Kindergarten Kleine Demokraten
In Kindergärten mit situativem Ansatz üben Kinder das Leben selbst. Und jeder macht mit. Integration ist das Zauberwort.
Man stelle sich eine bunt zusammengewürfelte Kindergartengruppe vor: Ein dreijähriger introvertierter Junge, türkische Eltern, der ungern Spielzeug teilt. Eine quirlige Sechsjährige mit Sommersprossen, die auf einem Öko-Bauernhof lebt. Ein vierjähriger afrikanischer Junge, dessen Eltern aus einem Krisengebiet geflohen sind, als er noch ein Baby war. Die gesamte Familie wohnt auf engstem Raum in einem Asylantenheim.
Ein Kindergarten ist laut Situationsansatz bestenfalls ein Querschnitt durch die heutige Gesellschaft. Die Gruppen setzen sich aus Kindern unterschiedlichen Alters, verschiedener Kultur und sozialer Herkunft zusammen - und zwar bewusst. Auch behinderte Kinder werden durch speziell ausgebildetes Personal integriert. Wird hier einfach Streit provoziert, oder ist es die gelungene Vorbereitung auf eine multikulturelle tolerante Gesellschaft?
Die pädagogischen Ziele des Situationsansatzes orientieren sich an demokratischen Grundwerten der Gesellschaft: Die Schlagworte "Autonomie, Solidarität, Kompetenz" schreibt sich jeder dieser Kindergärten auf die Agenda. Entstanden ist das Konzept um das Jahr 1975 im Zuge einer breiten Diskussion in der Reformpädagogik. Die Frage war, ob Bildung am besten funktioniert, wenn Kinder streng angeleitet werden und Lehrpläne abarbeiten müssen, oder, wenn man sie einfach auf eigene Faust die Welt erkunden lässt. Die Initiatoren des Situationsansatzes Shaul Robinson und Paolo Freirer befanden, dass Menschen am besten lernen und sich bilden, wenn sie sich für etwas interessieren.
Bevor die Kinder andere verstehen und akzeptieren können, sollen sie zunächst sich selbst kennen lernen. Die Erzieherinnen beobachten und analysieren fortlaufend und in enger Zusammenarbeit mit den Eltern das Verhalten, die Vorlieben und Gewohnheiten der Schützlinge und behalten dabei immer die individuelle Biografie eines jeden im Hinterkopf. Sie müssen den Kindern ermöglichen, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und sich selbst zu achten. Das fängt bei der kulturellen Identität an. Erst, wer sich seiner Wurzeln bewusst ist, hat Lust, die der anderen zu ergründen.
Die Kindergärten mit Situationsansatz fördern gezielt die Familiensprachen der Kinder, um damit das kulturelle Selbstbewusstsein zu stärken. Die Kinder haben eher Lust, Deutsch zu lernen, wenn sie merken, dass sowohl die Erzieherinnen als auch die anderen Kinder sich für ihre Sprache interessieren. Gutenmorgenlieder sowie Tanz-, Sing- und Kreisspiele in der jeweiligen Familiensprache sind deshalb fester Programmpunkt. Das Konzept geht davon aus, dass sich die Kinder so geborgen und ernst genommen fühlen. Sie können voneinander und übereinander lernen und eignen sich in konkreten Alltagssituationen die deutsche Sprache an. Ausgebildete Erzieherinnen, die wissen, wie Kinder Sprachen erwerben und Redekompetenz entwickeln, können Situationen so gezielt steuern. Ein Kind, dass sich für Puppenhäuser interessiert, lernt leicht die Vokabeln, die es dazu braucht.
Jedes Kind bringt eigene Erfahrungen, eigenes Wissen und den kulturellen Hintergrund der Familie mit in die Gemeinschaft. Es ist vertraut mit seiner eigenen Welt und seinen Erinnerungen. Die gemeinsamen Erfahrungen werden in einen Topf geworfen und geteilt. Auch ohne Zutun der Erwachsenen haben die Kinder einen Erfahrungsfundus miteinander, den kein Lehrplan ersetzen könnte.
