Bonn. Erinnern Sie sich noch an Bonn? Das war einmal, Jahrzehnte muss das her sein, die Hauptstadt der Bundesrepublik. Der Ort, aus dem alle politischen Meldungen herkamen, die beschauliche Universitätsstadt am Rhein, wo Figuren wie Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl noch richtig Politik gestalteten, die "Bundesstadt", wo noch heute - ganz unbemerkt - Zehntausende Beamte in vergessenen Ministerien vor sich hin werkeln . Ein irgendwie aus der Zeit gefallenes Provinznest. Eine Sonnenblume, das Grünen-Symbol, am Straßenschild der neuen Petra-Kelly-Allee in Bonn - in interessanter Nachbarschaft

Dort nun ereignete sich am Freitag Erstaunliches, etwas, dass es in den Zeiten der alten, untergegangenen "Bonner Republik" wohl so nie gegeben hätte: Ein Stück Straße, ausgerechnet ein Stück der Franz-Josef Strauß-Allee, wurde feierlich in Petra-Kelly-Allee umbenannt. Geehrt und in den stadthistorischen Ritterstand erhoben wurde damit eine Frau, die 1983 an der Spitze der Grünen in den Bundestag eingezogen war, dort mit schriller Stimme den atomaren und ökologischen Untergang der Welt beschwor und die ihren Mitmenschen damals wahlweise als Jeanne d'Arc der Umwelt- und Friedensbewegung oder als hysterische Schreckschraube erschien. Und die dort wiederum neun Jahre später, von ihrer Partei vergessen, unbemerkt durch eine Kugel ihres Lebensgefährten Gert Bastian verschied.

Den Namen dieser Frau, an die sich heute selbst die meisten Grünen kaum noch erinnern können oder wollen, trägt also jetzt eine Allee im ehemaligen Regierungsviertel, eingebettet zwischen der Charles-de-Gaulle-Straße, der Ludwig-Erhard-Allee und der Konrad-Adenauer-Brücke. Was sagt uns das? Die Grünen sind endgültig im historischen Kanon der Republik angekommen, wohlgemerkt: der alten West-Republik. Zumindest ihre ziemlich vertrockneten Wurzeln. Ihre einstige Frontfrau und Mitgründerin ist auf eine Stufe gehoben mit den Urgestalten und Gründungsvätern der Bundesrepublik (und der deutsch-französischen Freundschaft). Und, Ironie der Geschichte, ausgerechnet der einstige CSU-Grantler Strauß, der Erzfeind aller Linken und irgendwie Bewegten im Land, musste dafür ein Stück weichen. Wenn das nicht eine Neuinterpretation einer ganzen historischen Epoche ist!

Wie schwer tut sich dagegen die heutige Hauptstadt mit der Geschichte. Nicht nur, dass in Berlin nach der Wende viele Straßen umgetauft wurden, weil sie nach jetzt nicht mehr genehmen kommunistischen Größen und einstigen Antifaschisten benannt waren. Seit Monaten tobt dort ein lokalpolitischer Kampf darum, ob ein Stück Straße an der ehemaligen Mauer nach dem früheren SDS-Führer Rudi Dutschke benannt werden darf (einem Vor-Grünen sozusagen). Denn an diesem Straßenabschnitt liegen nicht nur die Redaktionsräume der links-alternativen tageszeitung , die sich in seiner Tradition sieht, sondern auch die Verlagszentrale des Springer-Verlags, gegen die Dutschke und die von ihm angeführten Studenten in den 60er Jahren leidenschaftlich gekämpft hatten. Die Posse um die Dutschke-Straße bewegt inzwischen sogar den ansonsten mauen Wahlkampf für die Berliner Abgeordnetenhaus-Wahl im September. CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger, der sich in seiner Partei eher "links" verortet, aber auf die eher rechten Mitglieder Rücksicht nehmen muss und deshalb eine Initiative gegen die Umbenennung unterstützt, eiert neuerdings herum. Denn verzweifelt ob katastrophaler Umfragewerte setzt er seine letzte Hoffnung auf eine Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen. Um die zu besänftigen, sucht er nun nach einem Ausweg aus seinem Dilemma. "Irgendeine Sackgasse", barmt er, werde man für die Dutschke-Straße schon finden.

So also sieht die Großherzigkeit in der Weltstadt Berlin aus! In Bonn opfert man ein Stück ganz alter Bundespublik für das Neue; in Berlin schiebt man die Lichtgestalt der Studentenbewegung, deren rot-grüne Restgestalten immerhin sieben Jahre lang das Land regierten, in die Peripherie ab. Merke: erst wenn ein Stück von Unter den Linden oder des Ku-Damms nach Joschka Fischer, dem grünen GröAaz ("Größter Außenminister aller Zeiten") benannt ist, ist die Weltpolitik wirklich in Berlin angekommen.