FESTIVALWas vom Krautrock übrig bleibt

Der Plattenverlag Klangbad lädt vom 11. bis 13. August ins oberschwäbische Örtchen Scheer ein. Am Donaustrand gibt es Elektronisches, Tanzbares und Experimentelles auf zwei kleinen Bühnen. Ein Vorbericht von von Andi Schoon

Nicht wenige Menschen nennen Hans-Joachim Irmler eine Legende. Als Orgelspieler der Krautrock-Band Faust prägte er eine Klangsprache, auf die sich noch heute viele junge Bands beziehen. Unlängst durften Faust ihr 35-jähriges Bestehen feiern. Klangbad heißt die Plattenfirma, die Irmler zusammen mit Cornelia Paul betreibt – und diesen Titel trägt auch das Festival, welches beide in diesem Jahr zum dritten Mal am Strand des idyllischen Örtchens Scheer veranstalten. Das dreitägige Programm mit 22 Projekten aus sechs Ländern spiegelt ihr Bemühen, nach Neuem zu suchen und sich selbst treu zu bleiben.

Wir erinnern uns: Krautrock, das waren Männer im Taumel der Wiederholungsschleifen – vornehmlich deutsche Männer, daher die Bezeichnung für dieses Genre, das wie kaum ein zweites für die 70er Jahre steht. Mit flinken Fingern und archaischen Rhythmen ging es an die Auflösung der Grenzen zwischen Stilen, Kulturen und Bewusstseinsebenen. Die so genannte Weltmusik wurde hier ebenso vorgedacht wie die heute selbstverständliche Verbindung von Rock und Elektronik. Krautrock war eine Stilblüte ohne feste Form, aber auch ein Erfolgsmodell, das tief in nachfolgende Musikrichtungen eingesickert ist.

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Wer über das Festivalgelände im Oberschwäbischen schlendert, mag ahnen, was Krautrock als Geisteshaltung heute noch bedeuten kann: nirgendwo uniformierte Ordner, keine nervenden Werbeaktionen und kein Bungee-Jumping. Die eher geruhsame Atmosphäre des Klangbad-Festivals hat fast schon etwas Politisches. Hier ist alles möglich, vom Alpenjazz bis zur freien Improvisation, von tanzbarer Elektronik bis zur esoterischen Klangmalerei. All das auf dem engen Raum eines Festivals mit nur zwei Bühnen.

So viel zum Krautrock als Haltung, aber was ist mit Krautrock als Musik? Den gibt es natürlich auch zu hören, in Form der alten Helden – letztes Jahr spielten Faust, diesmal treten die im Woodstock-Jahr gegründeten Embryo auf – aber auch durch neue Ensembles, die den alten Geist meisterhaft verjüngen. Dazu gehören Irmlers aktuelles Projekt Paper Factory sowie die englischen Volcano The Bear, deren experimentelle Erkundungen sich aus historischen Quellen speisen und trotzdem unverbraucht klingen.

Das Klangbad-Festival liegt nicht nur geografisch abseits des Hauptstroms, an einem Nebenarm der Donau. Es ist auch einer der raren Orte, an dem sich heute noch befreit über die Einfalt des musikalischen Mainstreams lachen lässt. Dabei ist das Festival keine Veranstaltung für selbstzufriedenes Schulterklopfen, denn die vertretenen musikalischen Ansätze relativieren sich in ihrer Unterschiedlichkeit gegenseitig.

Mit dabei sind:
Absynthe Minded, Attwenger, Bernadette La Hengst, Cpt. Howdy, DJ Fett, Embryo, Franz Wegling, Franz Hautzinger, Guido Möbius, Ilse Lau, Jonas Dorn & Arjazztra, Michael Fakesch (Funkstörung) & F.M. Einheit, Nightingales, Nufa, Oranzada, Paper Factory, Polvorosa, Quio, Sofa Surfers, Spearmint, Steamboat Switzerland, Volcano The Bear.

Hören Sie hier Dawn And My Hips Are Fuel von Volcano The Bear

Weitere Informationen unter www.klangbadfestival-scheer.de

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    • Schlagworte Festival | Elektronik | Embryo | Musikrichtung | Donau
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