Gesundheit Angst vor den Holländern
Der Pharmaversand DocMorris darf in Deutschland weiterhin eine Apotheke betreiben. Die Liberalisierung des Arzneimittelmarkts schreitet voran. Übernehmen bald große Ketten den Medikamentenverkauf?
„Ihre persönliche Apotheke mit Originalpräparaten zu international wettbewerbsfähigen Preisen.“ So stellt sich die niederländische Internetapotheke DocMorris auf ihrer Homepage ihren Kunden vor. Nachdem der Versandhandel in Deutschland bereits seit 2004 erlaubt ist, eröffnete DocMorris Anfang Juli erstmals eine Filiale auf deutschem Boden, in Saarbrücken.
Während die Verbraucherverbände und die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) sich über diesen Schritt freuen, klagten die Apothekerverbände gegen die Entscheidung des saarländischen Gesundheitsministers Josef Hecken (CDU), der die Niederlassung des niederländischen Konzerns in Deutschland zuließ. Hecken begründete seinen Entschluss mit dem europäischen Gebot des freien Binnenmarktes. „Es kann nicht sein, dass sich die Apotheker weiterhin gegen jeglichen Wettbewerb abschotten“, sagte Hecken. Er verwies bei seiner Argumentation auf eine Stellungnahme der Europäischen Kommission, die die „nationalen Vorschriften für Apotheken für unvereinbar mit dem Binnenmarkt“ hält. „Das deutsche Apothekenrecht ist ein Überbleibsel der alten Zunftordnung aus der Zeit von Wagners Meistersingern“, sagte Hecken.
Selbst die Grünen unterstützen Heckens Entscheidung. So sagte der Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer: „Endlich traut sich jemand aus der Union, offenzulegen, wie teuer der Schutz von Apothekerprivilegien die Versicherten kommt." Das Bundesgesundheitsministerium hat in dem Streit bislang keine klare Stellung bezogen. Allerdings sagte eine Sprecherin, dass man sich bestimmt nicht gegen eine weitere Liberalisierung aussprechen werde, solange Qualität und Sicherheit gewährleistet seien.
Am Mittwoch traf das Landesgericht in Saarbrücken schließlich eine Entscheidung: DocMorris darf vorerst bleiben. Damit lehnten die Richter den Eilantrag einer ortsansässigen Apothekerin ab, die verlangt hatte, dass der Versandhändler sein Geschäft in Saarbrücken aufgeben müsse.
Der Entschluss des saarländischen Landgerichts stellt einen weiteren Erfolg für den DocMorris-Gründer Ralf Däinghaus dar. Seit langem ist er mit Prozessen beschäftigt, die sein Geschäftsmodell betreffen. Im Dezember 2003 gewann Däinghaus vor dem Europäischen Gerichtshof einen Streit mit dem Deutschen Apothekerverband (DAV). Damals ging es darum, ob DocMorris rezeptpflichtige Arzneien über das Internet vertreiben darf.
Durch den Kauf der Saarbrücker Apotheke erhofft sich DocMorris strategische Vorteile. Als niedergelassene Apotheke hat der Konzern beispielsweise Einfluss auf die Gestaltung der elektronischen Gesundheitskarte – ein Mitspracherecht, das den Versandapotheken verwehrt ist.
Mit DocMorris führt nun erstmals eine Kapitalgesellschaft eine Apotheke in Deutschland. Das war wegen des Apothekengesetzes bislang nur Apothekern vorbehalten. Däinghaus fand jedoch ein juristisches Schlupfloch: Aufgrund der Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Union dürfen auch Ausländer in Deutschland Apotheken betreiben. Weil in den Niederlanden aber auch Kapitalgesellschaften Apotheken führen dürfen, müsse dies folgerichtig auch in Deutschland möglich sein. Schließlich gelte für den Konzern die Rechtsprechung des Heimatlandes, argumentierte Däinghaus erfolgreich.
- Datum 10.08.2006 - 12:28 Uhr
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Warum sollten ausgerechnet die Apotheker draußenbleiben, vor der Tür der "Schönen, Neuen" dynamischen, wettbewerbsorientierten, globalisierten Welt?
