Streikende Sieg für die Ärzte
Der Tarifkonflikt an kommunalen Krankenhäusern ist zu Ende. Die Ärzte stellen sich besser, als ver.di aushandeln konnte und verdienen künftig fast so gut wie Hochschulmediziner.
Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und die kommunalen Arbeitgeber sind sich einig. Es wird einen eigenen Tarifvertrag für Ärzte geben, die an den Kliniken von Städten und Gemeinden arbeiten. Nach Angaben des Marburger Bundes liegt die neue Gehaltstabelle auf dem Niveau des Abschlusses für Ärzte an Universitätskliniken. Damit endet einer der längsten
Tarifkonflikte
in der Geschichte der Bundesrepublik, der zuletzt mehr als 17.000 Mediziner auf die Straßen trieb und die Hospitäler wegen ausgefallener Regeluntersuchungen und -operationen
Millionenbeträge
kostete.
Schon am Mittwoch hatte sich abgezeichnet, dass die Gewerkschaft und die Arbeitgeber sich über die Einkommens- und Arbeitsbedingungen von etwa 70.000 Ärzten einigen würden, die in kommunalen Krankenhäusern arbeiten. Kurzfristig hatten die Mediziner eine Demonstration in Bremen für diesen Donnerstag abgesagt.
Der Vertrag, der nun abgeschlossen wurde, soll sich an dem Kompromiss orientieren, den die Hochschulmediziner mit den Bundesländern im Juni gefunden hatten, jedoch nicht den ganzen Gehaltssprung der Uniklinikärzte nachvollziehen. Er sieht Einkommensverbesserungen zwischen 10 und 13 Prozent im Vergleich zum Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst vor, den die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im vergangenen Oktober ausgehandelt hatte. Im Vergleich zum früher einmal für Ärzte geltenden Bundesangestellten-Tarifvertrag liegt das Plus allerdings nur zwischen 1,5 und 4 Prozent. Außerdem beinhaltet der Kompromiss eine "objektive Zeiterfassung" der Arbeitszeit, sagte ein Sprecher des Marburger Bunds. Die Dienstdauer soll auf 18 Stunden begrenzt werden. Auf diese Weise solle die "Überstundenproblematik" in den Kliniken in den Griff gebracht werden.
Nach acht Wochen und mehreren gescheiterten Verhandlungsrunden hatten sich die Kontrahenten nach 30 Stunden währenden Gesprächen doch noch geeinigt. Offenbar ist die Strategie des Marburger Bunds aufgegangen, mit immer mehr Kliniken einzelne Haustarife abzuschließen. Zunächst war man sich in Stuttgart einig geworden, dann folgten vor allem Kliniken in Baden-Württemberg, schließlich schlossen die Parteien für das Nürnberger Klinikum einen so genannten Vorschalttarifvertrag. Diese rund 50 Vereinbarungen sollten als eine Art "Machbarkeitsstudien" dienen, hatte die
Frankfurter Allgemeine
einen Sprecher der Ärztevertretung zitiert.
Der Abschluss bestätigt den Marburger Bund auch darin, dass es sinnvoll war, trotz wachsenden Drucks in den Forderungen nicht nachzugeben. Zwischenzeitlich hatten die Arbeitgeber versucht, durch einen mit ver.di abgeschlossenen Vertrag neue Tatsachen zu schaffen. Ver.di und der Marburger Bund hatten eine Tarifgemeinschaft gebildet, bis die Ärztegewerkschaft das Bündnis im Dezember vergangenen Jahres aufgekündigt hatte.
Die nun erzielte Einigung sei besser als der ver.di-Vertrag, sagte ein Sprecher der Ärztegewerkschaft. Ein Facharzt verdiene im Schnitt rund vier Prozent mehr als bei der ver.di-Einigung, ein Assistenzarzt erhalte durchschnittlich über drei Prozent mehr. Die kommunalen Arbeitgeber sprachen dagegen von einem "aufgezwungenen Kompromiss" und warnten, der Abschluss könnte "für manche Klinik die Existenzfrage verschärfen". 40 Prozent der kommunalen Kliniken schreiben nach Arbeitgeberangaben schon heute rote Zahlen. Nun fürchten die Kommunen, dass Stellen und Betten abgebaut und auch einige Häuser geschlossen werden müssen.
Der Tarifkonflikt währte schon elf Monate. Gestreikt wurde seit acht Wochen. Die Ärzte hatten zu Beginn Lohnsteigerungen von
30 Prozent
gefordert. Die konnten nun nicht vollständig durchgesetzt werden. Doch die Mediziner haben bewiesen, dass es sich lohnt, für die Interessen einer einzelnen Berufsgruppe zu kämpfen und sich dafür aus dem Rahmen einer großen Gewerkschaft zu lösen. Immer deutlicher zeigt jener Vorteil Wirkung, den sie gegenüber allen anderen Berufsgruppen im Tarifstreit haben: Ohne Ärzte geht es nicht. Vor allem
ver.di
muss dies zu denken geben.
- Datum 17.08.2006 - 08:48 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Wenn sie Ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass " ... sich die anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen ähnlich stark organisieren (werden) wie der Marburger Bund, damit das jetzt entstandene Ungleichgewicht zu den Ärzten wieder ausgeglichen wird", gehen sie offenbar von einer Art im Krankenhaus tobenden Bürgerkrieg aus, bei welchem jeder Vorteil des einen einen Verlust des anderen bedeutet. Auf diese Art könnte das Krankenhaus keinen Tag funktionieren. Es gehörte für mich zu den unangenehmsten Erfahrungen der Streikwochen zu sehen, wie die Arbeitgeber bewußt immer wieder versuchten, Ärzte und Pflegepersonal aus ökonomischen Interessen gegeneinander auszuspielen.
