Satire Die polnische Krise
Die "taz", die Kartoffel und das Weimarer Dreieck: Was sich in Warschau seit zwei Wochen abspielt, ist kein deutsch-polnischer Konflikt. Präsident Kaczyński benimmt sich wie ein Geisterfahrer.
Auf eine merkwürdige Zeitreise fühlt man sich geschickt. Polen war schon weiter, es ist weiter. Aber darauf verstellt inzwischen der Furor den Blick, in den sich Präsident Kaczy
ń
ski und auch Warschaus Außenministerin derzeit hineinreden und aller Welt eintrichtern wollen, Polen werde wieder mal zum Opfer gemacht, und die Deutschen insbesondere ließen ihren antipolnischen Ressentiments freien Lauf.
Ausgangspunkt für das, was von Polens Regierung als "Krise" der deutsch-polnischen Beziehungen wahrgenommen wird, war
ein nicht weiter nennenswertes, satirisch gemeintes Stücklein in der
tageszeitung
über Polens Staatspräsidenten
. Aus Berliner Sicht, und um die geht es hier, lässt sich das Ausmaß der Erregung schwer verstehen. Man kann sogar sagen: Derart groß war die deutsch-polnische Asymmetrie schon lange nicht mehr.
Gerade wenn man oft Verständnis aufbrachte für "Empfindlichkeiten" der Nachbarn, die unter uns im letzten Weltkrieg derart gelitten haben, wenn man anerkennt, dass Polen die Bundesrepublik unter dem Mikroskop observiert, dabei Randfragen wie die Rolle der Vertriebenenverbandsvorsitzenden Erika Steinbach oder das Zentrum gegen Vertreibung überwältigend groß erscheinen - gerade dann kann man diesmal schlicht nicht folgen. Der Autor des
taz
-Artikels soll mit europäischem Haftbefehl gesucht werden? Er hat den Präsidenten beleidigt wie im
Stürmer
, dem Hetzblatt der Nazis, er muss als "Verbrecher" belangt werden? Und die acht (!) letzten polnischen Außenminister, die allesamt in einer Erklärung dem eigenen Präsidenten die gelbe Karte zeigen, weil er ihr Land mit der verärgerten Absage des Weimarer-Dreick-Treffens (die Staatschefs von Warschau, Paris und Berlin immerhin) isoliere, bestätigen nur, dass die gesamte polnische Außenpolitik der letzten Jahre gerade gerückt und nationale Interessen betont werden müssen?
Das klingt ein bisschen nach dem Motto des Geisterfahrers, der staunend ruft: Was, ein Geisterfahrer? Tausende! Einmalig an diesem Disput ist, dass es sich gerade nicht um ein deutsch-polnisches Problem handelt. Die Reaktion auf die "Beleidigung" offenbart ein rein polnisches Problem, auf das man in Berlin deshalb mit einer Mischung aus völliger Verblüffung und Ungläubigkeit reagiert sowie mit fast flehenden Appellen, man dürfe sich selbst nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Mit den üblichen deutsch-polnischen Spannungen und Kontroversen der vergangenen Jahre hat das alles nichts zu tun. Da ging es um den Brief der acht, von Warschaus Regierung mitunterschrieben, eine Loyalitätserklärung im Irak-Konflikt an die Adresse Washingtons. Kanzler Schröder war enttäuscht, biss aber die Zähne zusammen und schwieg. Die EU musste erweitert werden, und Polen gehörte an vorderster Stelle zu den Neuen, das Experiment durfte nicht misslingen. Die Deutschen fühlten sich dafür verantwortlich, mit Recht.
Oder es ging um die Freizügigkeit am Arbeitsmarkt, also die berühmten polnischen "Metzger" und "Klempner": Eine große Koalition der Volksparteien in Bund und Ländern suchte erfolgreich, die Liberalisierung des Arbeitsmarktes mindestens auf die lange Bank zu schieben. Zu Unrecht, denn das soziale Gefälle ist nirgends derart hoch wie zwischen der Bundesrepublik und Polen, es gibt allen Grund für uns und die wohlhabenderen Westeuropäer, diesen Klassenunterschied anzuerkennen und sich zu öffnen.
- Datum 13.07.2006 - 08:22 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Ohje, was für eine Analyse... Schuster, bleib bei deinem Leisten...
Es stimmt, es gibt in Polen wesentlich mehr weltoffene und progressive Kräfte, als es so manche ( westliche ) Medienberichterstattung vermuten ließe.
Allerdings schlummert auch noch ein provinzieller, intoleranter, völkischer Ungeist in gewissen polnischen Zirkeln. Wie in so vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks, trug die "Käseglocke des realen Stalinismus" dazu bei, dass dort bestimmtes Gedankengut des 19. Jahrhunderts überaus fruchtbar blieb.
Kräften wie der Allpolnischen Jugend oder der PiS ist es geschuldet, dass sich dieser Ungeist nun wieder einer gewissen Popularität erfreut.
So befördern die Kaczynskis genau die Ressentiments, deren Auswirkugen u.a. zahlreiche deutschstämmige Menschen dazu veranlasst haben, Polen zu verlassen.
PS: Besonders was den letzten Punkt betrifft, ist dies ein Teil auch meiner Familiengeschichte.
