Kinder sprechen in 100 Sprachen – so lautet der Leitsatz der Reggio-Pädagogen. Kinder sind von Natur aus kreativ und denken, entdecken, erzählen auf 100 verschiedene Weisen – doch in der herkömmlichen Erziehung werden ihnen 99 ihrer Sprachen wieder genommen. Das beklagte zumindest Loris Malaguzzi. Malaguzzi war der Initiator des Reggio-Konzeptes, das in den späten 60ger Jahren erdacht wurde. Allerdings gilt er nicht als Begründer, denn die Bewohner der Stadt Reggio Emilia haben sich eingemischt – es ist ein Gemeinschaftsprojekt geworden. In Reggio arbeiten noch immer etliche Kitas und Krippen nach dem Modell, das die Erzieherinnen an ihren praktischen Erfahrungen weiterentwickeln – und auch in Deutschland versuchen einige Kitas, dem Modell nachzueifern. Die Stadt Reggio leistet es sich allerdings, zehn Prozent der öffentlichen Ausgaben in die Kindergärten fließen zu lassen. Kinder sind kreativ: sie haben 100 Sprachen, um sich auszudrücken

Wer die Kinder auf eine Sprache reduziert, kann sie nicht mehr verstehen, nicht nachvollziehen, wie sie die Welt begreifen – so die Reggianer. Das Kind gilt als Forscher, das eigene Theorien entwickelt und selbst überprüft.

Deshalb ist die Aufgabe der Erzieherinnen sehr komplex. Ähnlich wie die Lehrerinnen der Montessori-Kindergärten sollen sie mit den Kindern kooperieren, statt sie anzuleiten. Doch anders als bei Montessori wird hier nicht die Umgebung nach strengen Regeln „vorbereitet“, sondern die Zusammenarbeit soll wie ein Ping-Pong-Spiel funktionieren. Ein Ball wird von einem Kind gespielt, und die Erzieherin spielt den Ball zurück. Manchmal entscheidet sie sich für einen anderen Ball oder spielt über eine Ecke, um gezielt etwas anzubieten, das zur Arbeit des Kindes passt. Es werden viele Projekte durchgeführt, die meist von der Idee eines Kindes ausgehen und mal zwei Stunden, mal mehrere Monate dauern können. Da wurde in einer Kita in Reggio beispielsweise ein Dinosaurier in Lebensgröße – nämlich in 27 Meter Länge – gemalt und gebastelt und schließlich in der Stadt ausgestellt. Zu jedem Kindergarten gehört auch eine Kunstpädagogin, die den Erzieherinnen hilft, die Werke der Kinder zu analysieren.

Die Erzieherinnen haben nämlich auch die Aufgabe, die Entwicklung jedes einzelnen Kindes zu beobachten und zu dokumentieren. Sie besprechen dann gemeinsam, wie was zu interpretieren sei und welche Anregungen noch gegeben werden könnten.

Der Raum gilt als der „dritte Erzieher“. Wie eine italienische Stadt ist ein Reggio-Kindergarten aufgebaut: Auf der Piazza trifft man sich. Und von ihr gehen die Werkstätten, „Denkecken“, Bewegungsräume und Ateliers ab, in denen gearbeitet, gespielt oder ausgeruht wird. Die Produkte der Kinder sind dann wiederum auf der Piazza zu sehen – als Ausstellungen, Video- und Fotodokumentationen oder Plakate. Spiegel spielen auch eine wichtige Rolle, in denen die Kinder sich selbst und neue Perspektiven im Raum entdecken können.

Eine weitere Parallele zu den Montessori-Kindergärten besteht darin, dass man die Materialien besonders wichtig nimmt, mit denen die Kinder arbeiten. Viele sind direkt von Montessori übernommen. Doch die Auswahl ist wesentlich größer. Die Reggianer verwenden in ihren Werkstätten alltagsnahe Dinge wie Blech, Gips, Schrauben und Farben. Oder auch Geräte wie Dia- oder Overheadprojektoren. Sie stellen Zollstöcke und Lupen, Werkbänke, Waschbecken, Computer, Schreibmaschinen und Lexika zur Verfügung.

Ganz anders als bei Montessori ist die Rolle der Eltern und die anderer Erwachsener in der Stadt. Sie werden in die Arbeit integriert – als Experten der Familie sowieso aber auch als Helfershelfer, je nachdem, was sie anbieten können. Auch der Bürgermeister der Stadt muss mal mit ran, wenn der Dinosaurier einen Ort braucht, an dem er bewundert werden soll.