Atomkraft Nahe am GAU
In Schweden sind nach einem Störfall vier der zehn Atomreaktoren abgeschaltet worden. Kritiker sprechen von einer Beinahe-Katastrophe und dem schwersten Zwischenfall seit der Kernschmelze von Tschernobyl
Im schwedischen Atomkraftwerk
Forsmark-1
war am vergangenen Mittwoch die Notstromversorgung ausgefallen. Deshalb konnte der Meiler für einige Zeit nicht elektronisch gesteuert werden. Ursache war nach Angaben der Organisation Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg ein Kurzschluss außerhalb des Kraftwerks, der zur Trennung des AKWs vom Stromnetz führte. Danach hätte die Notstromversorgung anlaufen sollen. Zwei der vier Dieselaggregate seien aber nicht wie geplant automatisch angesprungen. Es sei nur deshalb nicht zu einer Katastrophe gekommen, weil die Reaktorschnellabschaltung und Teile des Kühlnotsystems funktionierten.
Aufgrund des Zwischenfalls nahmen die Betreiber drei baugleiche Blöcke ebenfalls vom Netz. Wie die Aufsichtsbehörden am Donnerstag mitteilten, soll dies genutzt werden, um die Sicherheitssysteme zu überprüfen. Politiker und Umweltgruppen in Schweden forderten eine umfassende Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen in schwedischen Nuklearanlagen von unabhängiger Seite. Der Sprecher der staatlichen Kernkraftinspektion, Anders Jorl, sprach von einem »unglücklichen« Vorfall.
Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer sagte, der »schwere Unfall« habe schlagartig »die fortdauernde Gefahr dieser Technologie« deutlich gemacht. Die Umweltorganisation Greenpeace schätzt den Störfall als »schwerwiegend« ein und begrüßt das Vorgehen der Staatlichen Kernkraftinspektion in Schweden (SKI), die drei bauähnlichen Atomkraftwerke sofort vom Netz zu nehmen. Ein früherer Direktor der SKI habe gesagt, dass es »nur mit purem Glück nicht zu einer Kernschmelze gekommen ist«. »Das Atomkraftwerk ist durch den Störfall fast zwanzig Minuten lang im Geisterbetrieb gefahren, bis die Belegschaft den Betrieb des Kraftwerks manuell wieder in den Griff bekam«, meinte Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace.
Als Reaktion auf den Störfall in Forsmark verlangt Greenpeace die Überprüfung der Notstromversorgung deutscher Atomkraftwerke. Die Organisation verwies auf eine kurzfristige Unterbrechung der Notstromversorgung am 3. März 2004 im AKW
Isar 2
. Smital: »Auch in Deutschland gibt es Atomkraftwerke mit diesem Typ von Notstromsystem. Wir nehmen zwar an, dass hier zu Lande nach dem Vorfall 2004 Nachrüstungen erfolgt sind, die man in Schweden unterlassen hat. Trotzdem muss die deutsche Atomaufsichtsbehörde umgehend klären, ob eine ähnliche Gefahr bei den hiesigen Atomkraftwerken droht.«
In einer Volksabstimmung hatten die Schweden 1980 den Atomausstieg beschlossen. Zwei der ursprünglich 12 schwedischen Reaktoren, die beiden Blöcke in Barseback unweit Malmö und Kopenhagen, sind inzwischen stillgelegt worden. Etwa die Hälfte der Elektrizität des Landes wird aber weiter aus Kernenergie gewonnen. Trotz der abgeschalteten Reaktoren wird jahreszeitbedingt nicht mit Strommangel gerechnet.
- Datum 03.08.2006 - 07:36 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Außer den zwei Notstromaggregaten scheinen auch einige Pumpen des Notkühlsystems zunächst nicht funktioniert zu haben. Wenn das Notkühlsystem nicht schließlich doch noch halbwegs gearbeitet hätte, wäre der Reaktorkern unweigerlich geschmolzen. Außerdem ist nach den Informationen, die ich bis jetzt so mitbekommen habe, auch die Schaltzentrale des Kraftwerks teilweise außer Funktion gewesen. Alles das lässt darauf schließen, dass ein SuperGAU nur mit großem Glück vermieden werden konnte. Und man muss sich schon auch die Frage stellen, was die Sicherheitskonzepte der Reaktorbetreiber wert sind, wenn ein einfacher Kurzschluss zu solchen Problemen führt.
