Kindergarten Selbst ist das Kind

In Freinet-Kindergärten übernimmt der Nachwuchs die Regie. Die Pädagogen müssen nur herausfinden, was die Kleinen wollen

Der französische Dorfschullehrer Célestin Freinet war nach einem Lungendurchschuss, den er mit 20 Jahren im ersten Weltkrieg erlitt, nicht mehr in der Lage, seinen Sprösslingen den Lehrstoff auf althergebrachte Weise einzupauken. Deshalb lockerte er den Unterricht auf. Die Schüler sollten sich selbstständig beschäftigen. Der Initiator der Freinetpädagogik half damit zunächst sich selbst und erlöste seine Klassen aus strengem Frontalunterricht. Heutzutage findet sich seine Pädagogik auch in Kindergärten wieder. Was in der Landschule von Bar-Sur-Loup in Südfrankreich gut funktionierte, entwickelte Freinet seit 1920 mit Hunderten Kollegen der Reformpädagogik zu einem neuen Konzept, das seitdem seinen Namen trägt. Das Grundprinzip: Der Nachwuchs übernimmt die Regie für seine eigene Entwicklung. Aber überfordert nicht Kindergartenkinder, was ursprünglich für Schulkinder konzipiert wurde?

Die Freinetpädagogen sagen nein. Der Ansatz lasse sich auf alle Altersstufen anwenden. Auch Kindergartenkindern wird in diesem Konzept alles zugetraut. Es geht sehr weit darin, wie die Kinder ihren Alltag selbst gestalten. In unfertigen und pädagogisch nicht aufbereiteten Situation finden die Kinder ihre eigenen Stärken heraus, gewinnen Selbstvertrauen. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht zum Beispiel so aus: Jedes Kind malt oder schreibt am Morgen auf eine Karte, worauf es Lust hat. Das tun auch die Erwachsenen. In einem Morgenkreis, einer kleinen Konferenz, besprechen alle die Vorschläge und erstellen danach den Tagesplan. Für welche Beschäftigung gibt es Mehrheiten? Wer will Basteln, möchte jemand Ball spielen? Die Koordination nehmen die Kids selbst in die Hand: Es gibt einen "Häuptling", seine Helfer und Sekretäre schreiben ihr Namenskürzel in einen Plan und managen so, wer sich um was kümmert. Eigeninitiative bedeutet also nicht Chaos oder Willkür. Es muss Absprachen geben.

Der Nachwuchs soll kein fertiges Werteschema übergestülpt bekommen. Bedürfnisse müssen kommuniziert und persönliche Grenzen der Kinder geachtet werden. So entsteht ein eigenes Normsystem. Wehtun ist verboten, weil die Kinder es so wollen, nicht, weil ein Erwachsener gepredigt hat, es sei böse. Die Erwachsenen haben zu respektieren, dass ein Kind anders tickt als sie selbst. Statt als Besserwisser den Kleinen aufzuzwingen, was zu tun ist und sie von außen zu lenken, spielen die Pädagogen Beobachter. Die Kinder sollen spüren, dass sie als Ebenbürtige behandelt werden. Pädagogen sorgen zwar für die Sicherheit ihrer Schützlinge, aber sie müssen immer wieder herausfinden, wie und ob sie gerade gebraucht werden. Oft sind sie nämlich entbehrlich. Zum Beispiel, wenn eine Gruppe in Eigenregie die Töpferwerkstadt managt, kleine Tonwürste aus Sieben herausdrückt und Klumpen formt. Sitzt ein Mädchen lieber verträumt auf einer Treppenstufe und stellt sich vor, wie sie mit Glühwürmchen durch den Regenwald schwebt, wird sie nicht gezwungen, mit den anderen zu essen.

Die Großen sollen den Nachwuchs dabei unterstützen, sich auszudrücken und seine Bedürfnisse zu erkennen. Das Kind muss erst einmal wissen, was es überhaupt will. Unabhängig von den Erwachsenen. Es soll darum von Anfang an alleine zwischen Möglichkeiten wählen und die Fähigkeit entwickeln, sich zu entscheiden und zu handeln. Angenommen, ein Kind pinselt gerade ein Bild und will unbedingt noch gelbe Tupfen auf die Schmetterlingsflügel malen. Plötzlich holen es seine Freunde zum gemeinsamen Bastelprojekt ab. Ein Drache soll aus Papierfetzen und Schnüren zusammengeschustert werden. Was tue ich? Die anderen auf später vertrösten und riskieren, dass diese ohne mich werkeln, oder das Tuschkunstwerk eine Weile ruhen lassen, auch wenn ein anderes Kind dann die gelbe Farbe in Beschlag genommen haben könnte? Wenn es gelernt hat, Entscheidungen zu treffen, kann es auch mit anderen Kindern kooperieren und Kompromisse finden: Wartet kurz, ich komme gleich nach.

