Serie A Erschreckend harmlos

In zweiter Instanz wurden die Strafen gegen die der Spielmanipulation überführten Serie A-Vereine drastisch reduziert. Für den Glauben an einen sauberen Fußball in Italien bedeutet dieses Urteil das Ende, kommentiert

Es sollte ein Exempel statuiert werden, das abschreckende Funktion haben sollte. Doch am Ende wurde es eine Art Generalamnestie, was die Berufungsinstanz des italienischen Fußballgerichtes unter dem vorsitzenden Richter Piero Sandulli erließ. Allein Juventus Turin muss für die Verwicklung in den „größten Fußballskandal der Geschichte“ (FIFA-Präsident Joseph S. Blatter) teuer bezahlen. Der italienische Rekordmeister muss in die zweite italienische Liga absteigen und erhält zudem einen Abzug von 17 Punkten für die kommende Saison. Außerdem werden dem Klub die beiden letzten Meistertitel aberkannt.

Die anderen angeklagten Klubs, der AC Florenz, Lazio Rom und der AC Milan, erhielten indes zwar Punkteabzüge für die kommende Saison. Sie dürfen jedoch weiter in der Serie A bleiben. Florenz startet mit einem 17-Punkte-Abzug in die neue Spielzeit, Lazio Rom und dem AC Milan werden gar nur elf beziehungsweise acht Punkte abgezogen. Damit darf der Berlusconi-Klub sogar an der kommenden Champions League-Qualifikationsrunde teilnehmen. Eine lächerliche Figur machte der Chefankläger Stefano Palazzi, der bis zum Schluss abschreckende Strafen gefordert hatte.

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Der kommissarische Leiter des Verbandes, Guido Rossi, hatte harte Strafen verlangt. Doch am Ende obsiegten in diesem „Skandalurteil“ ( Corriere dello Sport ) alte politische Seilschaften und wirtschaftliche Interessen der Klubs wie Milan, Fiorentina und Lazio. Das Urteil, das in erster Linie auf Abhörprotokollen beruht, verursacht zudem ein heilloses Wirrwarr. Trotzdem fühlte sich ausgerechnet die Milan-Führung als Opfer des Justizurteils. Als alleiniger Sündenbock abgestempelt wurde indes der Ex-Manager von Juventus Turin, Luciano Moggi. Man hat den Eindruck, dass er in diesem Skandal der einzige Strippenzieher sein soll.

Für ihn bestätigte das Berufungsgericht das fünfjährige Berufsverbot. Das gleiche Los ereilt unter anderem den Ex-Juventus-Geschäftsführer Antonio Giraudo. Selbst der ehemalige Verbandspräsident Franco Carraro, dessen Manipulationen aufgedeckt wurden und der deswegen zurücktrat, kam mit einer lächerlichen Verwarnung davon. Ironie des Schicksals: Alle betroffenen Klubs – mit Ausnahme des AC Milan - haben angekündigt, in die Revision zu gehen und wollen auch die ordentlichen Gerichte bemühen.

„Was für ein Skandalurteil!“, kommentierte die römische Sportzeitung Corriere dello Sport , die in den Kolumnen der letzten Wochen vom Sportgericht ein hartes Durchgreifen verlangt hatte. Der Ehrenpräsident vom AC Florenz, Diego Della Valle begrüßte zwar das Urteil, kündigte aber weitere gerichtliche Schritte an. „Wir wollen, dass uns die Champions League-Qualifikation der vergangenen Saison zurückgegeben wird“ sagte Della Valle. „Ich bin unzufrieden über das Urteil“, sagte auch Lazio Roms Präsident Claudio Lotito.

Juventus Turin muss nun zum ersten Mal in seiner 109-jährigen Geschichte in die Zweitklassigkeit. Die gesamte Führung des börsennotierten Klubs wurde inzwischen ausgewechselt. Man zeigte Kooperationsbereitschaft, was eine „interne Säuberungsaktion“ anging und wurde am Ende dafür bestraft. Als eindeutiger Sieger entpuppte sich wieder einmal Milan-Präsident Silvio Berlusconi. Die Verteidigung des Mailänder Traditionsklubs hatte im Vorfeld des Urteils geschickt Interviews lanciert, in dem Berlusconi sich wieder einmal als Opfer einer Verschwörung wähnte.

