GothicNachtfalter im Latexmini

Grufties lieben die Kostümierung, auch die Herren der Szene greifen zur Puderquaste. Zwischen Klamottenständen und Bierbuden feierten sie am vergangenen Wochenende die Weltflucht von Susanne El-Nawab

Ungesunde Blässe, blutrote Lippen und schwarz umrandete Augen sind angesagt in der „Schwarzen Szene“. Bei Gothics, im Volksmund auch Grufties genannt, geht es morbid zu – und friedlich. Dennoch hält sich seit den achtziger Jahren das Klischee vom Gruftie, der nachts auf Friedhöfen herumlungert, Knochen ausbuddelt, in Särgen schläft und womöglich Satanist ist. Gothics stoßen in der Regel auf öffentliches Unverständnis oder werden belächelt, so bleiben sie am liebsten unter sich.

In Hildesheim treffen sie sich seit Jahren für zwei Tage und Nächte auf einem Flugplatzgelände, um zu shoppen, zu tanzen, Musik zu hören und vor allem sich selbst zu feiern. Kaum eine Musikszene ist derart extravagant und aufwendig zurechtgemacht: Beim M'era-Luna-Festival tragen ihre Anhänger bauschige Röcke aus Spitze und Samt, Latexkorsagen und Lederminis, Zylinder, Rüschenhemden und mittelalterliche Burgfräuleinkleider, dazu gefährlich hohe Plateau- und Stilettoschuhe oder klobige Stiefel. Wie es ihnen gelingt, trotz dürftiger Zeltunterkunft und Dixie-Toiletten perfekt geschminkt und gekleidet zu sein, bleibt ein Rätsel.

In dieser Jugendsubkultur verbindet sich Todesästhetik mit bizarrer Erotik, Männer kleiden sich androgyn und geben den Macho. Große Treffen, wie gerade in Hildesheim und zu Pfingsten in Leipzig, kommen nur zustande, wenn eine illustre Schar von Bands auftritt. Dabei ist das Publikum die eigentliche Attraktion. "Klar ist die Musik wichtig, aber wir sind hier, weil wir die ganzen Leute treffen und sehen wollen", sagt der 22-jährige Stefan aus Nürnberg.

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Der Flugplatz wird an diesen Tagen zum Laufsteg aus Feld, Staub und Beton. Star ist, wer das ausgefallenste Kostüm oder die größten Irokesenstacheln zur Schau trägt, von Kopf bis Fuß in Latex eingeschnürt ist oder am meisten Haut zeigt. Ob ihre Strumpfhosen zerrissen sind oder die edlen Samtroben über den Boden wallen – hier können Gothics endlich die gewagte Kostümierung präsentieren, die daheim in der Kleinstadt-Disco außer Pöbeleien und Kopfschütteln wenig Anerkennung findet.

Auf dem Festival spielen alte Helden wie Die Krupps , Nitzer Ebb , Bauhaus , und das Publikum verteilt sich zwischen Verkaufsständen, Bier- und Pizzabuden und Bühne. Die Band Blutengel bietet eine pathetische Show mit spärlich bekleideten Engelchen und Elfen, kleinen Feuerwerken und fackeltragenden Sensenmannfiguren. Jürgen Engler von den Krupps singt immer noch genauso kraftvoll wie vor 25 Jahren. Und dennoch: Eine intensive Konzertatmosphäre wie im kleinen Club entsteht auf Massenveranstaltungen wie dem M’era Luna nicht.

Rund 25.000 Besucher kamen 2001, in diesem Jahr sind es ähnlich viele. Es ist die ewige Tragödie der Subkulturen, die – sobald kommerziell entdeckt – eine Flut von umtriebigen Geschäftsleuten anlocken und dabei in den Mainstream abzurutschen drohen. Die ausgefallenen Kleider der Fans werden immer öfter nicht im eigenen Gruftiezimmerchen genäht, sondern aus dem Katalog bestellt. Und die üblichen Brauereien und Imbissbuden machen die Veranstaltung zu einem Volksfest, wie man es kennt.

