INDEPENDENT Ich bin eine Plattenfirma
Das Regensburger Label Schinderwies Productions besteht aus einer Person: Archie Müller. Er hat Geschmack, ist gut organisiert und baut auf seine Freunde. Und er gibt die Hoffnung nicht auf, von seinem Unternehmen irgendwann leben zu können
BILDArchie Müller hat den Traumjob jedes Musikliebhabers: Er ist Chef einer Plattenfirma. Er hört Demo-Aufnahmen durch, entscheidet darüber, was veröffentlicht wird, entdeckt und fördert Talente. Schinderwies Productions heißt die Regensburger Firma, bei der er dazu Büroleiter, Sekretär und Buchhalter ist, für die er Konzerte veranstaltet, mit dem Presswerk verhandelt und die Öffentlichkeitsarbeit macht. Archie Müller ist Schinderwies' einziger Mitarbeiter, Archie Müller ist Schinderwies.
Sein Brot verdient er bei der Post. Kommt er nach acht Stunden Arbeit nach Hause, steckt er noch einmal vier bis fünf Stunden in sein Label. Für die Entbehrungen belohnt er sich regelmäßig mit einem schönen Konzert oder einer Feier zur Veröffentlichung eines neuen Tonträgers. Und bei der ganzen Arbeit weiß er, welches Privileg es ist, alles selbst entscheiden zu können.
Den Schinderwies-Klang beschreibt er so: „Musik mit Elektronik und Gitarre und alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.” Indietronics wurde das genannt, als Ende der 90er viele Independent-Bands anfingen, Elektronik in ihre Gitarrenmusik einzubinden und gleichzeitig viele Elektronikmusiker mit Gitarren experimentierten. Genregrenzen verschwammen.
Vor vier Jahren wurde die Plattenfirma Schinderwies Productions gegründet. Ihre Geschichte begann allerdings schon vor zehn Jahren. Damals hatte Archie Müller angefangen, seine eigenen Aufnahmen zu vertreiben. Nur so zum Spaß. Zwischen 1997 und 2001 veröffentlichte er an die fünfzehn Kassetten, Videos und selbst gebrannte CDs und bot sie auf seiner Website an. Parallel dazu veranstaltete er kleine Konzerte mit Gruppen, die er mochte. Bald war er eine feste Größe in Regensburg, Freunde sprachen ihn an, ob er nicht auch ihre Aufnahmen herausbringen könnte.
Archie Müller begann, die Sache ernster zu nehmen, und steckte immer mehr Zeit in sein Label. So brachte Schinderwies noch im Jahr 2001 einige Alben auf selbst gebrannten CDs in Umlauf. Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf bewegten sich in elektronischen Gefilden, Mikrofisch zauberten kleine Pop-Perlen mit Gitarre, Gesang und Keyboard, und Plus Ganzwind näherten sich mit ihrer gitarrenbetonten Instrumentalmusik dem Jazz. Diese Vielfalt ist bis heute geblieben.
2002 startete das Label dann richtig. CD-Brenner und Tintenstrahldrucker mussten weichen. Erstmals wurde eine CD gepresst, in 500er-Auflage. Seitdem kommt jede Veröffentlichung aus dem Presswerk, ob Silberling oder Vinyl.
Archie Müller ist ein eifriger Netzwerker, die Schinderwies-Familie besteht aus vielen Freunden – und sie wächst. So kommt es zu neuen Bekanntschaften, Projekten, Ideen und Synergieeffekten. Er sucht weiter nach neuen Bands. Spruce ist eine seiner Entdeckungen. Deren Platte Once Upon A Time klingt, als hätten die jungen Musiker viele Nächte zwischen digitalen und analogen Instrumenten, Samplern, Gitarren, Rechnern und Kabelbergen verbracht.
Die bisher letzte Neuheit des Labels kommt von der Band Uwik. Wohnzimmerpop wurde die Musik, die sie machen, vor einigen Jahren mal genannt, ihr Album Finding ist voller melodischer Popliedchen, originell, ein bisschen melancholisch, zurückhaltend arrangiert.
Der nun erschienene Sampler Roommates bringt auf den Punkt, was das Besondere an Schinderwies ist: Die vielseitigen Stücke und Künstler stehen nicht einfach nebeneinander, sie verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk. Roommates ist wie ein Familienalbum oder eine – darauf spielt der Titel an – Wohngemeinschaft und bietet einen schönen Zusammenschnitt aus dem Programm der letzten drei Jahre sowie auch einige neue Lieder und Remixe.
Die Rückschau zeigt: Schinderwies hat sich entwickelt, Archie Müllers Arbeit und sein Enthusiasmus haben sich gelohnt. In letzter Zeit bekommt er Demo-Aufnahmen sogar aus Italien und Japan. Er hat einen Vertrieb gefunden, dadurch steigt die Anzahl der Plattenläden, in denen Schinderwies-Platten erhältlich sind, stetig.
Für ein kleines Label sind das große Erfolge. Trotzdem ist es immer noch schwierig, auf dem Markt zu bestehen. Archie Müller lässt noch immer sehr kleine Auflagen pressen. Bloß keine roten Zahlen! Irgendwann wird er vom Label leben, davon träumt er, wenn er nach einem langen Tag in sein Bett fällt.
Hören Sie hier einige Stücke aus dem Programm von Schinderwies Productions:
Mikrofisch – How Long Does Long Last
Tripophon – Caracas
Taunus – Texel
Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf – Zwei Eins
Spruce – I Felt Nothing
Uwik – Rucola
Starterkid – Save Me
Die Veröffentlichungen von Schinderwies sind erhältlich über den Vertrieb Broken Silence und die Website des Labels selbst sowie als Download bei Finetunes
- Datum 19.08.2006 - 09:15 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 2
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hey archie,
das ist ja mal cool.
Netter Text, wirklich.
Freu mich auf unser Treffen am Wochenende.
Das wird was :)
lg, Claudius
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