Leser-Kommentare
    • bierus
    • 26.07.2006 um 19:31 Uhr

    Soso. Die italienischen Fußballanhänger brauchen also den Glauben an einen sauberen Fußball. Das ist nun wirklich ein Schenkelklopfer. Keine Nation dieser Welt hat es bislang geschafft, über Jahrzehnte ein derartiges Bestiarium an Hof- und Staatsschauspielern auf dem Fußballfeld hervorzubringen wie die italienische. Kein Land dieser Welt spielt seit Jahrzehnten einen Fußball. der von solch exemplarischer Unfairneß geprägt ist. Von der WM in Chile 1962 bis Italien Deutschland 1970, von Gladbach-Mailand 1971 über Argentien-Italien 1982 bis Italien-Australien 2006 und dem Finale 2006 mit Herrn Mazzerati (von der Aktion Frings an dieser Stelle nicht zu reden) spannt sich ein weiter Bogen von Skandalen die für diese Nationalelf charakteristisch sind. Dies ist umso unverständlicher als die Italiener derlei von ihrer fußballerischen Klasse her geehen eigentlich nicht nötig hätten. Aber warum dem Glück nicht gelegentlich ein wenig nachhelfen? Ich kann beim besten Willen nicht einschätzen ob dies einem angeblichen italienischen Nationalcharakter geschuldet ist. Die Urteile des Berufungsgerichtes nehmen solchen Vermutungen jedenfalls nicht die Nahrung.

    • bierus
    • 26.07.2006 um 21:55 Uhr
    2. @minot

    Ich bin entgegen Ihren Vermutungen keinesfalls frustriert. Ich habe hierzu auch keinen Grund. Bleiben wir also einfach mal bei den Tatsachen. 1. Offensichtlich ist der Spielbetrieb in der italienischen Liga seit Jahren systematisch manipuliert worden (bzw. seine Ergebnisse). 2. Offensichtlich gerieren sich die diesen Manipulationen überführten Vereine nunmehr als zu Unrecht verfolgte Unschuld 3. Das Auftreten italienischer Fußballspieler bei der letzten WM (u.a. des Herrn Materazzi) war unterirdisch 4. Nach der Bestrafung Materazzis durch die FIFA geriet die italienische Presse (ob diese die gesamte italienische Öffentlichkeit repräsentiert wage ich denn doch zu bezweifeln) außer Rand und Band. Wenn wie Sie schreiben der durchschnittliche Italiener an seinem Land leidet so habe ich dies nicht zu kommentieren. Ich leide schließlich auch oft genug an Deutschland. Italienischen Fußball jedoch als bisher quasi rein gebliebenes Gegenbild hierzu hinzustellen ist nun wirklich , naja sagen wir einmal zuviel des Humors.

    • Barock
    • 27.07.2006 um 10:38 Uhr
    3. @Erol

    Eigentlich ist ja fast schon amüsant zu sehen, in welcher Weise der Fußballskandal - der für die Übeltäter definitiv härter geahndet hätte werden müssen - mit allen möglichen WM-Ereignissen vermischt werden. Auf einen Charakterzug zu schließen, lässt ebenfalls Rückschlüsse auf den Autor zu
    Das absolut Ärgerliche am Fußballskandal ist, dass die Strafen v.a. aufgrund v. RambaZamba der Fangruppen reduziert wurde. Das ist so was von billig und wird auf diese Art Sportjustiz ein schlechtes Licht.
    Dennoch handelt es sich um 2 getrennte Angelegenheiten, deren Vermischung zu einem dumpfen Populismus führt, der mit Sport nichts mehr zu tun hat. Wir sollten uns ja nun nicht auf das Niveau der Fans herablassen, die zur Erreichung ihrer Ziele Bahnhöfe blockieren.
    UM exakt zu bleiben: Milan ist nur so billig (in erster Instanz) davongekommen, weil sie es bis dato nicht auf die Reihe bekommen haben, ein ähnliches System alla Juve aufzubauen.
    Eine Verknüpfung mit dem Ex-Ministerkasper Berlusconi ist daher illegitim. Die anderen betroffenen Vereine haben in dem System Juventus mitgespielt, um Vorteile auf Kosten der Konkurrenten zu erlangen. Das muss mit Abstieg bestraft werden.

