Kuba Trauriger Salsa

Auf Kuba herrscht Unsicherheit. Kommt jetzt ein wenig Freiheit oder kommen die "Yankees"? Noch hoffen viele, dass Fidel Castro an die Macht zurückkehrt. Ein Stimmungsbericht

Im Schatten sehr alter Bäume Indischen Lorbeers pflegt sich fast jeden Morgen im Parque Central von Havanna eine Gruppe von gewöhnlich farbigen Männern zu treffen. Es sieht so aus, als seien die Genossen fürchterlich aufgeregt - und sie sind es. Sie schreien, sie gestikulieren, sie tanzen zu ihren Argumenten. Weitere kommen hinzu mit noch bewunderungswerteren Stimmbändern, es kann nur noch eine Frage von Minuten sein, bis es zu einer Massenschlägerei kommt. Der Fremde hält sich in gebührendem Abstand, denn er denkt, hier gehe es um Politik, um die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der kubanischen Revolution, um die Unerträglichkeit des Seins in sozialistischen Fesseln.

Weit gefehlt. Es geht um Baseball, denn um Politik zu streiten lohnt sich nicht in diesem Land. Im Gegenteil. Und wenn die Liga ihren Meister gefunden hat und keinen Diskussionsstoff mehr liefert, verschwindet auch die aufgeregte Gruppe von der Bildfläche.

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Dann kam dieser 1. August. Fidel Castro war notoperiert worden. Fidel Castro hatte seine Macht abgegeben, zumindest zeitweise. Am 2. Dezember, teilte der Chef mit, könne man gemeinsam seinen 80. Geburtstag feiern, der eigentlich auf den 13. August fällt. Angesichts der Rede- und Diskussionsfreude der Kubaner konnte der Beobachter davon ausgehen, dass sich in der Stadt Gruppen bilden würden, die nun tatsächlich über die Zukunft des Landes und der Revolution diskutieren würden, denn – caramba ! - das ginge doch nun wirklich sie selber an.


Nichts dergleichen geschah. Es wurde ein Tag wie jeder andere, ein ruhiger, sonniger Sommertag, sorglos und voller Gelüste, an den Strand zu kommen und die anbrechenden großen Ferien zu geniessen. Als gäbe es weder einen gewissen Fidel Castro, noch die Konterrevolutionäre in Miami, die schon mal wieder die Koffer gepackt haben, um die Insel zurück zu erobern. Als gäbe es keinen George W. Bush. Als wäre nicht klar, dass der am liebsten in Schnellbooten seine Sturm- und Landetruppen schicken würde, sobald Castro tot ist.

In der Kneipe gleich um die Ecke meiner Wohnung ging es ein bisschen anders zu, aber nicht viel. Die sechs Gäste, allesamt gestandenen Männer, diskutierten laut und heftig wie die Baseballfans, aber sie schrieen sich nicht wegen der überall und immer lauter gestellten Frage an: “Was kommt nach ihm?”. Sie waren voll und ganz damit beschäftigt, ihre medizinischen Kenntnisse ins rechte Licht zu rücken. “Wenn du 80 bist, dann kannst du nicht mehr ein Stück Körper auswechseln, weil der Rest des Köpers nämlich nicht mehr mitspielt. Wahrscheinlich ist er schon tot.”, erklärte einer. Ein anderer verwies auf neueste medizinische Techniken, die fast alles möglich machten. Ein dritter korrigierte den ersten: “Nein, tot ist er nicht. Schließlich hat er auf seiner Verlautbarung eigenhändig Datum und Uhrzeit des Machtverzichts gekritzelt: 31. Juli 2006, 18 Uhr 22. Also hat er zu diesem Zeitpunkt noch gelebt.”

Damit war das Thema durch. Kein Wort über eine unsichere Zukunft. Kein Wort über die aggressiven Nachbarn im Norden. Keine Spur von Sorge oder gar Angst.

Und das Pflänzchen Hoffnung, lebt es noch? Mein Nachbar hat mit unternehmerischem Instinkt drunten auf der Strasse  Aguacate die erste Cafeteria hier in der Gegend eröffnet. "Was dieses Land braucht, ist die Möglichkeit, dass einer mit ehrlicher Arbeit ehrliches Geld verdienen kann. Und jede Veränderung da oben kann auf diesem Weg nur weiter helfen. Ja, ich habe Hoffnung”, sagt er.

