Maryon Park Im Film Blow-Up , den der italienische Regisseur Michaelangelo Antonioni im Sommer 1966 drehte, geschieht im Maryon Park ein Mord – oder doch nicht?
Wer den unheimlichsten Ort Londons sucht, wird im Südosten fündig. Er liegt zwischen den Stadtteilen Charlton und Woolwich, ein paar Häuserreihen hinter dem als „The Valley“ bekannten Stadion von Charlton Athletic, dem unglamourösesten Fußballclub der Premier League: Maryon Park.

Langeweile Die Fläche bis zur Themse füllt verbautes, ehemaliges Hafenhinterland. Den etwas versteckt liegenden Eingang des Parks flankiert ein hässlicher sozialer Wohnungsbau der 1960er Jahre. Die Ostseite entlang steigen kleine, schmutzigbraune Hochhausquader empor. Maryon Park selbst ist ungewöhnlich angelegt: unten eine plane, von der Sonne vertrocknete Rasenfläche mit Tennisplatz, oben, auf verschlungenen, steilen Wegen zu erreichen, ein kleines, von Bäumen eingeschlossenes Grasplateau, ein Park im Park, eine totenstille, unwirkliche Großstadtoase.
Der junge, ruhe- wie ziellose Fotograf, gespielt von David Hemmings, hält mit seinem Rolls-Royce-Cabrio vor einem inzwischen längst verschwundenen Antiquitätenladen, streunt schließlich aus Langeweile mit baumelnder Kamera in den Park, beobachtet ein ungleiches Liebespaar, steigt die Treppen herauf, fängt an zu knipsen, wie die beiden dort auf der Wiese stehen.

Leiche im GebüschSpäter im Labor, als der Fotograf die Park-Bilder großformatig abzieht, macht er eine Entdeckung: Versteckt sich dort nicht ein Gewehrschütze im Gebüsch? Und liegt Redgraves älterer Begleiter nicht dort am Ende tot im Gras, halb verdeckt von einem Baum? Doch je stärker er die Ausschnitte vergrößert, desto grobkörniger werden die Bilder, und desto weniger geben sie Preis.

Kamerasex Vorher, als der Fotograf aus dem Park verschwinden wollte, lief ihm die junge Frau (Vanessa Redgrave) nach und verlangte den Film. Er gab ihn nicht her. Er gibt ihn ihr auch später nicht, als sie in seinem Foto-Studio auftaucht, wo sich sonst die Models balgen: In einer berühmten Sequenz am Anfang des Films hat Hemmings eine wilde Fotosession mit dem Supermodel Veruschka – so etwas wie Kamerasex. Auch Redgrave lässt die Hüllen fallen – eine „Liebe ohne Bedeutung“, behauptet der Film-Trailer.
Blow Up transportiert keineswegs ein modernes Frauenbild, doch immerhin hat Veruschka die beste Dialogzeile. Hemmings, der sie später auf einer drogenumnebelten Party wiedertrifft und zu ihr sagt: „Ich dachte, Du bist in Paris?“, entgegnet sie bestimmt: „Ich bin in Paris.“

Langsam und stummBlow-Up , dem die Londoner Photographers’ Gallery derzeit eine kleine, feine Ausstellung widmet, ist ein filmhistorisches Unikat, ein rätselhafter Einzelgänger. Vor vierzig Jahren bastelte Antonioni an der filmischen und fotografischen Postmoderne, ja erfand sie mit dem Film gewissermaßen – doch Blow-Up war nicht schulbildend. Für heutige Sehgewohnheiten ist er beinahe unerträglich langsam und zudem beunruhigend stumm. Meist läuft nur gedämpft die natürliche Tonspur – beispielsweise das am Ende enervierende Blätterrauschen vom Maryon Park. Die nachträglich aufgenommenen Dialoge sind spärlich, ebenso wie die funkige Filmmusik von Jazzpianist Herbie Hancock. Und doch: Blow Up hat mehr mit der Gegenwart zu tun als der größte Teil des zeitgenössischen Kinos.

Swinging London Der Film wird oft als Hommage an „Swinging London“ missverstanden, jener Phase der kreativen Explosion in Musik, Kunst und Mode, die London 1966 fast aus dem Nichts erlebte - und die genauso plötzlich mit der massiven Abwertung des Pfund Sterlings im November 1967 wieder vorbei war. Das Magazin „Time“ beschrieb die Zeit mit dem berühmten Cover „London: A Swinging City“.
Antonioni wurde zwar zwar von der Atmosphäre des „Swinging London“ inspiriert. Er ließ jenseits des gemächlichen Drehs keine Party und keinen angesagten Club aus. So sieht man in Blow-Up Models in überkandidelter Sixties-Mode. Die Yardbirds rocken und zertrümmern eine Gitarre. Wie die Ausstellung dokumentiert, holte sich Antonioni auch Anregungen von dem abstrakt-pointilistischen Londoner Maler Ian Stephenson, dessen Bild Still Life Abstraction D1 im Film auftaucht.