Gut zu wissen, dass sich in der Szene immer noch viele tummeln, für die das "Schwarz sein" mehr bedeutet als Klamotten und Musik. Gothics wollen ihre Nicht-Zugehörigkeit zu der normalen Welt zum Ausdruck bringen, indem sie traurig und blass anstatt gut drauf und braungebrannt sind. Mit ihrer Inszenierung von Morbidität rütteln sie am Tabu des Todes und schwören dem jugendlichen Leichtsinn ab. Ihre diffuse Sozialkritik und Auseinandersetzung mit Tod und Melancholie verliert allerdings durch den Rückzug ins subkulturelle Milieu erheblich an Schärfe.

Doch Gothics sind nicht immer nur traurig. Nachdem die britische Legende Bauhaus unter großem Jubel von der Bühne geht, machen sich einige Grufties auf in die gigantische Festival-Zeltstadt, um nach ein paar Stunden Schlaf wieder wie schöne Nachtfalter den Stoffiglus zu entschlüpfen. Derweil feiern die anderen dunklen Gestalten lebenslustig weiter, bis der Morgen dämmert.

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Leserkommentare
    • derneue
    • 15. August 2006 15:25 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem guten objektivem Artikel. Kein Gerede von gefährlichem Satanismus oder Ähnlichem.
    Entweder man ist fasziniert von der schwarzen Szene oder hält sie für harmlose Spinner. Der Text lässt diese Frage offen und macht lust mal wieder in die gothic-disko in der nähe zu gehen.
    ich jedenfalls bin schon immer fasziniert.

    • Anonym
    • 15. August 2006 16:08 Uhr

    Jedoch würde ich den vorletzten Abschnitt doch stark in Zweifel ziehen. Meiner Erfahrung nach ist die Schwarze Szene schlicht "Rebellion light". Es ist eine Art der Abgrenzung, die allerdings im Rahmen der szenekonformen Selbstinszenierung immer noch ein Gruppengefühl ermöglicht.

    Die Auseinanderungsetzung mit dem Morbiden und der düsteren Romantik geschieht dabei in vielen Fällen auch eher in verdaulicher Form. Es scheint mir dabei, dass die üblichen Verdächtigen unter den Schriftstellern und Literaten dabei deutlich häufiger phrasenhaft zitiert oder erwähnt als tatsächlich gelesen werden.

    Man sollte auch hier nicht alle über einen Kamm scheren, doch Gesellschaftskritik ist in der Schwarzen Szene für mich nicht mehr als oberflächlich erkennbar. Immerhin bietet sie jedoch gute Musik und durchaus sehenswerte Exemplare der Damenwelt ;)

    • NeoVG
    • 25. August 2006 11:57 Uhr

    Die Szene setzt sich aus vielen Untergruppen zusammen, die an sich teilweise recht wenig miteinander zu tun haben. Trotzdem gibt es starke Überschneidungen, musikalisch, stilistisch oder von der Grundstimmung her.

    Wenige sind nur auf eine Untergruppe beschränkt, doch kann man eindeutig verschiedene Grundströhmungen ausmachen, welche durch den jeweils persönlichen Musik- und Style-Geschmack differenziert werden können (wobei sich das Styling meist am bevorzugten Musikgenre orientiert - genaugenommen bilden Genre und Style eine Art Einheit).

    Das heisst, es gibt keinen "typischen" Goth, sondern mehrere "Hauptrichtungen", die je nach Region dominant oder weniger stark vertreten sind. So sind in manchen Gegenden im Osten der Republik die EBMler recht stark vertreten, in anderen die Batcaver/Gothpunks, in manchen Gegenden des Ruhrpotts die Cybergoths und in Wien die Rüschengrufties.

    Dabei hat das Grundthema des Stylings nicht unbedingt etwas mit dem Auftreten an sich zu tun. Das militaristische Auftreten der EBMler lässt sich am ehersten auf einen Stereotyp des "starken Mannes" zurückführen, eine teils positive, teils kritische Auseinandersetzung mit z.B. der postindustriellen Gesellschaft in der ehemaligen DDR, eine Hommage an den Stahlarbeiter, den einfachen Soldaten, was sich auch thematisch in der Musik wiederfindet. Vergleichbar dazu findet mal z.B. bei den Neofolkern ebenfalls ein Fable für militaristisches Auftreten, jedoch fixierter auf "alte Werte" wie Kameradschaft, Treue und Ehre (dabei geht es auch um das Prinzip und NICHT um eine Hinwendung zu ähnlichen Ströhmungen im 3. Reich - was ebenfalls oft falsch aufgefasst wird und dieser Untergruppe einen nicht verdienten, negativen Ruf verschafft hat).

