und Förderungsarbeit leisten. In einer modernen Gesellschaft ist die Erziehung ein ganz wichtiges Thema. Leider besteht aber in den meisten Ortschaften nur die Möglichkeit sein Kind in einen unfortschrittlichen bzw. kirchlichen Kindergarten mit herkömmlichen Methoden zu bringen. Es würde mich freuen, wenn solche Konzepte mehr Verbreitung und Akzeptanz finden würden.

  4. Kleine Kinder lernen hauptsächlich dem Lehrer zu liebe. Maria Montessori war sicherlich eine unglaublich charismatische Frau, und da ist es kein Wunder, daß sich alle Kinder bemühren, ihrer Lehrerin zu liebe zu lernen.
    Leider ist dieses Charisma nicht jedem gegeben; das erklärt die Probleme vieler Lehrer mit ihren Kindern, ungeachtet der "Unterrichtsphilosophie".

    • Magrat
    • 13.07.2006 um 21:30 Uhr

    behaupten, Montessori-Pädagogik würde Kinder zu "Einzelkämpfern" machen.
    Ich habe das nie so empfunden. Manchmal habe ich mich gewundert warum manche mit den Klötzchen gespielt haben und ich richtige Rechenaufgaben hatte. Aber viel schlimmer ist das nach unten anpassen müssen für Begabte und das Mithalten müssen für weniger begabte wenn sich alles auf einem mittleren Niveau einpendelt.

  5. Unzweifelhaft war Frau Montessori mit hohem akademischen Wissen und auch mit hoher Bildung ausgestattet. Sie war vor allem aber auch Wissenschaftlerin.

    Problematisch wird es, wenn sich Nachfolgerinnen, bei allem Respekt, sich daran machen, das zu Beginn des letzten Jahrhundert entwickelte und angewandte relativ komplexe Erziehungssystem in heutigen Kindergärten anzuwenden. Eine ständige Anpassung an den derzeitigen Wissenstand wäre nötig und ein ebensolcher Wissensstand und vor allem auch Bildung der, sind es dann noch Kindergärtnerinnen, wäre primäre Voraussetzung.

    Wenn das Montessori System falsch angewandt wird, wird mit einem hohem Grad an Wahrscheinlichkeit mehr Schaden als Nutzen angerichtet! Ein gefährliches „Spiel“.

    • Magrat
    • 12.07.2006 um 1:11 Uhr

    Ich war wohl in den 60er Jahren nach heutigen Maßstäben hochbegabt und leider krank.
    Das erste Schuljahr gefehlt und gleich ins zweite. Wäre ich nicht auf eine Lehrerin gestoßen die Montessori-Anhängerin war, hätte ich die Grundschule entweder nicht überlebt oder wäre einer dieser hochbegabten Schulversager geworden. Das Regelschul-System krankt vor allem daran, dass sich alle Kinder an ein Niveau anpassen müssen. Die einen nach oben, die anderen nach unten. Ständige Unterforderung ist fast schlimmer als Überforderung.

  6. Serie finde ich gut, weil man sehen kann, dass es eine ganze Reihe guter Ansätze gibt, auf die - weil auch schon erprobt - sowohl in Kindertagesstätte aber auch in der Schule zurückgegriffen werden könnte.
    Das Erschreckende ist eigentlich, dass es da jede Menge gibt, dass unter wahlweise aus ideologischen oder Kostengründen nicht öfters umgesetzt wird.
    Literaturhinweise am Ende für interessierte Eltern könnten hilfreich sein.

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