Mathematik Exzentrisches Genie

Der russische Mathematiker Grigorij Perelman sollte zusammen mit drei anderen Kollegen die Fields-Medaille bekommen – doch er lehnte den "Nobelpreis für Mathematiker" ab

Von der Videowand starrte der langhaarige Mathematiker ins feierliche Auditorium – Grigorij Perelman aus dem russischen St. Petersburg, der als einer der klügsten lebenden Denker gilt. Persönlich war er nicht in Madrid, um heute aus der Hand des spanischen Königs Juan Carlos die Fields-Medaille in Empfang zu nehmen, die als der "Nobelpreis der Mathematik" gilt. Und als dann der scheidende Präsident der International Mathematical Union (IMU), John Ball, in knappen Worten verkündete, dass Perelman den Preis ablehnt, herrschte betretenes Schweigen bei den Besuchern des Internationalen Mathematiker-Kongresses. Ein paar vereinzelte Klatscher machten deutlich: Fachlich ist der exzentrische Russe anerkannt bei seinen Kollegen, für sein Verhalten und seine Öffentlichkeitsscheu haben sie wenig Verständnis.

Die Ablehnung war zu erwarten gewesen - seit einigen Jahren hat sich Perelman aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und seine Tätigkeit am renommierten Steklow-Institut eingestellt. Angeblich lebt er verarmt bei seiner Mutter. "Er ist vielleicht kein Mensch wie du und ich", beschreibt Martin Grötschel, Sprecher des Berliner Matheon-Forschungszentrums und seit Montag neuer Generalsekretär der IMU, vorsichtig die Verschrobenheit des Russen, der sich weder Haare noch Fingernägel schneidet und die meisten Segnungen der modernen Zivilisation ablehnt.

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Auch wissenschaftlich beschreitet Grigorij Perelman nicht die üblichen Wege: Anstatt sich dem Peer-Review-Prozess zu unterwerfen und seine Arbeiten in einer angesehenen Zeitschrift zu veröffentlichen, stellte er sie 2002 kurzerhand ins Internet und überließ es den Kollegen, seine Rechnungen zu überprüfen und die Lücken zu füllen. Dafür wurde er heftig kritisiert - inzwischen aber sind die Perelman-Papiere von vielen Mathematikern überprüft worden, und die Fields-Medaille ist ein Zeichen dafür, dass sie mittlerweile als korrekt angesehen werden. "Der Preis wird ihm nicht verliehen für den Beweis der Poincaré-Vermutung", sagt Grötschel, "sondern für seine Beiträge dazu." Ob Einzelwerk oder Gemeinschaftsleistung: Mit dem Abschluss des Beweises würde (nach einer Frist von zwei Jahren) das Preisgeld von einer Million Dollar fällig, das das amerikanische Clay-Institut für die Lösung des Problems ausgesetzt hat. Aber auch diese Ehrung wird Perelman wohl ablehnen.

Die Poincaré-Vermutung ist eine Aussage aus der Topologie - jener mathematischen Disziplin, die Körper und Flächen als identisch betrachtet, wenn sie durch gummiartige Verformung ineinander übergeführt werden können. Die Oberfläche eines Würfels und einer Kugel sind demnach topologisch dasselbe, sie unterscheiden sich aber von einem Torus (der Oberfläche eines Autoreifens). Für abgeschlossene zweidimensionale Oberflächen gilt: Wenn man jede geschlossene Kurve auf einen Punkt zusammenziehen kann, dann entspricht die Struktur topologisch der Kugeloberfläche. Diese Aussage gilt (mit einigen Zusatzvoraussetzungen) auch für höhere Dimensionen und konnte für fast alle Fälle bewiesen werden - nur an der dritten Dimension scheiterten die Mathematiker immer wieder, bis Perelman mit seiner Lösung aufwartete.

Der Wirbel um Perelman stellte die anderen Preisträger in den Schatten, die heute in Madrid ausgezeichnet wurden: Drei weitere Fields-Medaillen, die jungen Mathematikern von höchstens 40 Jahren vorbehalten sind, gingen an den Russen Andrej Okunkow, den Australier Terence Tao und den in Deutschland geborenen Franzosen Wendelin Werner. Außerdem wurden in Madrid zwei weitere Preise vergeben: Der Nevanlinna-Preis für Fortschritte in der Informatik ging an den Amerikaner Jon Kleinberg. Außerdem wurde erstmals der Carl-Friedrich-Gauß-Preis verliehen, gestiftet von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung für Anwendungen in der Mathematik. Die 10.000-Euro-Prämie ging an den Japaner Kiyoshi Itô.

 
Leser-Kommentare
  1. Er hat tausendmal Recht. Wissenschaft ist nicht der Kampf um persönliche Anerkennung sondern der Kampf um Erkenntnis. Nur wer wird sich dessen noch bewusst in dieser materialisierten Welt?!

