E-Mail aus Berlin Kleeblatt als PlaceboSeite 2/2

Das zweite Dilemma der Großen Koalition ist, dass sie entweder offen und transparent sehr früh Reformen mit den Koalitionsfraktionen entwickeln und aushandeln muss; die decken jedoch ein enormes Meinungsspektrum mit hohem Streitpotenzial ab, sodass schnell bei den Bürgern das Dauergefühl entsteht, die Koalition sei sich nie einig. Die alternative, in Merkels Effizienzschema besser passende Variante ist, möglichst viel im kleinsten Kreis vorab zu klären. Bereits aus dem 20-köpfigen Koalitionsausschuss dringt nach ihrer Ansicht zu viel nach außen, sodass man dort nicht mehr offen reden mag. Die Gesundheitsreform jedoch hat gezeigt, wie ungünstig es sein kann, Fraktionen nicht vorab zu überzeugen: Die größte Opposition nach dem vom Kleeblatt Merkel-Beck-Müntefering-Stoiber verkündeten Eckpunktepapier kam aus den eigenen Reihen. Zwar ist bei der satten Mehrheit der Großen Koalition der einzelne Abgeordnete nicht mehr so maßgeblich, jedoch eine Fraktion, wenn sie sich gegen das Kabinett und die Koalitionsführung verschwört, so wie es zeitweise bei der Föderalismusreform drohte.

Bei der Gesundheitsreform hat es ziemlich sicher sogar geschadet, dass zu viel an offenen Fragen von der Koalitionsspitze geklärt werden musste. Zur Erinnerung: Eine Arbeitsgruppe mit Fachpolitikern aus beiden Parteien hatte monatelang getagt und am Ende zu viel offen gelassen oder offen lassen müssen, um es in einer Nacht im Kanzleramt vom großen Koalitionsausschuss entscheiden zu lassen. Dabei hatte vorher auch schon der so genannte kleine siebenköpfige Ausschuss getagt aus Kanzerlin, Vizekanzler, Parteivorsitzenden und Fraktionschefs.

Angela Merkel und Franz Müntefering denken nach Informationen von ZEIT online nun darüber nach, das Kabinett als Entscheidungsgremium zu stärken und Reformentwürfe nicht so früh aus der Hand zu geben, sondern wasserdichte Gesetzesentwürfe vorzulegen. Diese könnten dann von den Abgeordneten im parlamentarischen Gesetzesverfahren geändert werden aber nicht früher. Die Große Koalition muss sich ihrer Ansicht nach im Kabinett bewähren und dieses Gremium hat derzeit noch den Vorteil von gefühlter Gemeinsamkeit, mehr als in den Fraktionen.

So wie es kürzlich lief, als Müntefering vor lauter Sorge, dass seine Kombilohn-Pläne zu früh zerredet würden, noch nicht einmal im Kabinett ein Papier vorzulegen wagte , sondern nur mündlich, ohne Absprache mit dem Wirtschaftsminister, ein paar Ideen vortrug, so soll es in Zukunft nicht mehr angehen, heißt es. „Das könnte denen so passen,“ sagt dazu warnend einer in der SPD-Fraktion. Ausgang offen.

 
Leser-Kommentare
  1. Merkel ist eine einzige Fehlbesetzung: langweilig, inkompetent, intrigant und ohne Linie.
    Einst kämpfte sie vehement gegen die absurde Ökosteuer, sie ist geblieben.
    Dann attackierte sie das schwachsinnige Diskr.-Gesetz, es wurde unverändert übernommen.
    Sie tadelte den verantwortungslosen Atomausstieg. Es bleibt dabei.
    Mautdaten dürfen auch bei Schwerverbrechen nicht weitergegeben werden, weil die Ideologen von Rot-Grün es so wollten. Keine Änderung.
    Wenn ich CDU-Politiker wäre, würde ich die Merkel davonjagen.

    • Besser
    • 02.08.2006 um 21:37 Uhr

    Ach was immer es auch ist, das sie versucht, es wird immer Leute geben, die bereit sind ein rasches Urteil zu fällen. Aber man kann es - man darf es sogar - nicht immer allen recht machen. Die Position, in der diese Frau steckt, erinnert mich an eine von David Copperfields Entfesslungszenarien. Ich hoffe sehr, sie kommt frei. Ich bin sogar überzeugt, dass - wenn es überhaupt jemand schafft in dieser Situation Dinge zu bewegen - dann sie. Ihre Außenpolitik zeigt Klugheit, ihr Umgang mit Menschen ist niemals ohne Respekt, Problemlösungen sind ihr ein glaubwürdiges Anliegen, aber gegen Dauernörgler mit unstillbaren Erwartungshaltungen ist sicher nirgendwo auf der Welt ein Kraut gewachsen.

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