Mal angenommen, im Jahr 2001 hätte die hastig voranschreitende Zeit einen Tag verloren, er wäre ihr heruntergefallen und unbemerkt zur Seite gekullert. Die Datumsanzeigen der Funkuhren wären im Monat September von der 10 direkt auf die 12 gesprungen, vielleicht hätte es einen Augenblick der Verwirrung gegeben, aber im Ganzen wäre das Leben weitergegangen wie bisher. Was hätten wir nicht alles verpasst! Zuallererst hätten wir niemals erfahren, wie sich historische Momente anfühlen: Diese seltsame Verhärtung in der Magengrube, als läge dort ein verschluckter Pflasterstein. Dazu das Zwinkern, ein ständiges, ungläubiges Zucken der Augenlider. An der Wange die roten Abdrücke eines tragbaren Radios, das man sich beim nächtlichen Verzweiflungsspaziergang immer noch ans Ohr drückt. Und die Denkschleife im Kopf: Das-glaub-ich-nicht-jetzt-ändert-sich-alles-das-glaub-ich-nicht... - Auf diese Erfahrung könne man verzichten, meinen Sie? Da haben Sie höchstwahrscheinlich Recht. Aber wie ist es mit dem enormen aufklärerischen Effekt?

Sehen Sie, ich bin in goldenen Zeiten geboren. Klassenkameraden aus gutsituierten Familien hatten einen Atombunker zu Hause, in dem die Tischtennisplatte stand. An Sonntagen spielten wir Sirenen-Raten beim Probealarm. Die Angst vor dem dritten Weltkrieg war praktisch und überschaubar wie eine gut sortierte Besenkammer. Es gab die Guten und die Bösen, wie das in jeder anständigen Geschichte der Fall ist.

Zu den Guten gehörten all jene Menschen, die sich als Demokraten begriffen. Die Bösen, das waren die anderen. Demokratien, lernten wir in der Schule, führen keine Angriffskriege, sondern setzen auf die friedlichen Mittel von Kooperation und Diplomatie. Auch kennen sie keine Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft. Im Gegenteil: Ungleichbehandlungen aufgrund von Rasse oder Religion sind sogar verfassungsrechtlich verboten. Nie im Leben würde ein Demokrat auf die Idee kommen, einen irgendwie orientalisch anmutenden Menschen in der U-Bahn misstrauisch zu beäugen! In Demokratien gibt es keine Propaganda, keine von Presse und Politik angestachelten Hysterien gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen. Ein demokratischer Staat schützt jeden unbescholtenen Bürger. Er nimmt ihm keine Nagelscheren weg, hört seine Telefone nicht ab, liest nicht in seinen E-Mails. Ein demokratischer Staat kontrolliert seine Geheimdienste, setzt die Bundeswehr nicht innerstaatlich ein, nimmt Fingerabdrücke ausschließlich von Verbrechern, benutzt nicht die Kameras von Maut-Anlagen, um auf Autobahnen harmlose Fahrzeuge zu filmen. Denn eine Demokratie vertraut ihren Bürgern. Sie weiß, dass sie nur auf der Freiwilligkeit aller Beteiligten basieren kann, weil sie sonst den Namen Demokratie nicht verdiente. Wenn ein Verbrechen geschieht, und sei es noch so entsetzlich, wehrt sich der demokratische Staat mit allen Mitteln der Verbrechensbekämpfung - ohne das einen "Krieg" zu nennen. Denn "Krieg" ist ein entsetzlicher Begriff. Er richtet sich nicht gegen ein kriminelles Individuum, sondern nimmt ganze Regionen, ganze Länder, ganze Weltteile in Sippenhaft.

Das hat man mir nicht nur erzählt. Daran habe ich auch geglaubt. Im Gegensatz zu Gott, Familie und Vaterland besaßen die demokratischen Ideen unmittelbare Bedeutung für mich. Niemand hätte zu behaupten gewagt, dass es sich dabei um Schön-Wetter-Ansichten handele, die sich verfinstern, sobald eine Wolke vor die Sonne zieht. Niemand nannte die Demokratie eine Ideologie, die ihr wahres Gesicht zeigt, sobald sie sich von außen angegriffen fühlt.