Das Sommersprossenmädchen kann den anderen von den Tieren auf dem Bauerhof erzählen und erklären, wie man eine Kuh melkt, oder ein Baumhaus baut, oder, dass Blumen gegossen werden müssen. Der Junge aus Afrika könnte von besonderen Bäumen oder Tieren in seiner Heimat erzählen, oder davon, dass seine Familie in Afrika so viele Mitglieder hat, wie die Einwohner eines Dorfes in Deutschland. Ein indisches Mädchen wird eine andere Antwort auf die Frage haben, was nach dem Tod passiert, als der Sohn eines sächsischen Pfarrers. Unter den Kindern entwickele sich automatisch ein Verständnis dafür, dass die eigenen Ansichten und Wahrnehmungen nicht objektiv wahr sind, sondern dass es auch andere Überzeugungen gibt. Genauso verstehen sie, dass es Weinen und Lachen auf der ganzen Welt gibt. Projekt Weltethos in Kleinkindschuhen also.
Die Kinder sollen an realen Situationen lernen. Der Gegenstand muss sie direkt betreffen. Der Wechsel von Tag und Nacht kann zum Beispiel Angst vor Dunkelheit auslösen oder Freude, im Sommer Abends ein wenig länger aufbleiben zu dürfen. Außerdem die Neugierde, warum es eigentlich dunkel wird. Aufgabe der Erzieherinnen ist es, den Schützlingen genau so viel zu erklären, bis ihre Frage beantwortet ist. Sie dürfen die Kleinen nicht mit Erwachsenen-Wissen überrollen, um nicht deren eigene Erkundungen zu behindern. Professionelle Beratungen und Absprachen unter den Betreuern und Eltern sind deshalb wichtig. Es kann zum Beispiel helfen, zu erzählen, dass es Länder gibt, in denen es den ganzen Tag hell ist, oder Orte auf der Welt, an denen die Sonne eine Weile nicht aufgeht. Zu viel wäre es, dabei die Rotation und Revolution der Erde und die Wendekreise zu erwähnen. Es werden also keine Themen oder Unterrichtsfächer abgearbeitet.
Jeder darf einbringen, was ihm wichtig ist und womit es sich gerne beschäftigt. Die Kinder üben, Konflikte zu schlichten, wenn sich Bedürfnisse überschneiden, und müssen gemeinsam entscheiden, wie sie ein Problem lösen, damit alle Beteiligten gerecht behandelt werden. Die Erzieherinnen dürfen dabei nicht zu früh eingreifen und von vorneherein die Kinder mit ihren Regeln belehren. Sie müssen abwarten, bis die Kinder selbst ein Gefühl für die richtige Abwägung bekommen. Gar nicht einzugreifen, wenn ein Junge oder Mädchen wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder Sprache ständig ausgeschlossen wird, wäre jedoch falsch. Diskriminierungsmuster und stereotypische Geschlechterrollen sollen sich nicht im Denken der Kinder festsetzen.
Regeln und Normen werden mit den Kindern zusammen vereinbart. Im Kindergartenalltag kann der Nachwuchs den Sinn und die Gültigkeit dieser Werte feststellen. War zum Beispiel abgemacht, dass jeder vier gelbe Bauklötze bekommt, und ein Kind will mehr, erkennt es den Sinn der Abmachung zur Not auch erst dann, wenn es selbst nicht genügend Steine abbekommt. Beim nächsten Mal, so die Prognose, wird es einsichtig teilen.