    Tausendmal - wie berechnet man das...?

    Auch wenn ich die Perelmann-Lösungen nicht verstehe, seine Ablehnung der Ehrung mir aber durchaus imponiert, so bezweifle ich, rein prinzipiell dies auch, doch, dass man solch ein Problem nicht auch wegen persönlicher Anerkennung löst. Es ist schon erstaunlich, dass jemand, der sich aus der Zivilisation offenbar oder vielleicht ein größeres Stück zurückgezogen hat, sich mit einem mathematischen Problem der Höchstzivilisation befasst, welches wohl kaum einen Einfluss auf die "Rettung der Welt", dieser untergehenden Menschenwelt sag ich mal, haben dürfte. Oder?
    (Ein konsequenter Ausstieg wäre also der Verzicht auf die Lösung dieser Frage gewesen!)

    PS:
    Als einer der wenigen europäischen Monarchen hatte der spanische König wohl doch so einige Verdienste bei der Implementierung der Demokratie in Spanien.

  2. 2. @wlad

    Oh ja!

  3. Zizat: "...der sich weder Haare noch Fingernägel schneidet und die meisten Segnungen der modernen Zivilisation ablehnt.(...)
    Auch wissenschaftlich beschreitet Grigorij Perelman nicht die üblichen Wege: Anstatt sich dem Peer-Review-Prozess zu unterwerfen und seine Arbeiten in einer angesehenen Zeitschrift zu veröffentlichen, stellte er sie 2002 kurzerhand ins Internet und überließ es den Kollegen, seine Rechnungen zu überprüfen und die Lücken zu füllen..."

    Also differenziert er doch die "Segnungen der modernen Zivilisation" nach Sinn und Unsinn. Aber stimmt schon, eine Dummheit des Genies. An den Author: Hätte er sich dem Peer-Review-Prozess unterzogen, wer hätte dann seine "Rechnung" überprüft und die "Lücken" gefüllt? Du? Der Zweck ist doch erfüllt, der Prozess der Prüfung kann durchgeführt werden - und OHNE dass Sience o.ä. Kohle kassiert.

  4. vom "Stimmts" Autor Christoph Drösser gewürdigt zu werden ;-)

    Da bleibt nur eins, abtauchen und Gras über die Sache wachsen lassen....

    • sebnit
    • 22.08.2006 um 15:23 Uhr

    In Douglas Adams' "Machts gut und danke für den Fisch" gelangen die Protagonisten Arthur Dent und Fenchurch zur "Außenseite des Irrenhauses“. Der Erbauer dieses Hauses, John Watson, genannt „Wonko der Verständige“, hat die Welt als Irrenhaus erkannt und deshalb ein Irrenhaus für sie gebaut, ein Irrenhaus für die ganze Welt. Nur er und sein Wohnbereich befinden sich auf der "Außenseite".

    Grigorij Perelman befindet sich außerhalb des Irrenhauses, aus dem wir ihn herzlich grüßen.

    • wlad
    • 22.08.2006 um 23:03 Uhr

    Tja, was wir (die Russen) manchmal können, kann wohl keiner... im guten und im schlechten Sinne, wohl gemerkt

    Wozu braucht man eine Million, wenn man schon einen Namen in der Wissenschaftgeschichte hat... Man zeigt wie man auf dem schnellsten Wege zum Mars fliegt und bekommt dafür eine Million, es ist ja Hollywood-mäßig. Schwierig zu verstehen für die heutige markt- und konjukturorientierte Geselschaft

    • Gobnik
    • 23.08.2006 um 20:29 Uhr

    für einen Menschen, bei dem Vorstellungskraft und der eigene Weg zählen und nicht der Name oder die Herkunft, muss es schon eine Zumutung sein den Preis aus der Hand eines Menschen anzunehmen, der nur aufgrund seines Namens, seiner Geburt und seines ständigen Erscheinens auf schwülstigen Hochzeiten von Blaublütigen in irgendwelchen Glitterflitterblättchen weltweite Bekanntschaft geniesst, aber nie irgendwelche Leistungen vollbracht hat die jeder andere in dieser Position auch erbringen könnte. Wie kann es denn sein, dass einer der am wenigsten leistenden Menschen einem Vordenker einen Preis überreichen soll? Ausser, dass sich einer der beiden mit fremden Federn schmücken will oder schmücken lässt.
    Abgesehen davon ist seine Haltung zu verstehen. Wer würde noch seinen klaren, unabhängigen Geist bewahren, wenn er erst mal in der Spirale des Zwanges der Selbstdarstellung und der Anpassung gefangen ist?
    Er hat tausendmal Recht. Wissenschaft ist nicht der Kampf um persönliche Anerkennung sondern der Kampf um Erkenntnis. Nur wer wird sich dessen noch bewusst in dieser materialisierten Welt?!

    Betretenes Schweigen!

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