Ausnahmsweise sind sich einmal alle einig, die Großkoalitionäre in Berlin genauso wie linke, liberale und rechte Kommentatoren. Alle begrüßen, dass es das Landgericht Saarbrücken dem niederländischen Pharmaversand DocMorris zunächst gestattet hat, eine Apotheke zu betreiben . Mehr Wettbewerb erhofft man sich davon, wenn nun auch "ganz normale Firmen"  ( Frankfurter Allgemeine ) Apotheken eröffnen dürfen, "oder sogar Apothekenketten", und beschwört einen "gewaltigen Umbruch" auf dem Arzneimittelmarkt.

Da hat die Koalition gerade ihre Gesundheitsreform verbockt, und kann nun vom Glück zehren, dass die EU es richtet, jedenfalls an einer Stelle. Denn was so groß gefeiert wird, ist keinesfalls der Erfolg Berliner Politik, sondern europäischen Wettbewerbsrechts. DocMorris beruft sich auf die Niederlassungsfreiheit, die höher stehe als deutsche Schutzklauseln für den Apothekenmarkt. Ob dem so ist, hat das Landgericht allerdings nicht entschieden. Die Richter stellten lediglich fest, dass bei der Erteilung der Betriebserlaubnis für die Filiale kein offenkundiger Fehler festzustellen sei.

Nun muss das Verwaltungsgericht in Saarlouis entscheiden: "Dort hat diese Woche der Apothekenverband eine Klage eingereicht, mit der keine leichte Aufgabe auf die Verwaltungsrichter zukommen dürfte: Sie werden in den kommenden Monaten grundsätzlich klären müssen, ob EU-Recht - auch in der traditionellen deutschen Apothekenbranche - stärker wiegt als deutsches Recht", schreibt die Süddeutsche Zeitung . Das Blatt sieht den eigentlichen Wert des Urteils aus Saarbrücken darin, dass nun die Politik offen darüber streite, "was eine Abschottung der Apotheken die Solidargemeinschaft kostet - und ob nicht ein wenig mehr Marktöffnung sinnvoll wäre".

Ist also gar nichts Negatives daran zu finden, was im Saarland entschieden wurde? Zumindest die Dresdner Nachrichten , wiewohl sie das Urteil begrüßen, sehen eine Gefahr: "Man muss aber kein Prophet sein um vorauszusehen, dass die Öffnung des Apothekenmarktes weitere Arbeitsplätze in Deutschland kosten wird." Und das bekanntermaßen wenig marktfreundliche Neue Deutschland warnt vor Medikamenten-Discount und Oligopolen. Zweiteres wird sich in einer so zersplitterten Landschaft wie der deutschen Apothekenwelt nicht allzu schnell einstellen; ersteres könnte schon eintreten.

Doch zunächst einmal würden vor allem Preise sinken, die zu den höchsten in Europa gehören, ohne dass irgend jemand erklären kann, warum das so sein muss. "Überzeugende Gründe, warum ein Apotheker nur vier Filialen betreiben darf, gibt es nicht. Und ob der Apotheker selbstständig oder angestellt ist, ist dem Kunden ebenfalls egal. Interessieren wird ihn aber, dass durch mehr Wettbewerb Arzneimittel billiger werden dürften - besonders wenn nach der Gesundheitsreform wirklich für rezeptpflichtige Mittel nur noch Höchstpreise statt Fixpreise gelten ", schreibt die Märkische Allgemeine . Schließlich gerät auf diese Weise auch die Pharmaindustrie unter Druck, ihre Preisgestaltung zu überprüfen. Halblegale Absprachen mit Apotheken , wie sie immer wieder vorkommen, könnten durch einfache Marktmechanismen ausgeschaltet werden. Das hilft dem Patienten, und dem Beitragszahler auch.

Und die Apotheker? Sie bleiben nicht zwangsweise auf der Strecke. Obwohl es bundesweit tätige Optiker-Ketten gibt, existieren überall im Land selbstständige Brillengeschäfte. Sie zeichnen sich durch eine besondere Kundenbeziehung aus, die viel mit Vertrauen zu tun hat. Das Geschäft der Apotheker wird sich verändern. Zwangsläufig untergehen werden sie nicht.

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