Lobbyismus Angriff auf Röttgen
Zwei ehemalige BDI-Präsidenten wollen, dass der CDU-Mann sein Bundestagsmandat aufgibt, sobald er BDI-Chef wird. Kämpfen Lobbyisten jetzt selbst gegen den Lobbyismus? Mitnichten, meint Katharina Schuler
Auf den ersten Blick kann der öffentliche Vorstoß der beiden vormaligen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nur erstaunen. In einem offenen Brief in der
Bild-
Zeitung vom Mittwoch fordern Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski den amtierenden BDI- Vorsitzenden Michael Thumann auf, er solle Norbert Röttgen dazu bringen, sein Bundestagsmandat niederzulegen. Röttgen ist noch Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, soll aber bald schon Hauptgeschäftsführer des Verbandes werden. Spätestens, wenn er seine neue Stelle beim BDI im Januar 2007 antritt, soll es vorbei sein mit dem Abgeordnetendasein, verlangen Henkel und Rogowski. Röttgen aber will das nicht. Er hatte schon im Mai, als sein Wechsel zum BDI bekannt wurde, gesagt, dass er sein Mandat bis zum Ende der Legislaturperiode behalten möchte. Das sei er den Wählern in seinem Wahlkreis schuldig.
Bislang war die künftige Doppelfunktion Röttgens am lautesten von der Opposition kritisiert worden. Sie hatte dem CDU-Politiker vorgeworfen, sein Mandat nutzen zu wollen, um die Interessen des BDI im Bundestag wirkungsvoller vertreten zu können. Der ist immer noch der einflussreichste deutsche Wirtschaftsverband, wenn er in den vergangenen Jahren auch an Bedeutung verloren hat. Hätte man auf Seiten des Verbandes also nicht allen Grund, zufrieden zu sein, wenn Röttgen bis 2009 Mitglied der Regierungsfraktion bliebe?
Keineswegs, finden die beiden ehemaligen Vorsitzenden. Sie fürchten nämlich, dass Röttgens Herz im Zweifelsfall eher für die Partei schlagen wird als für den Verband. Außerdem könnte ihm die Zunge durch die Fraktions- und Koalitionsdisziplin gebunden sein, sodass er am Ende gar nicht in der Lage wäre, die reine Lehre des BDI zu vertreten. Wie könnte zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Röttgen für ein Gesetz stimmen, welches der Hauptgeschäftsführer Röttgen vorher abgelehnt hat, fragen sie in ihrem Brief. Zu befürchten seien schwere Interessenkonflikte. Die Glaubwürdigkeit Röttgens und damit sein Einfluss würden durch die doppelte Tätigkeit beeinträchtigt, fürchten sie.
In gewisser Weise entspricht diese Position durchaus der Logik des Verbandes. Nicht nur Henkel und Rogowski vertreten sie schon länger. Vielmehr hat der BDI immer kritisiert, dass der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Reinhard Göhner, seit Jahren gleichzeitig zu seiner Verbandstätigkeit Mitglied der Unionsfraktion ist. Der kleine Unterschied: Göhner kandidierte als Verbandsgeschäftsführer immer wieder neu für den Bundestag. Dass Verbandsfunktionäre ihre Mandate dagegen „auslaufen lassen“, also nicht wieder kandidieren, ist weniger ungewöhnlich. Dies war auch bei Röttgens Vorgänger Ludolf von Wartenberg der Fall.
Nicht auszuschließen ist also, dass persönliche Animositäten zwischen Henkel/Rogowski und Thumann für den Frontalangriff verantwortlich sind. Dass es vor allem zwischen Henkel und Thumann nicht zum Besten steht, ist kein Geheimnis. Stellung nehmen zu dem Brief wollten am Mittwoch weder der BDI noch die Unionsfraktion.
Doch auch in letzterer ist die Doppeltätigkeit von Röttgen keineswegs unumstritten. Schon im Mai sickerte durch, dass vielen Fraktionskollegen durchaus nicht an dem Image gelegen ist, die Union sei eine Außenstelle der deutschen Industrie. „Wir können doch nicht glaubhaft den Filz zwischen SPD und Gewerkschaften kritisieren, wenn bei uns Spitzenvertreter der Wirtschaftsverbände in der Fraktion sitzen“, sagte damals ein führender Unionsmann. Dass Rogowski und Henkel mit ihrer gezielt mitten im Sommerloch platzierten Aktion am Ende doch noch erfolgreich sein könnten, ist deswegen gar nicht so unwahrscheinlich. Denn schon im Mai zitierte der
Spiegel
einen Mitarbeiter des Kanzleramtes mit den Worten: „Wenn der mediale Druck auf Röttgen zunimmt, wird er nicht bis 2009 im Bundestag bleiben können.“ Am Donnerstag bestätigte sich diese Prognose teilweise: Der BDI selbst forderte Röttgen auf, sein Mandat niederzulegen. Allerdings hat er Zeit bis zum Frühjahr 2008.