Die Kubaner haben so gut wie alles zu verlieren, wenn die Yankees und die Anticastristen in Miami gemeinsame Sache machen und angreifen. Und es geht nicht nur um Gesundheitssystem und Erziehungssystem, die sich weltweit sehen lassen können. Es geht zum Beispiel um Wohnungen. Heute leben 85 Prozent der Kubaner mietfrei, die meisten in Eigentumswohnungen. Viele Schulen und Krankenhäuser sind in Gebäuden untergebracht, die einst den Spezis Batistas gehörten. Das Chaos wäre unvorstellbar, die Gewalt und die Grausamkeit ebenfalls.

Im stillen Kämmerlein mögen die Kubaner sich Sorgen machen, wie es denn jetzt weiter gehen soll. In der Kneipe oder in der Warteschlange vor dem Lebensmittelgeschäft sind sie Stoiker. Was kommt, das kommt eben, wer kann es schon ändern?

Mit dem Schachzug, sich von der Macht zu beurlauben, hat Castro Miami und Washington erst einmal wieder den Wind aus den Segeln genommen. Zugleich hat er klar gemacht, wie es mit oder ohne ihn weitergeht auf der Insel. Die wichtigsten Ämter in Staat und Partei vereint jetzt Bruder Raul in seinen Händen. Der ist nun Erster Sekretär der Partei, Chefkommandant der Streitkräfte und Vorsitzender des Staatsrats und des Ministerrats. Aber alles hat Fidel dem Bruder nicht gegeben. Das Gesundheitsministerium bleibt in den Händen von Jose Balaguer, das Erziehungssystem übernimmt Jose Machdo zusammen mit Esteban Lazo, dem einzigen Schwarzen unter denen, die ganz oben mitmischen. Die Revolutionierung auf dem Energiesektor steuert jetzt Carlos Lage, der Vater der Wirtschaftsreformen in den neunziger Jahren. Und die Unmengen Geld, die der Staat in diesen drei Sektoren ausgibt, verwalten Lage, Finanzminister Francisco Soberon und Außenminister Felipe Perez Roque, ein Triumvirat also.

Ob es bei dieser Machtverteilung bleibt, weiß niemand. Raul Castro fehlt das Charisma seines Bruders, er wird das Volk nie begeistern können und er gilt als Hardliner. Carlos Lages Stern schien eine Zeit lang zu verblassen, jetzt ist er wieder da. Soberon ist ein exzellenter Techniker, aber kein Führer. Und Felipe Perez Roque ist für kubanische Verhältnisse ziemlich jung. Es darf spekuliert werden, aber nicht zu heftig. Der Chef könnte ein Wunder geschehen lassen und am 2. Dezember in alter Frische eine mehrstündige Rede halten, in der er die Rücknahme der Macht in die eigenen Hände ankündigt. Die Kubaner würde er nicht überraschen. Vorerst hat er dem Volk eine neue Botschaft geschickt, obwohl er sich schließlich erholen und aus allem heraushalten soll:”Ich kann keine guten Nachrichten erfinden, das wäre gegen die Ethik”, beginnt die kurze Note, und der Leser stellt sich die Frage: Wenn die gute Nachricht der Wahrheit entspricht, wieso verstößt sie dann gegen ethische Prinzipien?

Wer in diesen Tagen wirklich Sorgen hat, das sind gewisse Ausländer, die alles wissen und verstehen, was sich hinter den Vorhängen abspielt. “Wenn es losgeht”, sagt einer im Brustton der Überzeugung, “dann werden erst mal die Polizisten erschlagen und dann wir. Nichts wie weg aus Kuba!”

Ich ziehe es vor, hier zu bleiben. Die Blaupause von Bushs Transition habe ich soeben miterlebt. Sie hat mir gefallen.

Henky Hentschel lebt seit 1994 in Havanna. Er hat mehrere Bücher über Kuba geschrieben, zuletzt "Briefe aus Havanna, Zock und Salsa einer Revolution"

 
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