Es soll einmal einen Kriminalbeamten in Amerika gegeben haben, der seinen Lügendetektor an Pflanzen anschloss. Was auch immer sein Motiv gewesen sein mochte: Das Grün zeigte Reaktionen. So steht es in dem Buch Das geheime Leben der Pflanzen. .

Es stand auch mal in der taz, amerikanische Künstlerinnen hätten ihren Garten verkabelt, um ihn musikalisch auszuhorchen. Durch solche Berichte wurde ich neugierig. Ein Freund von mir, Künstler, trieb mich an: Ich sei doch Ingenieur…

Also nahm ich ein hochempfindliches Instrument, befestigte die Messfühler an den Blättern eines Rosenstockes vor dem Haus, sah auf den Zeiger und – es zuckte und zappelte! Auf der Blattoberfläche musste es Spannungsschwankungen geben. Ich baute feinere Verstärker. Die gemessenen Werte leitete ich auf einen Schreiber, um die Impulsverläufe sichtbar zu machen. Das Eigenartige war: Verschiedene Pflanzen erzeugten ihre jeweils eigene Struktur, Farnkraut sehr abwechslungsreiche Muster, Philodendron sehr ruhige. Im Groben waren sie charakteristisch, im Kleinen eher zufällig. Mein Suchen und Versuchen zog sich hin. Der Effekt blieb rätselhaft.

Die gemessenen Spannungsschwankungen nutzte ich dann ganz praktisch: zur Steuerung eines Tongenerators oder später auch eines analogen Synthesizers. So kam es zum Auf und Ab eines Klanges, das den spontanen Spannungsschwankungen auf der Blattoberfläche entsprach. Diese biologisch-technische Anordnung holte ich auf die Bühne. Ich begann mit Pflanzenkonzerten. Ein Farn tönte, ich blies auf der Posaune dazu. Zeitungen berichteten von diesen Auftritten, auch die taz , die bei der Gelegenheit zugab, den Artikel, den ich einst gelesen hatte, frei erfunden zu haben.

Oft genug überraschten mich die Pflanzen. Sie verhielten sich undurchschaubar: Zufallsereignisse, teilweise strukturiert, verschiedene Ergebnisse an verschiedenen Orten, über die Zeit nicht konstant. Die Messungen bewegten sich im Bereich feinster Ströme, Nano-Ampere. Im Wald mit batteriegespeister Messanordnung zeigte sich gar keine Wirkung. Zweifel kamen auf: Alles nur Messfehler? Luftzug oder bewegte Kunststoff-Folien in der Nähe der Pflanze riefen deutliche Effekte hervor, wieder mit artspezifischen Unterschieden.

Als Ingenieur trieb mich die Neugierde, diese merkwürdigen Effekte zu verstehen. Als Musiker reizte mich die Arbeit mit Unverstandenem. Ich musste eine Form der Improvisation finden, erfinden, die mit der Pflanzenelektronik vereinbar war. Das Interesse an meinen Auftritten war groß. Ich spielte in Bremen, Hamburg, Karlsruhe, Heidelberg, Saarbrücken und sogar in Moskau.

Zwei Welten trafen hier aufeinander. Die schöne, irgendwie lebendige Natur einerseits, die kühle, unbelebte Elektrotechnik andererseits. Zwei grundverschiedene Naturbegriffe, die „Über allen Wipfeln ist Ruh“-Natur und die Naturwissenschaft. Und dann noch die Musik. Ich hätte es anfangs nicht gedacht, aber es funktionierte irgendwie.