Demokratie heißt mitmachen und gestalten. Was die Kinder selbst tun können, wird ihnen zugetraut und zugemutet. Indem sie merken, dass etwas ohne sie nicht funktioniert, fühlen sie sich gebraucht. Sie merken, dass die eigene Anstrengung etwas bewirkt. Zum Beispiel können sie sich darüber freuen, wenn sie die Gruppenräume dekoriert, die Wände mit Farbe bepinselt haben. Sie hatten also Einfluss auf eine angenehmere Atmosphäre im Kindergarten.
Eine der wichtigsten Aufgaben des Ansatzes ist es, das politische Bewusstsein der kleinen Demokraten zu stärken, damit sie die Gesellschaft aktiv und verantwortlich mitgestalten wollen. Später und schon im Kindergarten, weil es auch ihr eigenes Leben und das ihrer Freunde betrifft.
- Datum 31.07.2006 - 08:31 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Da liegt die Chance, der Ansatz!
Wir schaetzen nicht genug, was die Damen und Herren leisten, die sich um Kinder kuemmern!
Sie bauen die Zukunft!
Von ihnen haengt unsere Zukunft ab!
>...Diskriminierungsmuster und stereotypische Geschlechterrollen sollen sich nicht im Denken der Kinder festsetzen.
Im Denken von Kleinkindern gibt es keine rassistischen Diskriminierungsmuster. Kleine Kinder schließen sich nicht wegen Äußerlichkeiten vom Spiel aus. Rassismus wird von größeren Leuten erlernt. In einem gleichberechtigten Umfeld (wie in solchen Kindergärten) wird Rassismus gar nicht erst entstehen.
Die Autorin beschreibt als fiktives Kindergartenkind einen vierjährigen afrikanischen Jungen, "dessen Eltern aus einem Krisengebiet geflohen sind, als er noch ein Baby war. Die gesamte Familie wohnt auf engstem Raum in einem Asylantenheim." Später wird geschildert, welche Erfahrungen und Perspektiven die Kindergartenkinder in den Alltag einbringen: "Der Junge aus Afrika", so heisst es, "könnte von besonderen Bäumen oder Tieren in seiner Heimat erzählen, oder davon, dass seine Familie in Afrika so viele Mitglieder hat, wie die Einwohner eines Dorfes in Deutschland."
Gehören zu den Erfahrungen eines in einem Krisengebiet Afrikas geborenen und seit dem Babyalter in einem Flüchtlingswohnheim augewachsenen Kindes tatsächlich besondere Bäume und Tiere "Afrikas", oder lebendige Erinnerungen an seine Familie, die dem Klischee entsprechend so viele Mitglieder wie ein deutsches Dorf Einwohner hat? Das scheint mir eine recht romantisierende Darstellung des jahrelangen Lebens in einem Flüchtlingswohnheim zu sein.
Darüber hinaus besteht "Afrika" aus mehr als 50 Ländern. Würden US-amerikanische Kinder auch aus "Amerika" kommen?
Schade, dass der ansonsten so kenntnisreiche Artikel unter diesen banalen und exotisierenden Stereotypen leidet.
Die Idee vom Author beschrieben ist vielleicht ganz gut aber ziemlich unwahrscheinlich denn ich sehe nicht dass ein Kind vom Bauernhof Oeko oder nicht) in einen Kindergarten geht wo diese Mischung zur Tagesordnung gehoert.Ich wuerde auf dem Lande sind die Sitten noch ein bischen anders.Viel wichtiger ist doch dass die Erzieherinnen so ausgebildet sind dass sie die Kinder auch so zu Dekokraten erziehen ohne dass Migranten notwendig sind um eine 'ideale,multi-kulti' Welt vorzugaukeln.Aussderdem wuerde ich sagen dass ein Klein-Kind dass zwar in Afrika geboren ist aber nun in Europa aufwaechst kaum noch Erinnerung an sein Heimatland hat um davon erzaehlen zu koennen.Aber egal wo die Kinder herkommen,es sollte das Ziel der KITA sein die Kleinen so erziehen dass sie spaeter in der Schule zurecht kommen.
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