    Ein paar Fragen bleiben noch für meinen Vorredner:
    Im Zeitverlauf wurde die dem Kopfstoss vorangegangene Beleidigung in den Medien von einer rassistischen Beleidigung zu einer ehrverletzenden Beleidigung und nun?... Herr Zidane hat sich nicht genau dazu geäußert, warum eigentlich nicht?... Wenn die Provokation wirklich rassistischer Natur gewesen wäre, hätte er durchaus den Mumm besitzen müssen, dies auch später vor der FIFA bestätigen zu müssen, mit allen damit verbundenen Konse-quenzen. Damit hätte definitv mehr Größe bewiesen als mit seinem Kopfstoss, der nur dumm und nicht ehrenrettend ist.
    A propos: Ist der Hamburger Kientz, der auch seinen Zidane abgekriegt hat, auch dermaßen provokant gewesen oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
    Summa Summarum: Irgendwas muss an dieser Weltmeisterelf ja dran sein, dass trotz (oder wegen?)Wettskandalund einer dementsprechenden Grundstimmung niemand leistungsmäßig dagegen anstinken konnte.

    • EROL
    • 27.07.2006 um 11:56 Uhr
    4. Barock

    Ihnen scheint entgangen zu sein, dass aus beiden Angelegenheiten ein Charakterzug sich herauskristalisiert, nämlich Einsatz von unsportlichen Mitteln zur Erreichung eines Sportlichen Zieles und dass passiert nicht nur in Sachen Fussball. Dass Zidane bei Seinem Pressekonferenz zu der verbalen Attacke von Matraze auf die Frage eines Journalisten, ob es Stimme, dass er Ihn 'Sohn einer Terrorostenhure' genannt habe, mit ja antwortete, scheint Ihnen ebenfalls entgangen zu sein. Dass er das der FIFA gegenüber nicht äusserte bleibt Ihre Behauptung. Die Frage ist, warum FIFA nicht die entsprächende Konsequenzen daraus zog. Vielleicht geht Herr Blatter gegen Rassismus mit der gleichen konsequenz vor wie Italienische Justiz gegen Korruption.

  1. 5. \N

    Ganz locker bleiben Leute. Wir befinden uns in Italien, dem Land der Opern und der Zauberer. Was hier an Chaos und Leidenschaft geboten wird, ist allemal das Eintrittsgeld wert. Und das lügen, betrügen und die Hinterlist? Nun in einem Land, das von der Mafia regiert wird, ist natürlich alles durch das Geschäftsgebaren dieser ehrenwerten Gesellschaft infiziert. Schade nur um die Jungens die so super Fußball spielen können.

    • EROL
    • 27.07.2006 um 9:19 Uhr

    Wie vor Wochen hier vorhergesagt, wurde dieser Fall in Italien, in dem Korruption zur Tradition gehört, verharmlost, wie auch die Rassischtische verbale Attacke der Matraze, der dadurch der Italienischen Mannschaft einen Vorteil verschaft hatte.

    Obwohl von mehreren Experten eindeutig idendifiziert wurde, dass die Attacke rassistischen Hintergrund hatte, soll es für FIFA nicht eindeutig gewesen sein. Das ist und bleibt was es ist: unverdienter Sieg den die Welt nicht anerkennt die Grösse des Zidan's aber umso mehr. Wir sind immer noch stolz auf Ihn.

    Jetzt werden sich bestimmt wieder einige Patrioten zu Wort melden und versuchen den Italienischen Fussball reinzuwaschen. Wir haben bereits unsere Plätze eingenommen und sind bereit zu lachen. Die Komodie kann wieder beginnen.

  2. DAS ist Italien. Ein Gründungsmitglied der EU, indem ein Ex- MP mit fragwürdigen Geschäftsbeziehungen. Ein Ex- MP der 80% der ital. Medien beherrscht, einen Fussballklub besitzt (der in den Skandal verwickelt ist und nun mit einer milden Strafe davonkommt), der die Leibwächter von Staatsanwälten, die gegen die Mafia ermitteln, abzieht und diese Staatsanwälte danach zum Teil bei "Autounfällen" ums Leben kommen.
    WER hat ein anderes Urteil erwartet?
    Die Art und Weise wie Italien Weltmeister geworden ist, entspricht genau dem Stil vom Ex- MP.

