Pressefreiheit Wie die taz das Weimarer Dreieck sprengte

Der polnische Präsident soll ein europäisches Gipfeltreffen abgesagt haben, weil er sich von einem satirischen Artikel in einer deutschen Zeitung beleidigt fühlte. Die Opposition freut sich

Lech Kaczynski ist nicht zu beneiden. Der polnische Präsident ist ein kleiner Mann und wegen seines Namens wird er vermutlich seit frühster Kindheit nur „Kaczka“ – die Ente genannt. Er hat einen Zwillingsbruder, Jaroslaw, mit dem niemand regieren will; von den Populisten und Rechtsklerikalen abgesehen. Und Lech Kaczynski ist nicht bekannt für seinen Humor.

Nun soll er auch noch eine schwache Gesundheit haben: Wegen einer plötzlichen Magenverstimmung hat das Staatsoberhaupt ein Gipfeltreffen abgesagt, das zu Wochenbeginn mit seinem französischen Amtskollegen Jaques Chirac und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Weimar stattfinden sollte. Die Wiederbelebung des Weimarer Dreiecks, das 1991 den Beginn der europäischen Integration Polens markierte, war seit Monaten geplant worden. Die Absage in letzter Minute stellte das diplomatische Protokoll auf eine harte Probe, zumal Deutschland und Frankreich Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz nicht als Ersatzmann akzeptieren wollten.

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Die „Störung des Verdauungssystems" des Präsidenten hatte indes nicht nur ernährungstechnische Gründe - das mutmaßte zumindest die Tageszeitung Gazeta Wyborcza am Gipfelmorgen. Ein satirisch gemeinter Beitrag einer deutschen Zeitung soll die eigentliche Ursache der Darmreizung gewesen sein: Unter der Dachzeile „Schurken, die die Welt beherrschen wollen“ hatte taz -Autor Peter Köhler Tage zuvor über „Polens neue Kartoffel “ geschrieben und dem „ranghöchsten Polen“ hinlänglich Bekanntes vorgehalten: Seine Aversion gegen Deutsche und Homosexuelle, die patriarchistische Staatsführung und natürlich den Auftritt der damals 12-jährigen Kaczynski-Zwillinge in einem bekannten polnischen Kinderfilm.

Die nicht sonderlich witzige und auch kaum originelle Kolumne löste in der politischen Landschaft Warschaus eine Kettenreaktion aus: Am Donnerstag tauchte der lieblos übersetzte Text in der täglichen Presseschau des polnischen Außenministeriums auf, was den Medienchef des Amtes am nächsten Morgen seinen Posten kostete.

Einige Tage später meldete sich Premier Marcinkiewicz zu Wort: Es sei schwer, sich vorzustellen, dass in Polen das Oberhaupt eines anderen Staates auf diese Weise angegriffen würde. Kurz darauf verlangte Roman Giertych, strammer Minister für Nationale Erziehung, die Einbestellung des deutschen Botschafters, Außenministerin Fotyga verglich die taz mit dem nationalsozialistischen Hetzblatt „Stürmer“.

Leser-Kommentare
  1. Da können die Kaczinskys jetzt eine Selbsthilfegruppe mit den durch die dänischen Karikaturen so schwer gekränkten Mohammedanern gründen.Denn daß ein polnischer, mit Fusel und Fett- und Knorpelbygosz gestählter Magen von so plötzlichem Unwohlsein befallen sein sollte? also bitte!

  2. Man kann vom polnischen Praesidenten oder der polnischen Regierung denken und halten, was man will. Man kann es aber nicht irgendeinem "taz" Redakteur erlauben, derartigen Unrat zu produzieren. Das ist nicht nur dumm, wo manche Leute ja nichts dafuer koennen, sondern auch noch unverschaemt. Und dafuer koennen sie was. Unverschaemtheit, Taktlosigkeit und schlechtes Benehmen haben haben naemlich nichts mit Pressefreiheit zu tun. Leider wird sowas von der Geschaeftsfuehrung deutscher Zeitungen aber immer noch zwecks Auflagensteigerung bewusst anders interpraertiert.

    Mein Fall ist der polnische Praesident nicht. Ich beglueckwuensche ihn aber zu seiner Entscheidung.

    • Anonym
    • 09.07.2006 um 11:12 Uhr

    Wer wundert sich eigentlich über die polnische Reaktion? Warten wir ab, bis die Zwillinge eine "Doppelspitze" bilden. Das ist halt Verständnis von Pressefreiheit und Demokratie im erweiterten Europa aus polnischer Sicht.

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