KindergartenSozialistischer Nachwuchs

In der DDR war der Kindergarten die erste Stufe des zentralen Bildungssystems. Von klein auf sollten die Kinder sich für die Gesellschaft engagieren. Lebensfroh waren sie trotzdem. von Franziska Günther

Die Bundesrepublik will kinderfreundlicher werden, mehr Kindergartenplätze schaffen und eine ganztägige Betreuung ermöglichen. "Das hatten wir alles schon", sagen die, die die DDR miterlebt haben. In Kinderkrippen waren die Ein- bis Dreijährigen untergebracht. Bis zur Wende hatte die DDR es geschafft, dass 98 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen ein Kindergartenplatz sicher war. Die Öffnungszeiten wurden damals an die Arbeitszeiten der "werktätigen Mütter" angepasst, damit Frauen gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sein konnten. Ab sechs Uhr morgens konnten die Kinder abgegeben werden und waren dann den ganzen Tag in Obhut der Erzieherinnen.

Der Kindergarten war die unterste Stufe des deutsch-demokratischen Bildungswegs. Er war von Beginn an nicht nur dafür zuständig, den Müttern tagsüber die Betreuung abzunehmen, sondern war als vorschulische Erziehungseinrichtung dem Ministerium für Volksbildung untergeordnet. Im Kindergarten sollten die Kinder "zur Schulreife geführt" und von klein auf zu "sozialistischer Moral" erzogen werden. Seit dem 1. September 1985 regelte das Blaue Buch, der "Bildungs- und Erziehungsplan für den Kindergarten", verbindlich die pädagogische Arbeit. Ausgewählte Vorschulreferentinnen waren insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg dazu da, die politischen Standpunkte der Erzieherinnen zu überwachen und zu beurteilen.

Die Erzieherinnen mussten jeden Tag schriftlich planen, um gut für die Arbeit mit den Kindern vorbereitet zu sein und ihre Pädagogik unter einheitlichen Gesichtspunkten zu durchdenken. Das bedeutete auch, dass der Tagesablauf bis ins Detail geregelt war. Dazu gehörte zum Beispiel die tägliche Bettruhe, das gemeinsame Waschen davor. Auf die Gesundheit wurde besonders geachtet. Ein fester Tagesablauf, Bewegung, frische Luft und gesunde Ernährung sollten dem Nervensystem und Organismus der Kinder nachweislich gut tun.

Das Personal hatte den Nachwuchs gemäß Lehrplan so zu lenken, dass das Wissen, Können und Verhalten, das sich die Kinder aneigneten, den angestrebten gesellschaftlichen Zielen entsprach. Die wurden zentral festgelegt. Durch Spielen und Arbeiten reift der Nachwuchs laut Tätigkeitskonzept der sowjetischen Psychologie und Pädagogik am besten. Die Kinder wurden als unfertig und defizitär angesehen. Deshalb waren sie eher pädagogisches Objekt als Subjekt ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Freies Spiel war zwar ab und zu in geregeltem Rahmen möglich, aber ihnen wurde Vieles unter Anleitung beigebracht. Während sie zeichneten, achteten die Erzieherinnen darauf, wie sie den Stift hielten, oder darauf, dass sie nicht über den Rand einer Bilderbuchkontur malten. Durch Turnübungen wurden gezielt ihre motorischen Fähigkeiten geschult. Auch Musikinstrumente wie Triangel oder Trommel durften die Kleinen ausprobieren.

Jedes Kind konnte also durchaus seine individuellen Fähigkeiten und Neigungen, Vorstellungen und Bedürfnisse entwickeln. Soweit, wie sie der Gemeinschaft nützlich waren. Die Kinder sollten sich im Kollektiv wohlfühlen, um das Bedürfnis zu haben, freundschaftlich allen dienlich zu sein. Ihre Selbstverwirklichung und individuellen Bedürfnisse mussten sie dem großen Ganzen unterordnen. Was für die Gruppe gut war, so die Doktrin, war auch für den Einzelnen gut. Dem Nachwuchs sollte ein inhaltsreiches und glückliches Leben in der Kindergemeinschaft geschaffen werden. Konflikte zwischen den Kindern mussten die Erzieherinnen im Ansatz unterbinden. Zu Elternabenden, auf denen das Kindergartenpersonal Rücksprache mit der Familie hielt, hat die Gruppe oftmals einstudierte Programme mit Liedern und kleinen Gedichten vorgeführt.

Die Kinder sollten eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Leben bekommen und das "sozialistische Heimatland" lieben lernen. Dazu besuchten sie "Werktätige" in Fabriken oder Betrieben, um den Wert der Arbeit für die Gemeinschaft zu realisieren. Beim Bäcker konnten sie beobachten, wie Brötchen gebacken wurden und hören, wie schwer es sein kann, früh morgens aufzustehen. Die Erzieherinnen erzählten ihren Schützlingen von Erich Honecker, zeigten ihnen Bilder, damit sie wussten, wer "Gutes für sie tat". Nationale Kampf- und Feiertage waren Teil des Kindergarten-Jahres. In den Lehrplänen war auch vorgesehen, dass die Kinder "freundschaftliche Gefühle zu den Soldaten der NVA herausbilden". Das Lied Der Volkspolizist haben schon die Kleinsten gesungen:

"Und wenn ich mal groß bin,
damit ihr es wisst,
dann werde ich auch so ein Volkspolizist.
Der Volkspolizist,
der es gut mit uns meint,
... er ist unserer Freund."

Nicht nur dadurch sollten sie sich dem Vaterland verbunden fühlen, auch das Kennenlernen der Natur förderte die Heimatliebe. Das Lied Unsere Heimat kennt jeder, der in der DDR aufgewachsen ist.

"Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald,
...und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört."

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verfolgten die Kindergärten oftmals eine Laissez-faire -Pädagogik, um nicht in den Ruf zu geraten, die strenge und reglementierende DDR-Kindergartenpädagogik fortzusetzen.

Christian Bangel, der seine Kindergartenzeit in der DDR verbracht hat, meint: "Wir durften auch Kind sein, so schlimm war es gar nicht."

Erinnerung an vergangene Zeiten: Wie war die DDR? Ein Schwerpunkt.

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