  3. 8. @EROL

    >>> Dass Zidane bei Seinem Pressekonferenz zu der verbalen Attacke von Matraze auf die Frage eines Journalisten, ob es Stimme, dass er Ihn 'Sohn einer Terrorostenhure' genannt habe, mit ja antwortete, scheint Ihnen ebenfalls entgangen zu sein.

    Vernommen hab ichs wohl, allein mir fehlt der Glaube. Nachdem die Lippenleser des, für sein journalistisches Verantwortungsbewusstsein bekannten Telenovelakanals Globo, zweifelsfrei nachweisen konnten Materazzi hätte Zidanes Mutter eine "terroristische Hure" genannt, haben konkurrierende Lippenleser eines ebenso seriösen Mediums zweifelsfrei nachweisen können, Zidanes Schwester wäre beleidigt worden.

    Unser Freund Zidane ist kein Dummer und hat nach einigem Rumdrucksen im französischen Fernsehen natürlich erklärt, sowohl seine Mutter als auch seine Schwester wären beleidigt worden. Allein die Tatsache das Zidane beide Lippenleser bestätigt, maximiert die Wahrscheinlichkeit, dass hier alle Beteiligten Lügen bzw sich eine passende Wahrheit zurechtlegen.

    Höchstwahrscheinlich hat Materazzi "lediglich" Zidane persönlich beleidigt und alles andere ist ein Märchen mit vielen Autoren. Auch wird er ihn nicht rassistisch beleidigt haben, nur weil er Vorfahren aus Marokko hat. Wahrscheinlicher ist, er hat ihn einfach als Franzose beleidigt. Das macht auch viel mehr Sinn, schliesslich war das Finale ein Spiel Italien gegen Frankreich und nicht Italien gegen Marokko. Wie ich höre, glaubt auch Al Qaida, dass es sich bei Materazzis Worten, um eine Beleidigung des Islam handelt. Wahrscheinlich benutzen die Islamisten auch Lippenleser.

    Nichts desto trotz. Keine Beleidigung, auch nicht die sämtlicher weiblicher Anverwandter plus Religion und Herkunft, rechtfertigt eine Tätlichkeit gegen einen Mitspieler. Die rote Karte ist trotzdem vollkommen korrekt.

    Aber auch ohne die rote Karte gegen Zidane hätte Frankreich kaum mehr Chancen gehabt, das Spiel noch zu drehen. Genauso wie Deutschland sich, wegen der Unsportlichkeit des Strafeeinforderns gegen Frings, nicht zum eigentlich legitimen Sieger über Italien erklären kann.

    Die Italiener gehörten sicher nicht zu den fairsten Mannschaften der WM, aber dass sie sich den Titel verdient haben, ist dadurch nicht wegzudiskutieren. Nur die Anzahl der Tore zählt, nicht die der Zeitungsartikel.

    Lassen wir die Fussball-WM weg, so ist auffällig, dass die italienische Justiz ihre Urteile mit schöner Regelmäßigkeit in der Revision auf den Kopf stellt. Das betrifft nicht nur dämliche Sportsgerichtsbarkeiten, sondern alles von Drogenhandel bis Mafiamorde. Hier ist nicht das Fairplay in Gefahr, sondern die Rechtsstaatlichkeit in einem großen europäischen Land.

    Ginge es nur um den Fussball, so könnte die Fehlentscheidung des Revisionsgerichts leicht korrigiert werden, indem die UEFA alle italienischen Vereine für ein paar Jahre von sämtlichen europäischen Tournieren ausschliesst. Gegen das britische Hooliganproblem hat diese Maßnahme Wunder gewirkt.

    Leider leider ist viel mehr in Gefahr. Die italineische Justiz ist vollkommen der Kontrolle einer korrupten Wirtschaft verfallen. Nur kann man die italienische Wirtschaft deswegen nicht für ein paar Jahre vom Welthandel ausschliessen. Das Problem bleibt also. Einige allzu milde Urteile in Deutschland bei Korruptionsfällen lassen befürchten, dass es sich auch noch ausbreiten wird.

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