Gesundheit Wer zahlt?
Der Gesundheitsfonds stößt auf ein Problem: Zuerst müssen alle Krankenkassen entschuldet sein. Müssen jetzt die reichen Kassen für die armen zahlen? Oder auch die Kliniken?
Die geplante
Gesundheitsreform
erzeugt noch immer heftigen Widerstand – und wilde Gerüchte. Kommt der Gesundheitsfonds 2008 oder später? Woher soll das Geld fließen, mit dem die überschuldeten Krankenkassen saniert werden sollen? Letzteres muss dem Fonds vorausgehen.
Ein Vorschlag, wie die Voraussetzungen dafür geschaffen werden könnten, dass die Reform bald beginnen kann, ist am Mittwoch in der
Hannoverschen Allgemeinen
zu lesen. Die Zeitung berichtet, vermögende fremde Kassen sollten für verschuldete Versicherungen einspringen. Eine einfache Rechnung, denn ein Teil der Krankenkassen verfügt über Rücklagen von rund vier Milliarden Euro, denen knapp vier Milliarden Schulden anderer Kassen gegenüberstehen.
Die
HAZ
beruft sich auf einen Kassenverband, der solche Pläne für erwartbar hält – und liegt vermutlich falsch. Zumindest hat das Gesundheitsministerium den Bericht schon dementiert. Er enthält auch einige ungeklärte Fragen. Beispielsweise verfügen die Kassenverbände zwar tatsächlich über einige Rücklagen. Die dürfen sie aber nur für Kassen der eigenen Sorte einsetzen: Betriebskrankenkassen also nur für Betriebskrankenkassen, Ersatzkassen nur für Ersatzkassen ... Wie aber sind die Rücklagen verteilt? Kaum zu erwarten ist jedenfalls, dass eine AOK so reich ist, dass sie die großen Defizite der anderen Ortskrankenkassen ohne Weiteres übernehmen könnte.
Schon die Konstruktion der Kassenlandschaft könnte also bestätigen, was der Vorsitzende des AOK-Bundesverbands, Hans Jürgen Ahrens, am Mittwoch dem Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder sagen will: So schnell sei die Entschuldung der Kassen nicht zu machen, und
„dann kommt der Fonds eben später.“
Heftige Kritik an den Plänen der Koalition übte am Mittwoch auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Ihr Präsident Rudolf Kösters sagte, die Idee der Regierung, die Kliniken mit 750 Millionen Euro jährlich zur Ader zu lassen, seien eine „Provokation“. Auch den umstrittenen Gesundheitsfonds lehnt die DKG rundheraus ab und will gegen eine Kampagne starten,
ähnlich der, die die Kassen angekündigt und für die sie sich heftige Kritik der Gesundheitsministerin eingehandelt hatten
. Statt zu sparen, wollen die Krankenhäuser nämlich mehr Geld. Wegen steigender Tarife in den Kliniken würden zusätzlich 1,5 Milliarden Euro gebraucht, sagte Kösters.
Die Koalitionsspitzen hatten dagegen beschlossen, dass die Kliniken pauschal einen Beitrag in Höhe von einem Prozent der Budgets, also rund 500 Millionen Euro, zur Sanierung der Kassenfinanzen leisten sollen. Kösters sagte, die geplante Anschubfinanzierung für hochspezialisierte Klinikleistungen koste die Kliniken weitere 250 Millionen Euro.
Während Lobbyisten und Politiker in Berlin weiter streiten, kommen aus Wiesbaden Zahlen, die das Grundproblem des Gesundheitswesens nochmals verdeutlichen. Das Statistische Bundesamt hat festgestellt, dass 2004 in Deutschland insgesamt 234,0 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben wurden. Seit dem Jahr 1995 sind die Gesundheitsausgaben bis 2004 um 47,5 Milliarden Euro angestiegen. (
kpm.
)
- Datum 16.08.2006 - 05:37 Uhr
- Quelle ZEIT online, kpm
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auf Kosten der Beitragszahler und der Leistungsträger in unserem Gesundheitswesen scheint keinen mehr aufzuregen.
Für mich ist dieses Gesundheitswesen mit immer noch 250 Krankenkassen, Riesenbürokratie, weichen Sesseln in einer undurchschaubaren Verwaltung und Verflechtungen hinein in Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften kriminell.
Der ambulante medizinische Bereich geht derweil vor die Hunde.
Die Krankenhäuser haben über Jahre Millionen von Behandlungsstunden in den ambulanten Sektor verschoben und trotzdem enorme Ausgabenzuwächse zu verzeichnen, ohne das das Geld der Leistung gefolgt wäre.
Die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen steigen schneller als die Inflationsrate, seit Jahren.
Und die Arzneimittelausgaben steigen zweistellig, weil man uns Leitlinien und Zielwerte um die Ohren schlägt. Schlecht behandeln tun wir Ärzte ja sowieso. Die Erfahrungsmedizin, die im hausärztlichen Sektor in Deutschland eine gute Tradition hatte, ist völlig verdrängt. Gibt es halt teure, angeblich evidenzbasierte Pillencocktails.
Direktabrechnung zwischen Arzt und Patient, Eigenbeteiligung der Patienten an den Behandlungskosten, Härtefallregelungen, das wäre das ehrlichste und transparenteste System. Aber das will keiner.
Politik und Kassen glauben dabei ihre Macht zu verlieren, der Patient wird bei Direktabrechnung regelmässig als Opfer präsentiert. Selbst im ärztlichen Sektor gibt es Gegner, denn mancher profitiert von der Intransparenz.
Wenn die Staatsmedizin kommt, und die steht in meinen Augen unmittelbar vor der Tür, dann wird keiner mehr etwas zu lachen haben. Für gute Medizin fahren wir dann ins Ausland, dorthin wo auch schon die deutschen Ärzte hin gehen...
Eine eindrucksvolle Illustration wohin die ständige Forderung nach mehr Wettbewerb unter den Kassen führt.
Um immer mehr Kunden zu locken wurden Beitragsanpassungen genauso wie längst überfällige Kürzungen der nicht zu vertretbaren Spitzengehälter in den oberen Etagen der Kassen vermieden. Stattdessen wurden Schulden aufgenommen ( gibt es dazu eigentlich eine rechtliche Grundlage ?) mit dem Resultat, dass jetzt Versichertenbeiträge aufgewendet werden müssen, um Kreditzinsen zu zahlen.
Mehr Wettbewerb führt nicht zwangsläufig zu Beitragsstabilität und mehr Effizienz wie es von vielen immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt behauptet wird.
Ich möchte auch auf den Artikel Einheitskasse reicht in der ZEIT hinweisen.
@Einheitskasse: Meines Erachtens gibt es die Einheitskasse: In der Arbeitslosenversicherung und in der Rentenversicherung für Angestellte. Warum also nicht bei den Krankenkassen? Weil es dann weniger Vorstandsposten und weniger Dienstwagen gibt?
Warum nur werden die GKV nicht als privatwirtschaftliche Unternehmen geführt, die bilanzieren und sich einer Rechnungsprüfung unterwerfen müssen? Sie würden sich nicht in "Private Krankenversicherungen" mit der bösen Patientenauswahl und hohen Marketingausgaben verwandeln - alles das ließe sich in den Gründungsverträgen und Geschäftsbedingungen als Staatsauflagen entsprechend festlegen...
Man muss nur wollen, meine Damen und Herren Politiker!
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