Sterbehilfe Der Tod ist nur eine EtappeSeite 3/3
Doch als meine Blicke die Augen der überlebenden Waisenkinder trafen, die zwar ängstlich und traumatisiert ins Leere blickten, aber dennoch reagierten, deren Körper zwar kaum noch aufrecht gingen, die aber trotzdem Wärme absonderten, deren Stimmen nicht aufdringlich waren, aber bis in meine Ohren vordrangen und in deren Gesichter sich hier und da ein Lächeln zeigte, da glaubte ich zu erkennen. Ein Lächeln als kindliche Reaktion auf die Katastrophe, die ihre Existenz für immer zerstört hatte. Eine Katastrophe, die man sich vor ihrem Eintritt nicht vorstellen kann. Diese Augen haben den Tod nicht verdrängt, nein. Sie überholten ihn, ignorierten ihn, sie ließen ihn links liegen. Diese Augen stellten den Tod neben das Leben!
Wenn ich heute an den Tod denke, dann denke ich an den Tod als den Teil des Lebens, unseres Lebens, der den Kreis eines jeden Individuums schließt, ohne den das Leben nicht vollkommen ist. Der Tod als letzte, aber genauso wichtige Etappe. Eine von vielen. Manche dieser Etappen fallen uns leicht, gehen rasch vorüber, manche sind mühsam und müssen irgendwie überwunden werden. Wer den Tod als Prozess des Sterbens einfach auslässt, hat nicht zu Ende gelebt, lässt eine Lücke zurück.
Zwischenmenschlichkeit, Anwesenheit und Anteilnahme, Schmerztherapie, ärztliche Betreuung und Palliativmedizin sind Geschenke der Evolution, und der Umgang mit diesen spiegelt den Grad unseres Entwicklungsstandes wieder. Die Verbesserung der Situation der Sterbenden könnte die Forderung nach aktiver Sterbehilfe praktisch verstummen lassen und den Weg in eine neue Solidarisierung ebnen. Dies jedoch sollte uns auch in Zeiten gesellschaftlichen Zeitmangels nicht als Bürde erscheinen, sondern uns als Herausforderung im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen begleiten.
Der Autor Dr. med. Ibrahim Alkatout arbeitet am Institut für Pathologie der Universitätsklinik Kiel. Auslandserfahrungen sammelte er unter anderem in Simbabwe und in Sri Lanka während des Tsunamis.
- Datum 09.08.2006 - 07:34 Uhr
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Sri Lanka im Februar 2005. Blauäugig kamen wir, und wollten einfach helfen. Rasch mussten wir unsere Hilflosigkeit erkennen. Und mitten in dieser Hoffnungslosigkeit, mitten in der Zerstörung und mitten in einem Erntefeld des Todes und der toten Bürokratie großer Organisationen dann plötzlich zwei junge Menschen. Zwei Mediziner kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung. Mitten drin zwei LEBENDIGE Menschen.
Karl Barth hat einmal über Mozart gesagt, dass dieser das "lux perpetua" genauso wenig gesehen hat, wie wir anderen auch. Mozart habe sich einfach hergegeben, "gewissermaßen die Gelegenheit zu sein, bei der als die Stimme der Schöpfung ein bisschen Horn, Metall und Darmsaite, die Instrumente einfach spielen durften. Er starb als eine Art unbekannter Soldat in der Misere... Was ist schon ein Grab, wo ein Leben diesen Dienst leisten, die gute Schöpfung Gottes, zu der auch des Menschen Grenze und Ende gehört, so zur Sprache bringen durfte".( Karl Barth, Dogmatik; Hg. von Helmut Gollwitzer; Frankfurt/M. 1967, S. 147 ff)
Ich bin meinem Gott zutiefst dankbar dafür, damals in dieser bodenlosen Hoffnungslosigkeit und meiner Hilflosigkeit Menschen begegnet zu sein, die mehr vom Gott des Lebens hineinspielen konnten in den Konzertsaal des Todes, als ich in 10 Jahren Klosterleben einüben konnte. Ich bin dankbar dafür, DR. Ibrahim Alkatout dort begegnet zu sein!
"Ich bin 86. Meine Frau ist tot. Ich leide an Angina pectoris und stehe vor der Erblindung. Es wäre mein fester Wille, im Falle einer Erblindung aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Doch niemand wird mir helfen dürfen. Das nenne ich wahre Humanität."
Aus einem Artikel der SPECTRUM-Beilage der Wiener "Presse":
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Richard K. Breuer
Wir betreiben Sterbehilfe an allen Ecken und Enden, wir produzieren, verkaufen und benutzen Waffen, verweigern aus Kostengründen lebenserhaltende Krankenkassenleistungen, fahren uns gegenseitig mit den Autos über den Haufen, betreiben Politik, die Hungerkatastrophen, Umweltkatastrophen und nicht zuletzt auch Bomben in kauf nimmt, Möchtegernmoralisten wollen AIDS totschweigen, weil es ihnen nicht in ihren religiösen Kram passt und so weiter und so fort.
Wenn aber diese mehr oder weniger latente Ebene durch eine konkrete Forderung oder Absicht verlassen wird, fühlen sich plötzlich alle damit überfordert.