Ich betrachte den Störfall eher als letzte Warnung. Aber mit der Mischung aus Gier, Leichtsinn und Überheblichkeit, die Befürworter der Kernenergie im Allgemeinen auszeichnet, werden sie auch dieses Ereignis erfolgreich zu verdrängen wissen.
Soso, "westliche" Kernkraftwerke sind also sicher? "Der frühere Forsmark-Direktor Lars-Olov Höglund betonte, es sei reines Glück gewesen, dass es nicht zu einer Kernschmelze gekommen sei. Wäre der Reaktor nur sieben Minuten länger nicht kontrollierbar gewesen, wäre die Katastrophe unvermeidlich gewesen."
Die ausgefallenen Generatoren stammen übrigens aus Deutschland - AEG. Das Bundesumweltministerium prüft jetzt, ob die zugrunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen könnten.
In der Vergangenheit war das zumindest so - am 3. März 2004 wurde im AKW Isar 2 die Notstromversorgung kurzfristig unterbrochen... es bleibt zu hoffen, dass nach diesem Vorfall die notwendigen Nachrüstungen vorgenommen wurden...
Wie kommt es nur, dass eine wohl nicht 100%ig sichere, sagenhaft teure und kaum zukunftsträchtige Art der Energieerzeugung wieder so hoffähig geworden ist - gute PR-Arbeit der Atomindustrie?
Ich habe heute noch nach Schweden telefoniert, die Menschen sind sehr besorgt. Den Vorfall mit verschwörungstheoretischer Rhetorik zu ignorieren und von einem einem "problemlos abgelaufenen Störfall" zu sprechen, finde ich töricht. Der Vorfall macht vielmehr deutlich, dass es beim derzeitigen Energieverbrauch, keine sauberen und sicheren Konzepte zur Energiegewinnung gibt.
Aus den weiter unten genannten 3 Gründen kommen als dauerhafte Energiequellen nur erneuerbare Energieträger in Frage.
Im Gegensatz zu Uran und fossilen Rohstoffen sind die erneuerbaren Energieträger (Sonne direkt, Biomasse, Wind, Wasser, Gezeiten, Erdwärme) mit einer Reihe von Vorteilen gesegnet:
1. Sie stehen beliebig lange zur Verfügung. Die zu ihrer Nutzung entwickelten Technologien, Bauwerke und Infrastrukturen sind unproblematisch und müssen nur wegen Bauwerksalter und technischem Fortschritt ausgetauscht werden.
2) Wer sich für kurze Zeit die Mühe macht, sich über die Bevölkerungszunahme auf unserem Planeten zu informieren, wird feststellen, dass sich die Menschheit noch immer enorm vermehrt. Passieren keine einschneidenden Katastrophen, werden im Jahr 2050 mehr als 8,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkern (Tendenz auch dann noch zunehmend). Die erneuerbaren Energien sind von menschlichem Maß, können dezentral auch in Entwicklungs- und Schwellenländern genutzt werden und stehen sowohl bei uns als auch noch mehr im Sonnengürtel der Erde zur Verfügung. Sie erzeugen weder radioaktive Strahlung, Korruption oder Treibhauseffekt sondern sorgen für politische Unabhängigkeit, da sie überall ein sauberer heimischer Rohstoff sind. Weil sie keine Umweltprobleme erzeugen, kann der Energiebedarf auch einer wachsenden Menschheit damit gedeckt werden.
3.) Jeder einzelne neue Kernreaktor erhöht die Nachfrage nach und die Menge des in Umlauf befindlichen strahlenden Materials. Ein unnötiges Risiko. Auch wenn wir die bisherigen Entwicklungen nicht ungeschehen machen können: Weitermachen ist unvernünftig. Deshalb ist Deutschlands Atomausstieg sinnvoll. Bei uns werden die Mittel nun vermehrt in zukunftsorientierte Technologien investiert, wo wir auf vielen Gebieten Weltmarktführer sind. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Jeder einzelne Kernreaktor, der in den Entwicklungs-, Schwellen- und politisch unsicheren Ländern nicht gebaut wird, weil hochentwickelte Technologien für erneuerbare Energieträger ohne Sanktionen am Weltmarkt verfügbar sind, ist ein Beitrag zur Sicherheit und zum Wohlstand der Menschheit.