Erstmal hat das sicher nichts mit katholisch oder nicht katholisch zu tun (wie hier ein Beitrag vermutet).
Schauen wir uns doch Ex- Filmschauspieler, die später in die Politik gehen: Ronald Reagan, Arnold Schwarzenegger, naja und die Zwillinge haben mal in einem Kinderfilm mitgespielt. Vielleicht wären die Beiden der polnischen und europäischen Politik ferngeblieben, wenn sie etwas erfolgreicher in ihrer Schauspielkunst gewesen wären?
Wie wäre eine Neuauflage von den Olsen- Brüdern? Eine Folge in der Egon seinen verschollenen Zwillingsbruder findet und fortan gehen sie gemeinsam auf Raubzüge...
Die plonische Bevölkerung ist zwar äußerst unzufrieden über die jetzige Situation, aber irgendjemand muß die Beiden ja auch mal gewählt haben. Genauso wie irgendjemand ja auch regelmäßig Herrn Lepper seine Stimme gibt, der nun wirklich eine Lachnummer ist, aber von allen polnischen Politikern schon fast am längsten konstant auf der politischen Bühne steht.
Aber überlegen wir doch mal welche Parteien (und Politiker) in den ersten 20 Jahren der jungen Bundesrepublik nach dem Krieg in den Bundestag und die Landtage gewählt wurden... na? Das sind alles noch "Nachwehen" einer jungen Demokratie (denke und hoffe ich), die nach und nach verschwinden werden.
Bei uns gibt es schließlich auch lustige Parteien und verwirrte Politiker (z.B. stellvertr. MP's die gegen Bush demonstrieren / eine ehemalige Staatspartei der letzten Diktatur auf deutschen Boden, die sich versucht schrittweise reinzuwaschen durch eine Fusion mit einer "Westpartei", die selber nicht merkt, das sie nur Mittel zum Zweck ist / die Freunde der MLPD / die braunen Freunde der DVU und NPD, die ebenfalls Lachnummern den Landtagen abliefern, in denen sie sitzen oder saßen... usw.
Wäre alles nicht so schlimm. Schlimm ist nur das solche Politiker (egal welcher verwirrten Gesinnung) auch über unsere Steuergelder entscheiden, sie ausgeben und sogar davon bezahlt werden. Das gilt für polnische und deutsche Steuerzahler gleichermaßen. Aber irgendjemand wählt sie nunmal...
Katholiken, die von der Meinungsfreiheit nichts verstehen? Wo bleibt der Aufschrei hierzulande? Gott behuete, Polen waere ein muslimisches Land. Was haetten Stoiber und Beckstein ueber die Rueckstaendigkeit des Islam geschimpft. Dass sich unter den barbarischen Muslimen noch kein Sinn fuer die Freiheit des Individuums ausgebildet hat. Aber der christliche Nachbar? Ach, die seltsame christlich-stockkonservative Bruderdoppelspitze des polnischen Staates, das ist doch nur eine Ausnahme und sagt sonst nichts ueber die europaeische Kultur aus. Pfui diese Doppelmoral!
Da waren ja sogar die Mullahs schneller zu besänftigen, als sich Rudi Carrel in seiner Tagesschau einmal satirisch gab. Dass sich Polen seit seinem Engagement in der Koalition der Willigen umzingelt fühlt, sollte kein Grund sein, die Fantasie zu ersticken.
Wie schlecht oder treffend auch immer jener TAZ-Artikel geraten sein mag: Offenbar werden darin in konzentrierter Form Eigenschaften des Präsidenten eines befreundeten Nachbarstaats mehr oder weniger gelungen karikiert. Ein Vorgang, der in der Presselandschaft von zig Ländern auf Erden üblich ist und in keiner Weise die diplomatisch völlig unmaßstäbliche Überreaktion der polnischen Regierung erklärt. Ein jämmerlicher und zutiefst anachronistischer Versuch, das Rad der polnisch-deutschen und deutsch-polnischen Entwicklung auch vor der eigenen Bevölkerung zurückzudrehen und eigene gedankliche Ferne zu "Europa" auf fremde Schultern zu laden. Schade um die vergebene Chance und schade für Millionen Europäer, die weniger engstirnig denken als der aktuelle polnische Präsident. Der kann zwar wieder abgewählt werden: Dafür sind funktionierende Demokratien ja immerhin auch noch gut.
Mir kam beim Bild der polnischen Poltik-Zwillinge der erleichterte Gedanke -nur gut dass 'unsere' Politiker nur einmal gibt...
Ist es wirklich so erstaunlich, was in Polen geschieht? Wenn selbst alte Europäer wie Franzose, Niederländer, Dänen ihren (Wirtschafts-)Nationalismus (wieder-)entdecken, dass dann die Neuen (insbesondere die mit großen wirtschaftlichen und politischen Problemen zu Hause) die alten Ressentiments wiederentdecken und als "nationalen Schatz" nutzbar machen wollen?
Man sollte solches Treiben verwundert/interessiert verfolgen und möglichst ignorieren. Demnächst werden ja wieder ein paar Milliarden verteilt, dann kann man sich ja großzügig gegenüber den Quälgeistern zeigen (ist das nicht vielleicht überhaupt der Hintergrund des Aufruhrs??).
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