Typisch für alle reformpädagogischen Konzepte der 20er und 30er Jahre ist, dass die Kinder selbstständig tätig sind und sich dabei selbst erkunden und erschaffen. Es darf sowohl mit Material und Werkzeugen als auch mit sozialen Regelungen experimentieren. Erst die Entdeckungsreise, dann die Erkenntnisse, so ist Freinets Reihenfolge. In Freinet-Kindergärten sind Ateliers und Werkstätten eingerichtet, zu denen auch schon Dreijährige freien Zugang haben, um beispielsweise mit Holz zu schnitzen. Man schenkt ihnen vollstes Vertrauen, hat sie aus dem Augenwinkel aber im Blick. Wer ein "Werkstattdiplom" erworben hat, kann auch völlig ohne Aufsicht den anderen Kindern zeigen, wie es geht. Natürlich geht es in einem Freinet- Kindergarten lebhafter und lauter zu, als in einem, der von Erwachsenen geregelt wird. Der Diplom-Pädagoge Lothar Klein hat sich selbst ein Bild gemacht.

Während andere pädagogische Ansätze Arbeit und Spiel strikt voneinander trennen, verbindet Freinet sie bewusst. Die Kinder sind auf keinen Fall zu Arbeit verdonnert, sie können aber, soweit die Theorie, am besten lernen, wenn sie einen Sinn in ihrer Tätigkeit erkennen. Sie töpfern eine Tasse, nähen kleine Täschchen, kleben Streichholzschachteln zu Häusern zusammen und haben am Ende etwas davon. Ebenso erledigen sie Aufgaben für die Gruppe, gießen die Blumen, fegen die Straße. Kinder können nach Freinets Ansicht sehr wohl Verantwortung übernehmen, wenn sie sich mit etwas beschäftigen, das ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten entspricht. Sie müssen nur spüren, dass die Erwachsenen es ihnen zutrauen.

Freinet gestand jedem Kind seinen individuellen Rhythmus, seine eigenen Wege und Umwege zu. Es wächst mit seinen Fehlern und Rückschlägen, so die Idee. Die Erwachsenen dürfen die Kleinen dabei auf keinen Fall maßregeln und ihnen ihre Defizite vorwerfen. Sie müssen vielmehr selbst Mut zum Ausprobieren haben. Die Kinder sind, so Freinet, ohnehin kleine Perfektionisten und regeln das allein. Sie entwickeln ihre eigenen Maßstäbe.

Weitere Freinet-Infos finden Sie auf der Seite der Freinet-Kooperative

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Leser-Kommentare
    • Besser
    • 07.08.2006 um 17:45 Uhr

    Es hat schon immer Versuche gegeben einen ganz neuen Menschen zu kreieren - meistens von unglücklichen, unzufriedenen, weltfremden Menschen, denen vermutlich eine gesunde Portion Liebe, die Strenge und das Aufzeigen von Grenzen einschließt, sehr gut getan hätte.Dort hätten sie vielleicht die Art von Geborgenheit und Sicherheit kennen gelernt, die es ermöglicht im Laufe des Lebens (und einer ganz normalen Schulzeit) die Dinge herauszufinden, die für sie von Wichtigkeit sind. Kinder wertfrei aufwachsen zu lassen ohne sie mit eigenen Werten zu "beschweren" ist wie ohne Wetter zu leben. Irgendein Wetter ist immer. Viel zu häufig überläßt man den Kindern sich selbst, verlangt ihnen Entscheidungen ab, die sie einfach überfordern und redet sich dann noch ein, ein neues Lebensprinzip zu schaffen.
    Kann nicht gut gehn.

    • 2306
    • 09.08.2006 um 1:36 Uhr

    lieber besser, sollten sie der meinung sein, bei ihnen wäre es besser gegangen, so bitte ich sie den artikel erneut zu lesen, diesmal vielleicht etwas aufmerksamer...es wird doch hoffentlich nicht an mangelnden sprachkenntnissen ihrerseits liegen, dass sie den artikel so oberflächlich interpretieren...andernfalls fällt mir in der kürze nur folgendes passend zu ihrem kommentar ein: bescheidenheit ist eine zier, doch es geht auch ohne ihr...

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