Kuba Trauriger SalsaSeite 2/2

Die Kubaner haben so gut wie alles zu verlieren, wenn die Yankees und die Anticastristen in Miami gemeinsame Sache machen und angreifen. Und es geht nicht nur um Gesundheitssystem und Erziehungssystem, die sich weltweit sehen lassen können. Es geht zum Beispiel um Wohnungen. Heute leben 85 Prozent der Kubaner mietfrei, die meisten in Eigentumswohnungen. Viele Schulen und Krankenhäuser sind in Gebäuden untergebracht, die einst den Spezis Batistas gehörten. Das Chaos wäre unvorstellbar, die Gewalt und die Grausamkeit ebenfalls.

Im stillen Kämmerlein mögen die Kubaner sich Sorgen machen, wie es denn jetzt weiter gehen soll. In der Kneipe oder in der Warteschlange vor dem Lebensmittelgeschäft sind sie Stoiker. Was kommt, das kommt eben, wer kann es schon ändern?

Mit dem Schachzug, sich von der Macht zu beurlauben, hat Castro Miami und Washington erst einmal wieder den Wind aus den Segeln genommen. Zugleich hat er klar gemacht, wie es mit oder ohne ihn weitergeht auf der Insel. Die wichtigsten Ämter in Staat und Partei vereint jetzt Bruder Raul in seinen Händen. Der ist nun Erster Sekretär der Partei, Chefkommandant der Streitkräfte und Vorsitzender des Staatsrats und des Ministerrats. Aber alles hat Fidel dem Bruder nicht gegeben. Das Gesundheitsministerium bleibt in den Händen von Jose Balaguer, das Erziehungssystem übernimmt Jose Machdo zusammen mit Esteban Lazo, dem einzigen Schwarzen unter denen, die ganz oben mitmischen. Die Revolutionierung auf dem Energiesektor steuert jetzt Carlos Lage, der Vater der Wirtschaftsreformen in den neunziger Jahren. Und die Unmengen Geld, die der Staat in diesen drei Sektoren ausgibt, verwalten Lage, Finanzminister Francisco Soberon und Außenminister Felipe Perez Roque, ein Triumvirat also.

Ob es bei dieser Machtverteilung bleibt, weiß niemand. Raul Castro fehlt das Charisma seines Bruders, er wird das Volk nie begeistern können und er gilt als Hardliner. Carlos Lages Stern schien eine Zeit lang zu verblassen, jetzt ist er wieder da. Soberon ist ein exzellenter Techniker, aber kein Führer. Und Felipe Perez Roque ist für kubanische Verhältnisse ziemlich jung. Es darf spekuliert werden, aber nicht zu heftig. Der Chef könnte ein Wunder geschehen lassen und am 2. Dezember in alter Frische eine mehrstündige Rede halten, in der er die Rücknahme der Macht in die eigenen Hände ankündigt. Die Kubaner würde er nicht überraschen. Vorerst hat er dem Volk eine neue Botschaft geschickt, obwohl er sich schließlich erholen und aus allem heraushalten soll:”Ich kann keine guten Nachrichten erfinden, das wäre gegen die Ethik”, beginnt die kurze Note, und der Leser stellt sich die Frage: Wenn die gute Nachricht der Wahrheit entspricht, wieso verstößt sie dann gegen ethische Prinzipien?

Wer in diesen Tagen wirklich Sorgen hat, das sind gewisse Ausländer, die alles wissen und verstehen, was sich hinter den Vorhängen abspielt. “Wenn es losgeht”, sagt einer im Brustton der Überzeugung, “dann werden erst mal die Polizisten erschlagen und dann wir. Nichts wie weg aus Kuba!”

Ich ziehe es vor, hier zu bleiben. Die Blaupause von Bushs Transition habe ich soeben miterlebt. Sie hat mir gefallen.

Henky Hentschel lebt seit 1994 in Havanna. Er hat mehrere Bücher über Kuba geschrieben, zuletzt "Briefe aus Havanna, Zock und Salsa einer Revolution"

 
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