Interview"Destabilisierung um jeden Preis"

Ein Gespräch mit dem Drusenführer und Vorsitzenden der Progressiven Sozialistischen Partei (PSP), Walid Dschumblat, über seine Einschätzungen zur politischen Situation im Libanon von Fleig

ZEIT online: Bereits zwei Wochen halten die israelischen Bombardierungen im Libanon und im Gegenzug der Raketenbeschuss auf Israel seitens der Hisbollah an. Wie würden Sie die derzeitige politische Situation beurteilen?

Walid Dschumblat : Wir sind – bildlich gesprochen – eingeklemmt. Die libanesische Regierung und die Libanesen sind eingeklemmt zwischen der israelischen Invasion auf der einen Seite und den Iranern und Syrern, die Israel mittels der Hisbollah bekämpfen, auf der anderen Seite. Kurzum, Iran und Syrien führen einen Stellvertreterkrieg auf libanesischem Boden. Das ist die Situation. Allerdings hat die libanesische Regierung ihren Standpunkt bereits am ersten Tag nach der Entführung deutlich gemacht: Wir sind nicht für die Entführung der beiden israelischen Soldaten verantwortlich – sie sollte also nicht zur Verantwortung gezogen werden.

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ZEIT online: Sie waren einer der schärfsten Kritiker des syrischen Einflußes auf die Hisbollah und somit auf die libanesische Innenpolitik. Öffentlich forderten Sie die Entwaffnung des militärischen Arms der Partei. Fühlen Sie sich durch die neuesten Entwicklungen in Ihrer Forderung bestätigt?

Dschumblat : Sie liegen hier nicht ganz richtig. Ich habe nicht zur Entwaffnung aufgerufen, sondern wir haben im Rahmen des von Parlamentspräsident Nabih Berri initiierten Nationalen Dialogs Vorschläge gemacht, wie man zukünftig mit den Waffen der Hisbollah umgehen soll. Und plötzlich hat die Hisbollah zwei Soldaten entführt und damit einen israelischen Militärschlag gegen den Libanon provoziert. Wir haben zuvor versucht, die Hisbollah im Rahmen von Gesprächen in den libanesischen Staat und die libanesische Armee zu integrieren. Jetzt steht all das natürlich auf dem Spiel, weil der Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah quasi im Alleingang beschlossen hat, unilateral, wenn Sie so wollen, einen Krieg gegen Israel auszurufen. Und zwar ohne vorher in irgendeiner Weise die Regierung konsultiert zu haben.

ZEIT online: Sie haben eben den so genannten Nationalen Dialog angesprochen. Sind die Ergebnisse nicht mittlerweile null und nichtig?

Dschumblat: Im Gegenteil. Ich denke, der Dialog muss wiederbelebt werden. Aber momentan befinden wir uns im Krieg – und der muss schnellstmöglichst mit einem Waffenstillstand beendet werden. Wir müssen die Israelis auffordern, sich aus dem Südlibanon zurück zu ziehen, und wir müssen gemeinsam mit der Internationalen Gemeinschaft nach Lösungen suchen, um dem Libanon dabei zu helfen, seine Souveränität wieder herzustellen. Nebenbei gesagt, muss der Staat auch die einzige Instanz sein, die über Waffen verfügt. Wenn wir einen Staat im Staate haben, so wie jetzt, können wir offensichtlich nichts machen.

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