9/11
Alltag ohne
Was wäre heute, wenn der 11. September 2001 niemals stattgefunden hätte? Ein Gedankenexperiment
© Katharina Langer für ZEIT online BILD Terror, Krieg und Politik: Die Kette der Ereignisse nach dem 11. September 2001 - mit Artikeln aus der ZEIT und vielen Bildern
Mal angenommen, im Jahr 2001 hätte die hastig voranschreitende Zeit einen Tag verloren, er wäre ihr heruntergefallen und unbemerkt zur Seite gekullert. Die Datumsanzeigen der Funkuhren wären im Monat September von der 10 direkt auf die 12 gesprungen, vielleicht hätte es einen Augenblick der Verwirrung gegeben, aber im Ganzen wäre das Leben weitergegangen wie bisher. Was hätten wir nicht alles verpasst! Zuallererst hätten wir niemals erfahren, wie sich historische Momente anfühlen: Diese seltsame Verhärtung in der Magengrube, als läge dort ein verschluckter Pflasterstein. Dazu das Zwinkern, ein ständiges, ungläubiges Zucken der Augenlider. An der Wange die roten Abdrücke eines tragbaren Radios, das man sich beim nächtlichen Verzweiflungsspaziergang immer noch ans Ohr drückt. Und die Denkschleife im Kopf: Das-glaub-ich-nicht-jetzt-ändert-sich-alles-das-glaub-ich-nicht... - Auf diese Erfahrung könne man verzichten, meinen Sie? Da haben Sie höchstwahrscheinlich Recht. Aber wie ist es mit dem enormen aufklärerischen Effekt?
Sehen Sie, ich bin in goldenen Zeiten geboren. Klassenkameraden aus gutsituierten Familien hatten einen Atombunker zu Hause, in dem die Tischtennisplatte stand. An Sonntagen spielten wir Sirenen-Raten beim Probealarm. Die Angst vor dem dritten Weltkrieg war praktisch und überschaubar wie eine gut sortierte Besenkammer. Es gab die Guten und die Bösen, wie das in jeder anständigen Geschichte der Fall ist.
Zu den Guten gehörten all jene Menschen, die sich als Demokraten begriffen. Die Bösen, das waren die anderen. Demokratien, lernten wir in der Schule, führen keine Angriffskriege, sondern setzen auf die friedlichen Mittel von Kooperation und Diplomatie. Auch kennen sie keine Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft. Im Gegenteil: Ungleichbehandlungen aufgrund von Rasse oder Religion sind sogar verfassungsrechtlich verboten. Nie im Leben würde ein Demokrat auf die Idee kommen, einen irgendwie orientalisch anmutenden Menschen in der U-Bahn misstrauisch zu beäugen! In Demokratien gibt es keine Propaganda, keine von Presse und Politik angestachelten Hysterien gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen. Ein demokratischer Staat schützt jeden unbescholtenen Bürger. Er nimmt ihm keine Nagelscheren weg, hört seine Telefone nicht ab, liest nicht in seinen E-Mails. Ein demokratischer Staat kontrolliert seine Geheimdienste, setzt die Bundeswehr nicht innerstaatlich ein, nimmt Fingerabdrücke ausschließlich von Verbrechern, benutzt nicht die Kameras von Maut-Anlagen, um auf Autobahnen harmlose Fahrzeuge zu filmen. Denn eine Demokratie vertraut ihren Bürgern. Sie weiß, dass sie nur auf der Freiwilligkeit aller Beteiligten basieren kann, weil sie sonst den Namen Demokratie nicht verdiente. Wenn ein Verbrechen geschieht, und sei es noch so entsetzlich, wehrt sich der demokratische Staat mit allen Mitteln der Verbrechensbekämpfung - ohne das einen "Krieg" zu nennen. Denn "Krieg" ist ein entsetzlicher Begriff. Er richtet sich nicht gegen ein kriminelles Individuum, sondern nimmt ganze Regionen, ganze Länder, ganze Weltteile in Sippenhaft.
