E-Mail aus Berlin Selbstdemontage

Der CDU gerät im Sommerloch die eigene Identität außer Kontrolle, kurz bevor sie darüber auf ihrem Grundsatzkongress diskutieren will.

Die Sommerinterviews von Jürgen Rüttgers sind in der CDU inzwischen berühmt-berüchtigt. Dieses Mal allerdings hat er mit seinen Anwürfen von der Côte d’Azur aus Richtung Berlin („zu viel Freiheit, zu viel Kapitalismus“) die Parteispitze mächtig verstimmt, und Jörg Schönbohm, stellvertretender Ministerpräsident in Brandenburg, („zu wenig Freiheit“) gleich mit. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sah sich durch die beiden Ausreißer genötigt, in ungewohnt aggressivem Ton über das Fernsehen seine Botschaft ins Land zu senden, die wohl weniger den Bürgern als den eigenen Leuten galt: Die CDU bleibe Partei der sozialen Marktwirtschaft, und im übrigen seien in sechs Wochen Landtagswahlen.

„Ein starkes Stück“, brummt es in der Union in Berlin, dass ein stellvertretender Parteivorsitzender den Wahlkämpfern solche Knüppel zwischen die Beine werfe. Bitterböse Sätze vom Parlament bis Adenauer-Haus. Darüber werde es noch Gespräche geben mit "J.R.", wird angekündigt den jedoch interessiert das wohl kaum. In Berlin hat er schon lange keine Fans mehr, er gilt als einer, der sich grundsätzlich in der Anti-Haltung gefällt. „Vielleicht versucht er auch, so 'ne Art neuer Blüm zu werden“, lästert ein Parteifreundfeind. Einer, der die CDU wachrüttelt und immer wieder warnt vor zu viel reiner Kapitalismus-Lehre, die allerdings noch nicht mal die Grünen der CDU vorwerfen.

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Die Kanzlerin offiziell noch im Urlaub, jedoch zurück in Berlin – hätte derzeit eigentlich Wichtigeres zu tun mit der ersten schweren außenpolitischen Krise ihrer Regierungszeit, als ihren Stellvertreter zur Räson zu bringen. Die große Politik spielt sich derzeit anderswo ab, nicht in der Hauptstadt, in der tatsächlich das Sommerloch regiert. Der Erschöpfungsfaktor scheint bei der schwarz-roten Koalition besonders hoch zu sein. Solche politikarmen Tage hat es schon lange nicht mehr gegeben. Mit Verweis darauf versuchen Unionsleute denn auch das Theater um die schlechten Umfragewerte und die von Rüttgers und Schönbohm ausgelöste Richtungsdebatte herunterzuspielen. Auffällig bleibt jedoch, dass der Koalitionspartner SPD, der ja kaum besser dasteht, sich ruhig verhält.

Rüttgers könnte es mit seiner Mahnung an seine Partei, sich von „Lebenslügen“ zu verabschieden, aber durchaus ernst gemeint haben, und zwar als Einstimmung auf den CDU-Kongress zum Grundsatzprogramm am 22. August. Denn fast vergessen arbeitet die CDU an einer neuen inneren Landkarte. Die Debatte nahm am 20. Februar einen wenig rühmlichen Auftakt . Am 21. August wollen sich Angela Merkel und der in der Grundsatzsache federführende Generalsekretär Ronald Pofalla mit den 360 Kreisvorsitzenden treffen, die erste Vorschläge vortragen sollen, am 22. August tagt dann ein Podium mit verschiedenen Diskussions-Panels zu den unbeantworteten Leitfragen der CDU. Eine Art sommerliches Selbstgespräch der CDU-Spitzenpolitiker, garniert mit wenigen unabhängigen Wissenschaftlern und Journalisten.

Um die Diskussion um die vie lzitierte „Eigenverantwortung“ zu befeuern, hat Pofalla deswegen genau jetzt die Debatte gezielt losgetreten, Kinder sollten für ihre arbeitslosen Eltern stärker einstehen. Auch wenn er nun vor allem Kritik einsteckt, lenkt es immerhin von Rüttgers ab.

Vielleicht ist Rüttgers dennoch eine Hilfe für die innerparteiliche Diskussion, weil er gemeinsam mit Schönbohm sozusagen das Kernproblem der CDU offenbart. Wenn sich die Partei gleichzeitig selbst vorwirft, zu sozialdemokratisch zu sein und andererseits zu kapitalistisch, dann zeigt sich, wie richtungslos die Union derzeit daherkommt.

Angela Merkel hatte die Partei bei der Auftaktveranstaltung mit folgenden Worten gemahnt: „Ich stelle mir vor, dass eine Diskussion über unser Grundsatzprogramm nicht mit einem Sammelsurium dessen endet, was man alles tun müsste. Wir müssen uns vielmehr miteinander auch darüber verständigen, was am wichtigsten ist. Wir verschwenden heute für vergleichsweise nachgeordnete Dinge relativ viel Zeit, manchmal vielleicht auch deshalb, weil wir Angst davor haben, welche großen und noch nicht durchdachten Fragen wir durchdenken müssen.“
Nun wirkt die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende selbst wie eine Politikerin, die keine Antworten auf die großen Fragen weiß.