Was man an dieser Stelle endlich einmal richtig stellen sollte: als Hochschulmediziner verdient man mit dem neuen Tarifvertrag eben nicht 20 oder 30 Prozent mehr, wie allseits aus Presse und Bevölkerung zu hören ist!
Verglichen mit dem BAT-Tarif verdient z.B. ein 30jähriger Assistenzarzt gerade mal 2% mehr (brutto natürlich) - und ein 38jähriger Assistenzarzt, verheiratet, vier Kinder, sogar 10% weniger als im BAT!
Die von Arbeitgebern, Presse, wie auch leider vom Marburger Bund, verbreiteten Zahlen sollte man also kritisch sehen...
An den Arbeitsbedingungen, Überstunden, Diensten, Überstundendokumentation, Länge (bzw. Kürze!) der Verträge u.ä. hat sich bisher nichts geändert, noch ist eine Verbesserung auf diesen Gebieten abzusehen.
Vielleicht muss man an dieser Stelle einmal klarstellen, was in der Presse zuletzt konsequent ignoriert und verschwiegen worden ist. 30% mehr Gehalt hört sich sehr viel an. Wohlgemerkt "hört". Doch man muss berücksichtigen, dass hinter dieser Forderung nachvollziehbare Berechnungen stehen, relativiert sich diese 30-Prozent-Forderung nämlich schnell. Das Gehalt der Ärzte ist Anfang des Jahrtausends eingefroren worden, es gab keine Gehaltssteigerungen, gleichzeitig wurde das Urlaubsgeld gestrichen und das Weihnachtsgeld ist weggefallen. Überstunden sind ebenfalls nicht bezahlt worden. Wenn man also jemandem erst einen substantiellen Anteil des Einkommens wegnimmt oder erbrachte Leistung nicht bezahlt, kann man im Nachhinein nicht von einer Gehaltssteigerung sprechen. Doch davon ist in der plakativen Berichterstattung von "30% mehr Gehalt" nie die Rede. Das Niveau, dass durch die neuen Tarifverträge erzielt wurde, liegt weiterhin unter dem BAT2002. 30% mehr Gehalt? Mitnichten. Es kann aber als Erfolg gewertet werden, dass die Einkommensverluste zumindest zum Teil zurückgenommen wurden, es erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik einen Tarifvertrag für Ärzte gibt, neue Arbeitszeitmodelle mit weniger oder bezahlten Überstunden eingeführt und Ausbildungsstrukturen verbessert werden. Was am Ende wirklich für den einzelnen Arzt herauskommt, wird man abwarten müssen.
Viel Spass mit den "billigen" Ärzten aus Russland und Osteuropa, ich sag nur Ausbildung und Sprachkenntnisse... Jedes Land bekommt die Ärzte, die es verdient!
Es ist schon unglaublich zu erleben, wie die deutsche Presse an ihren Ärzten hängt. In den letzten 5 Jahren konnte kein deutscher Gewerkschaftschef einen Prozentpunkt mehr Gehalt als den Inflationsausgleich fordern, ohne von der Presse als asozialer, wachstumsschädigender Arbeitslosigkeitsproduzierer dargestellt zu werden. Aber die Ärzte (denen es bekanntlich am schlechtesten geht, fragen Sie mal im Segelclub nach...), die dürfen munter lustig 30% von den ohnehin knappen Kommunen fordern. Egal ob Akademiker oder nicht Akademiker, niemand konnte in den letzten 10 Jahren auch nur in Ansätzen eine ähnliche Gehaltssteigerung realisieren, geschweige denn guten Gewissens fordern. Das dies ausgerechnet die Ärzte dürfen, die bislang noch nichts Nennenswertes zur Bekämpfung der Kostenexplosion im Gesundheitswesen beigetragen haben, ist schon ein starkes Stück und lässt sich auch durch lange Arbeitszeiten nicht entschuldigen.
Für den Rest bleibt wohl nur abzuwägen, ob man selber streiken oder lieber in den Segelyachtenmarkt investieren sollte...
Ohne Ärzte geht es eben nicht! Ohne die anderen schon. Auch wenn sie dies nicht wahr haben wollen und sich mit pseudowissenschaftlichen Bezeichnungen wie "Pflegewissenschaft" wichtig machen wollen.
Es waren nicht nur die Ärzte, die ausgebeutet wurden und deshalb berechtigt mehr bekommen. Auch das Pflegepersonal wird ausgepresst wie eine Zitrone. Das ist die eine Seite, sehr betrüblich.
Aber andererseits dürfte auch klar sein: Dem Krankenversicherungsbeitrag tut das überhaupt nicht gut. Die von der Regierung avisierten 0,5 Prozentpunkte Erhöhung ab 2007 kann man sich abschminken und auch 1,0% werden nun kaum ausreichen. Es wird also teuer für alle werden. Das kann und sollte man sich jetzt schon sachlich vor Augen halten.
... wird dieser Sieg mit Sicherheit auf Kosten aller anderen Beteiligten in den Krankenhäusern gehen. Auch wenn die Ärzte mit Sicherheit sehr wichtig sind im Komplex Krankenhaus, so wäre eine ausreichende Betreuung und Behandlung der Patienten wohl kaum gewährleistet, wenn nicht eine fleißige Schar von Pflegern, Krankenschwestern und MTAs dort ebenfalls eine Menge beitragen würden.
In sofern sollte dieser "Triumph" wohl nicht nur ver.di nachdenklich stimmen.
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