Das hat man mir nicht nur erzählt. Daran habe ich auch geglaubt. Im Gegensatz zu Gott, Familie und Vaterland besaßen die demokratischen Ideen unmittelbare Bedeutung für mich. Niemand hätte zu behaupten gewagt, dass es sich dabei um Schön-Wetter-Ansichten handele, die sich verfinstern, sobald eine Wolke vor die Sonne zieht. Niemand nannte die Demokratie eine Ideologie, die ihr wahres Gesicht zeigt, sobald sie sich von außen angegriffen fühlt.
- Datum 21.9.2009 - 15:39 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 11.08.2006
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Aus welcher Zeit und von wem stammt folgendes Zitat: "Eine Gesellschaft die ihre Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt verdient beides nicht"
...nämlich, Ihnen das Zitat eines gewissen Winston Churchill (zur Erinnerung: der Staatsmann, der in Europa am entschiedensten den aufkommenden Nationalsozialismus bekämpft hat; der nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland mit dafür gesorgt hat, dass das Land nicht völlig den Bach herunterging, sondern wieder auf die Beine kam), der über das Wesen der Demokratie folgendes bemerkte:
"Die parlamentarische Demokratie ist die miserabelste Staatsform - mit Ausnahme sämtlicher anderer Staatsformen."
Aber alle diese Staaten und Regierungsformen werden von MENSCHEN gemacht, nicht von Engeln...
(Abgesehen davon endete die splendid isolation, die Sie in Ihrem Aufsatz beschreiben, doch eigentlich schon beim Fall der Berliner Mauer oder spätestens mit der Wiederkehr des Krieges in Europa durch das ehemalige Jugoslawien. Was hat der 11. September damit zu tun?)
Ich finde, Frau Zeh bringt sehr gut auf den Punkt, was eine bestimmte Generation zu einer bestimmten Zeit "erlernt" und seitdem verinnerlicht hat - im Geschichtsuntericht immer nur aufgepasst, wenn es etwas zum Empören gab, nie tiefer nach Motiven und Ursachen gefragt, nie die seltsamen, ihnen so fremd erscheinenden vergangenen Emotionen ihrer eigenen Eltern und vor allem Großelterngeneration befragend, oder wenn, dann immer nur gleich im ungläubig-besserwisserischer Haltung der Immerumsorgten....
ich finde, Frau Zeh bringt all das sehr gut zum Ausdruch - und damit zu Pein und Schande eben genau jener Generation, denen mit Hilfe von Sozialkundelehrern jedes wirklich politische Denken und Fühlen abtrainiert wurde, durch welche ihnen beigebracht wurde, daß mit Geld doch wirkliche eines schönen Tages alle, alle, aber auch wirklich alle Wunden und Schmerzen dieser Welt geheilt werden könnten...
Hätten sie doch einfach nur mal besser aufgepasst, als ihnen andere Leute, sei es aus der Vergangenheit, sei es aus einer anderen Gegenwart von anderen Geschichten erzählten....
Geschichten davon, daß Demokratien und Rechtsstaat noch nie vom Himmel gefallen sind, sondern in Revolutionen und Kriegen erkämpft und verteidigt werden mussten - oder nie entstanden oder untergingen. Daß die staatliche Ordnung und Ruhe nichts Selbstverständliches sind, sondern immer wieder neu erarbeitet, manchmal sogar erkämpft werden müssen.
Welche komplizierten, widersprüchlichen, mit Rückschlägen und Niederlagen gesegneten Wege und Irrwege es benötigte, schließlich den Zustand zu erreichen, den diese Generation als den Kokon ihrer Jugend kennenlernen durfte....
Aber wie sollten sie das auch wissen, denn es waren ja andere, die diese Kämpfe und Wirrnisse auf sich genommen hatten, die daher wussten, daß auch Freiheit und Recht oft mit Mitteln errungen wurden, die vordergründig diesen Prinzipien zu widersprechen scheinen.... (ich erinnere an den von einem Vorredner zitierten Churchill).