Auch ohne Mandat wäre Röttgen für den BDI übrigens ein Lobbyist erster Güte. Denn der Parlamentarische Geschäftsführer gilt als einer der engsten Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nachdem Wartenberg die damals Noch-nicht-Kanzlerin mithilfe privater Abendessen in die deutschen Industriekreise einführte, bleibt dem Verband mit seinem neuen Hauptgeschäftsführer der direkte Draht ins Kanzleramt also in jedem Fall erhalten.
- Datum 20.07.2006 - 10:12 Uhr
- Quelle ZEIT online, 19.7.2006
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die Bürger müssen mehr Risiken übernehmen. Selbst für sich (vor)sorgen. Nicht so ängstlich sein. Dies ist ein Auszug der teilweise berechtigten Forderungen der Politiker an das Fußvolk.
Norbert Röttgen möchte BDI-Präsident werden. Ok. Er wird ein wahrscheinlich noch besseres Gehalt bekommen und einen neuen Job beginnen. Alles klar. Kann ich verstehen. Klassischer Aufstieg.
Aber: Die Elite möchte dabei keinesfalls Risiken. Das gesicherte Einkommen, dass man auch noch erreichen kann, wenn man noch einen weiteren Fulltimejob macht , soll natürlich bleiben. Die exorbitante Altersversorgung soll natürlich auch weiter wachsen.
Alles andere wäre ja mit Risiko verbunden.
Sie predigen Wasser und
Ich sage: Er soll sich wie jeder normale Mensch ENTSCHEIDEN, ob er den neuen Job machen will oder den alten. Ich würde auch sofort noch einen Job annehmen, wenn ich den alten behalten kann und beides schaffen würde (völlig unmöglich) . Und mein Arbeitgeber würde mir eins husten.
Wer ist eigentlich der Arbeitgeber von Herrn Röttgen.? Bin ich das vielleicht selbst ?
Man muss doch verstehen, das jemand der schon als Schüler in die CDU eingetreten ist und bisher praktisch nur Politiker war, sich schwer tut seine Politische Karriere zugunsten des Postens eines BDI-Hauptgeschäftsführers ganz aufzugeben. Im Haifischbecken der Industrie. Ohne die volle Unterstützung von Merkel und Kauder, was soll aus einem braven Parteisoldaten dort werden?
Entwarnung: Solange Fr. Merkel sich weiterhin so vehement für die Senkung der Unternehmenssteuern einsetzt ist erst mal nichts zu befürchten.
[Link gelöscht, die Reaktion]
(Link auf den Dt. Bundestag sollte doch ungekürzt bleiben, oder?)
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Meine Persönliche Meinung ist, das Ämterhäufung zu Interessenskonflikten führen und dem Ansehen unseres Parlaments schaden. Das sehen anscheinend die früheren BDI-Präsidenten auch so.
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Das Problem, dass sich demokratische Politik nur in einer Republik als gesellschaftliche Gestaltungskraft bewähren kann, hingegen in einem ökonomischen Weltstaat dem totalen Kapitalismus ausgeliefert ist, dessen rauhbeinige Unternehmenskultur einen Rythmus, bei dem jeder mit muss diktiert, also keinen Widerspruch duldet, könnte Argumente dafür liefern, dass Herr Röttgen sein Mandat behält, um dem Machthunger von Unternehmern in ziviler Form Grenzen zu setzen, deren Auflösung täglich still und heimlich herbeigesehnt wird.
Doch die Grenzen zu einer unheimlichen Unternehmerrepublik sind leider bei den letzten Bundestagswahlen - wenn auch nur hauchdünn - überschritten worden. Nun wird die Einflussnahme der verschiedenen Lobbygruppen stetig zunehmen, bis auch der letzte Deutsche begriffen hat, dass er nur mit der Wahl völlig neuer Parteien eine Chance besitzt, seinen eigenen Einfluss auf die Politik zurückzugewinnen.
Auch deshalb muss Herr Röttgen seine Laufbahn als Bundespolitiker beenden, denn die angebliche Versöhnung von ökonomischer mit politischer Sphäre wird dieser Regierung keinesfalls gelingen. Dafür ist sie zu eindeutig den Interessen eines betriebsblinden Besitzbürgertums verpflichtet, das sich mittlerweile an den alten Spontisprüchen orientiert, die einmal aus dem Staat "Gurkensalat" machen wollten.
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