    • k3r
    • 21. August 2006 8:55 Uhr

    Guten Tag zusammen.

    Auch wenn dieser Artikel schon einige tage steht will ich doch noch 'meinen Senf dazu geben'. Es ist hier seitens Zeit.de korrekt formuliert, und absolut kein Bezug zu religiösen Dingen hergestellt, und auch keinerlei Bezug zu Satanismus. Ich versuche schon eine Weile diese Szene zu verstehen, einige Freunde kennne sich da besser aus, und sagten mir, die Gothic-Szene sei eine der ehrlichsten und friedlichsten Szenen generell. Meine Verständnisproblem wird durch diesen Bericht wieder sichbar: Was haben diese EBM Menschen mit der Szene zu tun? Wo ist dort der Zusammenhang? Wie passen solch militante Outfits in eine doch gänzlich friedliche Gesellschaft?!

    Ich hoffe mal das ich nicht der Einzige bin, dem das nicht ganz klar ist. Ich werde mal die nächste einigermassen grosse Gothic Party besuchen, und versuchen, 'Licht ins Dunkel' in meiner Ansicht zu bringen :)

    so far
    k3r

  1. ...und kann vieles davon sehr bestätigen. Andererseits hat man als "Mitglied" der Szene natürlich auch einen anderen Blickwinkel.
    Zum Beispiel die recht seltene und jetzt offensichtlich wieder neu entdeckte Piraten-Kluft zeugt davon, dass selbst das Schwarzvolk keine Immunität gegen Blockbuster und Trends hat. Weiter kann ich sagen, dass das gute, alte Schwarz, unser Namensgeber und die einzig wahre "Farbe", zwar noch die erste Geige spielt, aber auch allzu häufig sich die Grenzen von Techno und Goth vermischen und einem auf einmal kunterbunte Gestalten vor die Füße stolpern, die wirklich nicht das sind, weshalb man sich eigentlich in diese Szene hinein fühlte.

    In Osnabrück gibt es keine Cyber-Szene, bzw. sie ist relativ klein. Anders in Herford im X, zB. Und wenn man selbst eher Samt und Seide, Rüschen und mein-Kleid-ist-schwärzer-als-deins drauf ist und einen leichten Würgereiz verspürt, sobald man stark pudergequastete, braun gebrannte, Stiletto- und bauchfrei- tragende Kinder in der Stadt sieht, deren einzige Sorge die Party am Freitag ist, dann lösen auch Cybers eben jenen Würgereiz aus.
    Kurz: Die meisten Cybers, die ich kenne, sind genauso falsch wie ihre Dreadlocks.
    Mal im Ernst. Grufts mit Dreadlocks. Das ist doch ein Widerspruch in sich.

    Nichtsdestotrotz gibt es schließlich in jeder Subkultur Unterbewegungen und so lange man mich nicht zwingt, meine Nähmaschine abzugeben und Lack zu tragen, ist die Welt in Ordnung.
    So in Ordnung, wie sie eben ist.

    :)

    • sucher
    • 12. Oktober 2007 12:53 Uhr

    Hallo,

    als erstes möchte ich bestätigen das die Gothic-Szene überaus friedlich ist. Ich gebe zu rein optisch ist das nicht unbedingt der Fall. Seit nunmehr über 16 Jahren bewege ich mich n der Gothic Szene und habe noch nie eine Prügelei auf einer Gothic Veranstaltung gesehen. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der heutigen Zeit wird das Sicherheitspersonal in Discotheken zunehmend verstärkt. Im Gegensatz dazu gibt es Gothic Veranstaltungen, bei denen nicht einmal ein einziger Türsteher eingesetzt ist.

    Noch ein paar Worte zu den Militär-Outfits mancher Untergruppierungen. Das Militäroutfit muss in Zusammenhang mit den Texten gesehen werden. In den Texten wird Krieg in keinster Weise verherrlicht. Ganz im Gegenteil, die Texte verurteilen Krieg als schlimmste "menschliche Grausamkeit" und beschäftigen sich mit den geistigen Abgründen der Menschheit. Dass die Hörer Militäroutfits tragen muss als Ironie gesehen werden.

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    http://www.treffpunkt-sch...

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  • Schlagworte Musik | Bauhaus | Volksfest | Hildesheim | Leipzig | Nürnberg
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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