Dabei vergisst man leicht, dass sie und Pofalla tatsächlich gewillt sind, die Partei an ihren empfindlichsten Stellen zu öffnen, etwa dem Familienbild. Die Frage nach homosexuellen Lebensgemeinschaften etwa taucht als offene Leitfrage (Wie gehen wir mit ihnen um?) auf, und die "Lesbisch-Schwule Union" wurde vom Generalsekretär ausdrücklich dazu eingeladen sich zu beteiligen ein Verband, der von der Bundespartei offiziell noch nicht anerkannt ist. „Da ist auf jedem Fall Bewegung drin“, sagt ihr Vorstandsmitglied Roland Heintze. In ihren Reihen werden sogar Beiträge wie die von Rüttgers begrüßt als Zeichen einer offenen Debattenkultur.




 

 
Leser-Kommentare
  1. Es gehört zu den in der frühen Nachkriegszeit herausgebildeten Konstanten der bundesrepublikanischen Geschichte, dass die christlich-konservativ-marktliberale Volkspartei sich hauptsächlich auf (in sozialethischen Fragen eher "linken") katholische Milieus stützt, während die linke Volkspartei zur politischen Heimat (eher für Pflichtbewusstsein und Leistungsorientierung stehender) protestantischer Kreise wurde. Die dadurch verursachten inneren Spannungen taten beiden Parteien sicherlich gut (die CDU hätte ohne sie beispielsweise nie die soziale Marktwirtschaft hervorbringen können), andererseits führten sie zu parteiinternen Kämpfen: Die Union ist von Anbeginn bemüht, ihre "Herzjesumarxisten" unter Kontrolle zu behalten, während in der SPD speziell jedes hanseatisch-quasiaristokratische Auftreten misstrauisch beäugt wird.

    Trotzdem war die Geschichte beider Parteien insgesamt eine Erfolgsstory - zumindest bis 1990, als unser Land durch 17 Mio. neue Bürgern und ganz andere als die bis dahin gewohnten Biographien und Milieus bereichert wurde. Darauf haben beide Volksparteien bislang keine Antwort gefunden, was ihre innere Zerrissenheit verursacht. Daher tun Grundsatzdebatten tatsächlich mehr not als die plumpen Versuche einiger Politiker, sich bei neuen Wählergruppen einzuschmeicheln, damit aber vor allem Stammwähler zu verschrecken.

  2. Na mal sehen, was der CDU jetzt überhaupt noch gelingen kann, nachdem sie die deutschen Seelen offenbar überhaupt nicht mehr repräsentiert.

    Sicher hat der Wind der Geschichte dafür gesorgt, dass die guten deutschen Ideale nur noch "Lachanfälle" bei den machtversessenen Amerikanern wie auch den mächtig aufholenden Volkswirtschaften in Asien auslösten. Doch die Rolle rückwärts, die diesem Land zugemutet wird, sie ist der Ausdruck der mangelnden Phantasie von Konservativen und wird, wenn nicht ein Wunder geschieht, Deutschland noch den Rest geben.

  3. Es menschelt in der Union. Ganz wie in einer lebendigen Partei ohne "Kadergehorsam". Rüttgers Zwischenruf kommt zur richtigen Zeit. Stört nur der Stoiber mal wieder aus München. "Disziplin" verlangt er. Der "beleidigte Leberkäse" sollte die Klappe halten. Röttgen hat Recht. Die Partei sollte sich in der Mitte finden und braucht die Diskussion. Der Weg zur Volkspartei kann nur mit den Menschen gelingen. Die fühlen sich verraten und verkauft. Der Mittelstand ist mit der sozialen Marktwirtschaft entstanden und wird mit dem neoliberalem Kapitalismus zerstört. Wo dieser Weg hinführt haben die letzten Wahlen gezeigt. Mut zur Veränderung mit der Verantwortung für den sozialen Frieden und unternehmerischer Freiheit im Land. Bürgergeld statt Hartz IV, einfache Steuergesetze und Abbau der Bürokratie, wären das richtige Zeichen für die Zukunft. Bei Hartz IV Empfängern die "Daumenschrauben" anziehen, um damit die Unternehmenssteuerreform zu finanzieren kommt nicht mehr so gut an. Diese "Lebenslügen" hat die Basis satt. Die Menschen hören lieber Geißler als den gierigen Merz.

    • keox
    • 10.08.2006 um 16:12 Uhr

    »Wir müssen uns von der Lebenslüge verabschieden, dass niedrigere Steuern automatisch zu mehr Investitionen und damit zu neuen Arbeitsplätzen führen.«
    Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von Nordrhein- Westfalen (CDU), zum Richtungsstreit in seiner Partei

    ein dickes lob.

    jetzt reden sie doch mal mit den kampagnen-profis von den bertelsmännern, da muß doch was zu machen sein.

    "steuern rauf - schulden runter, so wird deutschland wieder munter"

    so und wenn diese kampagne erfolgreich gelaufen ist, dann setzen wir uns noch mal hin und reden über die lohnnebenkosten, stücklohn, sozialstaat und was ihnen noch so einfällt.

    dann wieder zu den bertelsmännern.

    die machen dann wieder eine kampagne.

    und so langsam wird das dann auch was. der anfang ist gemacht.

    Aber: jetzt nur nicht einknicken. dranbleiben.
    in diesem sinne, weiter so.

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