Ja, diese Generation hätte lernen können: 1989, aber eigentlich schon die aufkommenden Spannungen auf dem Balkan in den späten 80er Jahren hätten sie aufwecken können - aber es geschah nicht. Stattdessen wurden die 1990er Jahre im westlichen Mitteleuropa zum Jahrzehnt der flachen Kinokomödien und des designten Lebens.....ach wie schrecklich peinlich ist doch diese Generation
Wie hat Frau Zeh denn das Jahr 1999 verbracht? Ganz sicher nicht mit dem Verfolgen des Weltgeschehens bzw. der Handlungen der glorreichen Demokratien des Westens.
Zur Erinnerung - das war das Jahr, in dem die heldenhaften NATO-Piloten den nicht existenten Hufeisenplan verhinderten.
Zu diesem Zweck musste zwar ein wochenlanger Bombenkrieg gegen ganz Serbien geflogen werden - unter nonchalanter Inkaufnahme reichlicher Kollateralschäden und Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur. Aber der nicht stattfindende Völkermord an den Albanern im Kosovo konnte abgewendet werden.
Aber da Frau Zeh ja in der Schule gelernt hat, dass Demokratien keine Angriffskriege führen, müssen die Serben das irgendwie missverstanden haben. Die hatten ja auch keine freiheitlich-demokratische Grundordnung und mussten demzufolge ohne die schlichten Glaubenssätze der Frau Zeh aufwachsen.
colca
Das Bild, liebe Frau Zeh, welches Sie von der Demokratie hatten, war getrübt durch die lange Periode des Friedens in unserem Land. Dass Demokratie etwas ist, das erkämpft werden muss, haben wir nie gelernt (ich schließe mich da ein). An was wir jetzt erinnert wurden ist das, was Thomas Jefferson einmal gesagt hat: "Der Baum der Freiheit muss ab und zu mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen getränkt werden."
Dass Serbien bombardiert wurde, ist einzig darauf zurueckzufuehren, dass etliche Serben Muslime abschlachten wollten!
Einen Voelkermord zu verhindern!
Dies geschah, nachdem Muslime zu tausenden abgeschlachtet worden waren!
Von einem Angriffskrieg zu sprechen, spricht dafuer, dass sie das auch wuenschten!
Klingt provokant. Gehen wir zurück ins Jahr 1989. Amerikas Konservative feiern den Sieg über den Kommunismus. Jetzt gilt es die Siegprämie einzustreichen: eine Neuordnung der Welt muss her. Worüber haben diese ganzen Think Tanks schliesslich 45 Jahre gebrütet?. Doch was passiert? Irak Krieg I. Gewonnen, aber dann wird der President abgewählt. Einfach so. Read my lips war halt zuviel, selbst für die immertreuen Hillbillies. So entsteht Enttäuschung.
Dann kommt Filou Clinton. Der hat nicht nur kein Interesse an Weltneuordnung und Siegprämie, der verschenkt auch noch gleich das Internet. Die Militärs sind ausser sich. So entsteht Verdruss. Dann kommt Oral-Office. Drei lange Jahre lang. Family-Value fixierte Konservative müssen ihrem Nachwuchs unerhörte Sachen erklären. da entsteht Hass. Dann auch noch New Economy. Amerikas Assets werden von halbseidenen Dotcoms aus aller Welt aufgekauft für einen Apfel und ein Ei.
Endlich gewint G.W.B? Aber er hat keinen Plan und würde auch vermutlich nur gern eine ruhige Kugel schieben, wie früher, als Senator in Texas.
Im Background ist allerdings der Kessel kurz vorm platzen. Verdruss. Enttäuschung. Hass. So gehts nicht weiter. Irgend was muss passieren.
Dann explodiert der Kessel. Er wäre in jedem Fall explodiert.
In den Think Tanks werden die alten Pläne aus der Schublade gezogen.
Ich sehe das aufklärerische Element nicht. Das Wissen um die grenzenlose Dummheit wurde vertieft. Die Trauer über ihre Konsequenzen und vielleicht sehr viel später nach einer Phase, in der die großen Worte wieder ein Stück ihres Sinnes eingebußt hatten, neuer Mut zu kleinen immer neuen, immer gleichen Schritten gegen die eigene Eingeschränktheit.
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