Wir spielen ein Spiel, dessen Verlauf umso sicherer wird je länger wir spielen: Jeder (Beinahe-)Störfall führt in der Folge zu Verbesserungen der Komponenten, zur größeren Sicherheit durch Erhöhung der Redundanz.
Näherungsweise kann das Spiel wie folgt beschrieben werden:
Schritt 1: Wir beginnen das Spiel mit dem Werfen von 2 Münzen und gehen zum Schitt 2.
Schritt 2: Zeigen alle Seiten der geworfenen Münzen "Zahl", ist das Spiel beendet, ansonsten gehen wir zu Schritt 3.
Schritt 3: Wir verdoppeln die Anzahl der Münzen, mit denen wir werfen und gehen zum Schritt 2.
Eine kurze Überlegung oder Simulation dieses Spieles zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Spielabbruchs umso kleiner wird, je länger das Spiel anhält.
(Philosophisch folgt daraus sofort, dass nicht alles eintreten wird, was eintreten kann.)
In der näherungsweisen Übertragung dieses Spiels auf die Kernkraft entspricht dem Fallen einer "Zahl" der Ausfall einer Komponente im KKW. Zeigen alle Münzen Zahl, entspräche dies dem GAU.
Der k a n n natürlich auftreten, aber je mehr Erfahrungen man sammelt, desto unwahrscheinlicher wird er.
Ich denke sogar, dass ganz ähnliche Überlegungen auch ganz generell für den (Nicht-)Abbruch des Lebens im Kosmos zutreffend sind.
Herzlichst Crest
P.S. Das Gefahrenpotential unserer Kernkraftwerke wird immer noch gerne mit Tschernobyl verglichen. Ein Reaktor vom Tschernobyl-Typ sollte verglichen werden mit Heizen mit Benzin, ein westlicher Reaktor mit Heizen mit leichtem Heizöl/(Diesel). Vergleichen Sie mal 3000 liter Heizöl im Keller mit 3000 liter Benzin - ebenfalls im Keller! Merken Sie den Unterschied?
Wie es scheint haben die Notsysteme, anders als in Tschernobyl, existiert oder funktioniert. Das heißt das System sicher ist. Ich verstehe die Aufruhr nicht. Was erwarten die AKW-Gegner oder Publikumspolitiker, dass ein so komplexes System fehlerfrei funktioniert? Wenn sogar Space Shuttles explodieren, Verkehrsampelsysteme ausfallen. Selbstverständlich steht bei einem AKW-Unglück mehr auf dem Spiel, als bei einem Shuttle-Flug, gemessen an Menschen, wenn man so sagen darf. Daher ist ein Zwischenfall vielleicht immer besorgniserregend, nur sollte man sich der Polemik fern halten.
sich an der dramatisierung eines völlig problemlos abgelaufenen störfalls, wenn er nicht sowieso von interessierter seite (investoren in alternative kraftwerke, durchaus großkonzerne, sowie akw-gegner in der politik) inszeniert war...
am 17. september is´ nämlich wahl in schweden...
Bei der Debatte gestern im schwedischen Fernsehen zwischen einem einem Professor der Kernreaktorphysik, einem Kernenergieplaner und einer Vertreterin von Greenpeace wurde das Thema gründlich durchdiskutiert. Man hat sich ohne Wiederworte darauf geeinigt die Schwere des Zwischenfalls mit 2 auf der gebräuchlichen Skala von 0 bis 7 zu bewerten. Funktionierende Sicherheitssysteme und ein verlässliches Team hatten alles unter Kontrolle. Das Sicherheitssystem (2 der 4 Notenergieaggregate) sind angesprungen, allerdings nur nach manueller Betätigung. Destoweiteren gab es noch 2 weitere Sicherheitssysteme, die nicht eingreiffen mussten. Der Fehler lag in einem automatischen Schaltmechanismus der Firma AEG, der nicht funktionierte.
Im Zusammenhang einer schwindenen Anti-Atomkraft Bewegung sowohl in Deutschland als auch in Schweden ist es nicht verwunderlich, dass ein Zwischenfall willkommen ist und aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird.
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