Dieser Text beschreibt sehr anschaulich das Dilemma, in dem sich die moderne Medizin, angestachelt durch den Machbarkeitwahn unserer modernen Gesellschaft befindet: Es werden illusorische Allmachtsgefühle vermittelt, der Tod wird demzufolge nicht als Teil des Lebens, sondern immer mehr als eine Art von "vermeidbarer Krankheit" betrachtet. Durch eine solche Brille betrachtet, sind sterbende Patienten für den Arzt, der es nicht geschafft hat, die Begrenztheit seines eigenen Tuns anzuerkennen, eine ständige Konfrontation mit seiner eigenen Unzulänglichkeit. Oder anders ausgedrückt, je nach Ausprägung der eigenen trügerischen Allmachtsgefühle, eine Kränkung des eigenen Egos.
So erklären sich Monstrositäten wie das Verlangen nach aktiver Sterbehilfe um jeden Preis. Sozusagen eine Art Uebersprungshandlung oder Kurzschlussreaktion. Statt alle Alternativen auszuloten (Palliativmedizin z.B.), tritt radikales Schwarz-Weiss-Denken auf den Plan, immer dann anzutreffen, wenn bei den Betroffenen angstbehaftete Themen nicht gelöst sind. Der Bericht des jungen Kollegen zeigt eindrücklich, was dazu manchmal nötig ist, um diese Aengste abzubauen: Der intensive Kontakt mit der Materie. Wo findet dieser in unserer Gesellschaft noch statt? In den vergangenen Jahrhunderten wurde der Tod wenigstens noch mystifiziert, um ihm etwas von seinen Schrecken zu nehmen, heutzutage wird er nur noch verdrängt. Die universelle Dynamik der Dinge zeigt uns aber immer wieder, dass Alles, was verdrängt wird, nur umso stärker wiederkommt. Meistens an Stellen, an denen man es am wenigsten brauchen kann.
"Zwischenmenschlichkeit, Anwesenheit und Anteilnahme, Schmerztherapie, ärztliche Betreuung und Palliativmedizin sind Geschenke der Evolution, und der Umgang mit diesen spiegelt den Grad unseres Entwicklungsstandes wieder. Die Verbesserung der Situation der Sterbenden könnte die Forderung nach aktiver Sterbehilfe praktisch verstummen lassen und den Weg in eine neue Solidarisierung ebnen. Dies jedoch sollte uns auch in Zeiten gesellschaftlichen Zeitmangels nicht als Bürde erscheinen, sondern uns als Herausforderung im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen begleiten."
Einfach ist diese Herausforderung, das ist wohl wahr, sicher nicht zu lösen.
Bei den Beispielen der Hütten z.B. zeigt sich, dass ja vor allem die eigenen Verwandten bei der Endphase dabei waren, also eben sehr mitmenschlich waren - und das über Tage bis Wochen. Welch ein unleistbarer Luxus z.T., für viele von uns. Keiner weiß ja zudem auch relativ genau, wann jemand stirbt.
Nehmen wir mal einen Facharzt, der in seinem Ort der einzige ist, dem die Frau verstorben ist, und wo seine Kinder in einer anderen Stadt, wenn nicht gar in einem anderen Land arbeiten oder studieren.
Wenn nun dessen Mutter stirbt, und er wollte, wie die Afrikaner, in den letzten Stunden unbedingt dabei sein, dann könnte dies im Extremfall erhebliche gesundheitliche Schäden bei einem anderen Menschen begünstigen, erst Recht wohl, wenn dieser Arzt in der Tiefe Afrikas leben und praktizieren würde.
Es ist hier nun sicher gemeint, dass da nun andere Einspringen, andere Ärzte hier eben auch. Das ist aber schon etwas anderes. Und dies zeigt, dass das fast unlösbar, ein Dilemma eben, ist. Klar wird jemand, der eh sehr eng zusammenlebt, und der auch einen geringeren Arbeitsstress hat, einen Leidenden und Sterbenden eben leichter betreuen können. Bei uns gehen die Enkelkinder zur Vorbildung in den Kindergarten, die Eltern sind auf Arbeit die Beine der eh meist älteren Oma werden aber bestens gewickelt, auch die Grundpflege also solche ist halt wesentlich besser. .
Wir leben heute also länger und bei besserer Gesundheit, betreuen uns rein medizinisch auch am Lebensende besser. Dafür steht man hier aber häufiger alleine, bzw. ohne die engsten Angehörigen da, das ist halt auch ein Preis des Fortschritts, und kein geringer wohl auch.
Den schlimmsten Tod stirbt man ja wohl im Krieg, gerade auch beim Einsatz der ja immer noch sehr zahlreichen Massenvernichtungswaffen, und auch hier sind wir alle ja noch gefährdet, auch hier müsste man dann eigentlich ja wohl nichtmedizinisch radikal palliativ tätig werden, wenn man wirklich für mehr Mitmenschlichkeit ist. Schon dies scheint ja aber ein bzw. unser Haupt-Dilemma zu sein. Da sterben irgendwo auf der Welt halt ein paar junge Leute in Kriegen bzw. infolge staatlicher und nichtstaatliche Gewalt auf brutale Weise eben auch - und anderswo polemisiert man dann groß und breit über das schönst mögliche Sterben von fast Hundertjährigen.
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