Mehr WETTBEWERB! Mehr EIGENVERANTWORTUNG! Mehr LEISTUNGSBEREITSCHAFT - ist es nicht das, was sie und ihresgleichen uns über die neoliberale Interessenvertretung der Freiberufler seit Jahrzehnten predigen?
Wenn die Apothekenkonzerne die Medikamente billiger absetzen können - wunderbar. Werden halt ein paar Apotheker weniger Millionäre...warum soll es immer nur die Autowerker oder Verkäufer oder Industriearbeiter treffen? Apothekenhelferinnen und PTAs brauchen die Konzerne auch.
Es mag zwar stimmen, dass das deutsche Apothekenrecht im Widerspruch zum EU-Recht steht. Es mag auch ein Anachronismus sein. Aber dennoch: von den vielen Faktoren, die in Deutschland zur Erhöhung der Gesundheitskosten beitragen, sind die Apotheken nur das letzte (und schwächste) Glied in einer langen Wirkungskette. Das beginnt mit einer unglücklichen Patentgesetzgebung, geht in die verworrene Struktur der Krankenkassen, und endet noch lange nicht bei der Macht der Pharmalobby in Berlin.
Zwar könnte man annehmen, dass gerade die spezielle nationale Regelung für den Medikamentenverkauf die Apotheker effizient schützt; doch könnte sich das im Hinblick auf das EU-Recht schnell als Irrtum erweisen. Folge: Ein Berufsstand stirbt (das passiert nicht zum ersten Mal, muss einen also nicht unbedingt traurig stimmen), hat aber wohl eher einen geringen Einfluß auf die Kosten.
Das Argument, wonach eine qualifizierte Beratung wegfällt, darf die Apothekerschaft nach den letzten Ergebnissen der Stiftung Warentest wohl getrost vergessen. Insofern ist der Verbraucher vielleicht nicht unbedingt nachteilig betroffen. (Auch bei DocMorris wird sich hoffentlich der Service verbessern, sobald der Laden in Deutschland auf rechtlich sicheren Füßen steht.)
Im Text liest man immer nur von einem Herrn Däinghaus.
Darf der einfach so einen akademischen Titel zur Werbung verwenden? Wenn ich als Hein Freund, prakt. Arzt, eine Praxis z. B. unter dem Logo "Praxis Prof. Sauerbruch" betreiben würde, hätte ich doch wahrscheinlich sofort schweren Ärger zu erwarten.
Wer kommt den hier auf Doktor Morris und den möglicherweise mißbräulich geführten akademischen Titel zu Werbezwecken??? Die Firma heißt "DocMorris", was zwar (nicht unbeabsichtigt natürlich!) an einen "Doktor Morris" erinnern mag, in der Tat kommt jedoch das Wort "Doktor" nirgendwo vor. DocMorris ist der Phantasie-Marken-, bzw. Firmenname der niederländischen Kapitalgesellschaft, die die Apotheken betreibt. Anscheinend scheint die Strategie mit der medizinischen Assoziation des Namens bei Ihnen hervorragend aufgegangen zu sein. Reingefallen!
Als Verbraucher zahle ich für so viel Unsinn!
Warum kann ich in vielen (allen?) anderen Ländern in eine Apotheke gehen und ohne Rezept fast alle kaufen für ein 1/4 des Preises? Und ich werde kompetent beraten wenn ich danach frage!
In Deutschland MUSS ich 10 Euro bei einem Arzt abliefern um dann beim Apotheker ungefragt ein Medikament zu bekommen! Ist dieses eine Verkaufsstelle oder wer hat Pharmakologie studiert? In manchen Krankenhäuser geht ein Pharmakologe mit in die Visite, weil der Arzt durch die Menge an Medikamenten und die mangelnde Kenntnis der Reaktionen (ist auch nicht sein Fachgebiet) auch mal schlechte Ergebnisse in der Behandlung hatte.
Dieser Berufszweig stellt sich doch selber völlig in Frage!
Als ich dieses einen Apotheker sagte, meinte er wir wären viel besser geschützt durch unsere Gesetzgebung. Mein Kommentar war: deswegen sterben in anderen Ländern so viel mehr und ich werde entmündigt!?
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