Frankfurt sei die Techno-Stadt schlechthin, heißt es. Erwarten uns hier also laute Großraumdiskos, stampfende Bässe und bunte Pillen? Wir lassen es langsam angehen. Im Schatten monströser Stahl- und Glastürme setzen wir uns in einer Frankfurter Einkaufsstraße ins Hard Rock Café . Wir lümmeln auf übertrieben gepolsterten Bänken und trinken unseren ersten Apfelwein an diesem schwülen Tag. Wir sind die einzigen Gäste. Vielleicht ist die Musik schuld daran? Aerosmith und Guns N' Roses. Dann The Supremes mit Stop In The Name Of Love und wieder: Aerosmith. Die verheißungsvolle Musikbox an der Wand ist leider kaputt, sie ist geladen mit zahlreichen Perlen aus den Achtzigern, den Pet Shop Boys zum Beispiel. Schade. Als die Thekenkraft Walk This Way trällert, leeren wir rasch unsere Gläser und flüchten hinaus zur U-Bahn.

Fünfzehn Minuten außerhalb des Zentrums erinnert nichts mehr an das Banken-Frankfurt, sondern eher an ein Dorf. Hier begeben wir uns auf die Suche nach der Batschkapp – einem Club, in dem schon Pavement und Neil Young aufgetreten sind. Und der Besitzer ist ein alter Freund von Joschka Fischer, aber das sind hier wohl viele. An der U-Bahn-Haltestelle hängen wir uns an die Fersen einiger angetrunkener Jugendlicher und laufen eine Weile vorbei an geduckten Häuschen und struppigen Vorgärten. Dann stehen wir plötzlich davor. Direkt an einem Bahnübergang liegt die bunt bemalte Batschkapp , mitten im Nichts.

Die Köpfe von Jimi Hendrix, Frank Zappa und Keith Richards zieren die Fassade des Clubs. "Geil" steht auf dem Stempel, den der Einlasser uns auf die Handrücken matscht. Die Batschkapp ist kein großer Club, schon mit wenigen Gästen erscheint sie gut gefüllt. Eine Nebelmaschine hustet dann und wann eine große Portion Vanilleduft in den Raum. Der DJ scheucht eine überraschende Mischung aus alten und aktuellen Stücken durch seine zwei CD-Player : Placebo und Queens of the Stone Age, Libertines und Modest Mouse, danach She Loves You von den Beatles – kein Problem. Spätestens bei Take Your Mama out der Scissor Sisters sind wir fast die einzigen, die nicht tanzen.

Die Frankfurter Jugend von heute trägt wieder Hawaiihemd und Cobain-Shirt. Ein bisschen alt fühlen wir uns schon. Wir sitzen an der Bar und staunen über das geringe Durchschnittsalter der Menschen, die gerade zu You Really Got Me der Kinks hüpfen und tanzen und herumalbern. Eine Gruppe gerade volljähriger Jungs will ein paar Mädchen mit Luftgitarrespielen beeindrucken, singt schief und falsch den Text mit. Das macht hier aber nichts. Unbekümmert und ausgelassen geht es zu. Als The Knacks mit My Sharona einen weiteren Oldie-Block einleiten, machen wir uns auf den Weg.

Auf nach Sachsenhausen. Im Soho im winzigen Fritschengässchen wird heute die Veröffentlichung der neuen Platte von Johnny Cash gefeiert. Nicht groß und offiziell, sondern klein und leidenschaftlich. Den ganzen Abend gibt es hier Musik der kürzlich verstorbenen Country-Ikone. Der Laden ist mit rotem Samt ausgekleidet, das Publikum bunt gemischt. Auf knarrenden Holzstühlen sitzt man hier an kippeligen Tischen. Oder an der Bar, dafür braucht man heute aber mindestens einen Cowboyhut. Pro Schnaps-Bestellung gibt es eine Johnny-Cash-Postkarte gratis. Als wir fragen, ist der Vorrat leider längst aus.

Es geht familiär zu im Soho, wir werden sofort geduzt. Alle paar Minuten wechselt die Besetzung an den Tischen, und so lernen wir Andreas von einem lokalen Radiosender kennen. Leicht besäuselt vom Äppler klärt er uns darüber auf, wer mit uns hier anwesend ist. Der eine DJ ist sein Bruder, vielleicht auch sein Kollege, wir verlieren schnell den Überblick. Im Nebenraum läuft auf einer Leinwand die Cash-Biografie Walk The Line ohne Ton, um unsere Ohren schallen San Quentin und Rose Of My Heart , Don't Take Your Guns To Town und If You Could Read My Mind , A Boy Named Sue und die tragische Ballad Of Ira Hayes . Lange finden wir keinen Grund, zu gehen.