Ungesunde Blässe, blutrote Lippen und schwarz umrandete Augen sind angesagt in der „Schwarzen Szene“. Bei Gothics, im Volksmund auch Grufties genannt, geht es morbid zu – und friedlich. Dennoch hält sich seit den achtziger Jahren das Klischee vom Gruftie, der nachts auf Friedhöfen herumlungert, Knochen ausbuddelt, in Särgen schläft und womöglich Satanist ist. Gothics stoßen in der Regel auf öffentliches Unverständnis oder werden belächelt, so bleiben sie am liebsten unter sich.

In Hildesheim treffen sie sich seit Jahren für zwei Tage und Nächte auf einem Flugplatzgelände, um zu shoppen, zu tanzen, Musik zu hören und vor allem sich selbst zu feiern. Kaum eine Musikszene ist derart extravagant und aufwendig zurechtgemacht: Beim M'era-Luna-Festival tragen ihre Anhänger bauschige Röcke aus Spitze und Samt, Latexkorsagen und Lederminis, Zylinder, Rüschenhemden und mittelalterliche Burgfräuleinkleider, dazu gefährlich hohe Plateau- und Stilettoschuhe oder klobige Stiefel. Wie es ihnen gelingt, trotz dürftiger Zeltunterkunft und Dixie-Toiletten perfekt geschminkt und gekleidet zu sein, bleibt ein Rätsel.

In dieser Jugendsubkultur verbindet sich Todesästhetik mit bizarrer Erotik, Männer kleiden sich androgyn und geben den Macho. Große Treffen, wie gerade in Hildesheim und zu Pfingsten in Leipzig, kommen nur zustande, wenn eine illustre Schar von Bands auftritt. Dabei ist das Publikum die eigentliche Attraktion. "Klar ist die Musik wichtig, aber wir sind hier, weil wir die ganzen Leute treffen und sehen wollen", sagt der 22-jährige Stefan aus Nürnberg.

Der Flugplatz wird an diesen Tagen zum Laufsteg aus Feld, Staub und Beton. Star ist, wer das ausgefallenste Kostüm oder die größten Irokesenstacheln zur Schau trägt, von Kopf bis Fuß in Latex eingeschnürt ist oder am meisten Haut zeigt. Ob ihre Strumpfhosen zerrissen sind oder die edlen Samtroben über den Boden wallen – hier können Gothics endlich die gewagte Kostümierung präsentieren, die daheim in der Kleinstadt-Disco außer Pöbeleien und Kopfschütteln wenig Anerkennung findet.

Auf dem Festival spielen alte Helden wie Die Krupps , Nitzer Ebb , Bauhaus , und das Publikum verteilt sich zwischen Verkaufsständen, Bier- und Pizzabuden und Bühne. Die Band Blutengel bietet eine pathetische Show mit spärlich bekleideten Engelchen und Elfen, kleinen Feuerwerken und fackeltragenden Sensenmannfiguren. Jürgen Engler von den Krupps singt immer noch genauso kraftvoll wie vor 25 Jahren. Und dennoch: Eine intensive Konzertatmosphäre wie im kleinen Club entsteht auf Massenveranstaltungen wie dem M’era Luna nicht.

Rund 25.000 Besucher kamen 2001, in diesem Jahr sind es ähnlich viele. Es ist die ewige Tragödie der Subkulturen, die – sobald kommerziell entdeckt – eine Flut von umtriebigen Geschäftsleuten anlocken und dabei in den Mainstream abzurutschen drohen. Die ausgefallenen Kleider der Fans werden immer öfter nicht im eigenen Gruftiezimmerchen genäht, sondern aus dem Katalog bestellt. Und die üblichen Brauereien und Imbissbuden machen die Veranstaltung zu einem Volksfest, wie man es kennt.

Gut zu wissen, dass sich in der Szene immer noch viele tummeln, für die das "Schwarz sein" mehr bedeutet als Klamotten und Musik. Gothics wollen ihre Nicht-Zugehörigkeit zu der normalen Welt zum Ausdruck bringen, indem sie traurig und blass anstatt gut drauf und braungebrannt sind. Mit ihrer Inszenierung von Morbidität rütteln sie am Tabu des Todes und schwören dem jugendlichen Leichtsinn ab. Ihre diffuse Sozialkritik und Auseinandersetzung mit Tod und Melancholie verliert allerdings durch den Rückzug ins subkulturelle Milieu erheblich an Schärfe.

Doch Gothics sind nicht immer nur traurig. Nachdem die britische Legende Bauhaus unter großem Jubel von der Bühne geht, machen sich einige Grufties auf in die gigantische Festival-Zeltstadt, um nach ein paar Stunden Schlaf wieder wie schöne Nachtfalter den Stoffiglus zu entschlüpfen. Derweil feiern die anderen dunklen Gestalten lebenslustig weiter, bis der Morgen dämmert.

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