Köln scheint noch zu schlafen, als wir uns auf den Weg machen. Der Tag war warm, die Clubs und Kneipen entlang der Luxemburger Straße sind noch leer. Dem Blue Shell gelingt es schließlich, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die Eurythmics locken uns hinein. Drinnen ist es düster, ein paar blaue und rote Neonleuchtschriften spenden kaum Licht. Auf einer Videoleinwand läuft eine Zusammenstellung von Musikvideos aus den Achtzigern, die Qualität schwankt. Dem fabelhaften West End Girls von den Pet Shop Boys folgt das grausige You Win Again von den Bee Gees. Das Ambiente ist, gelinde gesagt, kühl; man steht an Alu-Tischen und blickt herunter auf Schachbrettlinoleum. Vieles erinnert an die Achtziger, irgendwann sind wir so zurückversetzt in der Zeit, dass wir anfangen, Campari zu trinken. Die schlecht gekleidete Sangesschwester Yazz schmeißt uns mit The Only Way Is Up - „Uuuhhh Bahäibi“ - um kurz vor elf raus, es wird auch Zeit.

Die Straßen sind nun voller. Menschengruppen stehen aus unersichtlichem Grund an Kreuzungen herum, lange Schlangen bilden sich vor den Kiosken. Der Zufall oder – besser gesagt – eine Horde Vivaaaaa Colooooonia skandierender Jugendlicher treibt uns in der Zülpicher Straße durch die Tür des nächstbesten Ladens: des Stiefels. Eine gute Wahl, wie sich zeigt, auch wenn die Bar zunächst ein wenig düster und heruntergekommen anmutet. Halb abgerissene Plakate vergangener Konzerte zieren die Wände, die Sofas haben bessere Zeiten gesehen, und das Klo sollte mal geputzt werden. Aber die Musik erfreut uns.

Wir setzen uns mit einer Stange Kölsch an die Theke, ganz nah der angeblich hübschesten Barfrau Kölns. Wir lauschen alten und neuen Punk-, Ska- und Surfliedern . Die kalifornischen Ranzpunker Rancid folgen auf Los Banditos, Sleater Kinney auf die Arctic Monkeys . Der DJ ist nett und legt echte Platten auf. Der Neid, mit dem wir auf die Single Here Comes The Summer von den Undertones aus dem Jahr 1979 starren, macht ihn ein bisschen verlegen.
Im Hinterzimmer der Bar klackern Tischkicker und Billard in ihrem eigenen Takt. Selbst der noch immer grandiose Stampfer Bandages von Hot Hot Heat kommt dort nicht dagegen an. Wir spielen eine Runde auf dem Medieval Madness Flipper , gegen Mitternacht drücken wir uns wieder raus aus dem sauerstofffreien Halbdunkel in die feiernden Menschenmassen.

Auf der Zülpicher Straße muss man mit allem rechnen. HipHop schallt aus Cocktailbars, Schlager tönen aus rustikalen Eckkneipen, Hitparaden-Soul aus trendig eingerichteten Lounges. Auch der zu Recht längst vergessene Euro-Dance der Neunziger dröhnt aus einem Kiosk. Die meisten Bars schrecken uns schon von außen ab, nur aus wenigen kommen verlockende Klänge, in vielen ist auch gar kein Platz mehr. Schließlich landen wir im gedimmten Rot des Umbruch.

Das Publikum lümmelt sich in die Sitzbänke und lässt sich von Herbie Goins Cruisin umschmeicheln; die meisten nippen bedächtig an einem Kölsch. DJ Eff mag Soul und R'n'B der sechziger Jahre. Inez and Charlie Foxx zählen zu seinem Set, auch Little Miltons Grits Ain’t Groceries . Alles in allem sehr entspannte Klänge.

Wir bestellen Averna, das passt jetzt. Das Umbruch ist die erste Kneipe, die auf Vorkasse verzichtet. Auch wir lehnen uns in die Stühle und sehen nach draußen auf die Straße, auf der die amüsierbereiten Massen vorbeiziehen. Gleich müssen wir auch wieder. Aber ein bisschen..., ein bisschen bleiben wir noch.