Musikbranche Kauft Kassetten!

Die deutsche Plattenindustrie singt ein neues Klagelied: Sie hat im ersten Halbjahr 2006 ein Drittel mehr Downloads verkauft. Wenn jetzt schon das Gute schlecht ist, was können wir Kunden da noch tun? Ein Vorschlag

Ich hatte sie bereits vergessen. Diese unscheinbaren, viereckigen Plastikklötze mit einem magnetisierten Band und zwei Löchern zum Spulen. Bis mir jetzt diese Pressemitteilung der Plattenindustrie auf den Schreibtisch kam. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft singt darin ein neues Klagelied: Zwar hätten sich die Downloadabsätze im ersten Halbjahr um 36 Prozent gesteigert, doch sei der Tonträgermarkt aus CDs, MCs, LPs und Videos um 3,4 Prozent rückläufig. Das klingt dramatisch, denn was sind ein paar durch die Internetleitung geschubste Bits und Bytes gegenüber physisch gespeicherten Werken wert?

Die Industrie schätzt, dass im ersten Halbjahr 2006 gut zehn Millionen Musikstücke übers Internet verkauft wurden. Das ist leider nur ein gutes Drittel mehr als im ersten Halbjahr 2005. Und deshalb kann der Vorsitzende der Deutschen Phonoverbände Michael Haentjes nun jammern: „Das anhaltend hohe Niveau der Nutzung illegaler Quellen im Internet und die ungelösten Probleme durch ausufernde private Vervielfältigung erweisen sich unverändert als gefährliche Bremsen für eine positive Marktentwicklung.“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, gebremst positiv… Richtig schlimm steht es um ein ehemaliges Lieblingskind der Deutschen: die bespielte Kompaktkassette. Nur noch 2,3 Millionen Exemplare gingen über die Ladentheken. Sind Sie erstaunt? Ich bin es auch. Immerhin habe ich mir meine letzte Kassette, und das war auch noch eine leere, um 1997 gekauft.

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Doch nun werde ich mir ihre Vorzüge wieder verinnerlichen. Nicht so zerbrechlich wie eine CD. Nicht so flüchtig wie MP3, Ogg, AAC oder wie die ganzen Digitalformate heißen. Ich werde Kassette hören. Mir einen großen Walkman-Kasten kaufen. Einen, mit dem man in der U-Bahn auffällt. Damit werde ich einen Trend setzen und so noch der geschüttelten Musikindustrie helfen. Und bei künftigen Gehalts- und Honorarverhandlungen werde ich mich auf die deutschen Plattenbosse berufen: 36 Prozent plus? Nicht genug!

Die Phonowirtschaft bietet der Öffentlichkeit eine Übersicht über den Inlandsabsatz an Tonträgern. Dort hat sie die Downloadzahlen einfach unterschlagen. Sind ja auch nicht physisch, die Dateien, nur ein paar Nullen und Einsen im Cyberspace. Hätte man sie eingerechnet, das bejammerte Ergebnis sähe anders aus: Der Tonträgerabsatz wäre nicht von 66,4 Millionen im ersten Halbjahr 2005 auf 63,3 Millionen zurückgegangen, sondern um 2,2 Millionen gewachsen: von 74,4 auf 76,6 Millionen Tonträger.

Hört, hört!, möchte man der Industrie zurufen. Aber auf den Ohren ist sie ja leider ganz taub.

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Leser-Kommentare
  1. Die spinnt, die Industrie…

  2. wenn man sich -als eigentlich nur gelegenheitsautofahrer- ein auto leiht, um damit zu verreisen, und dann feststellt, dass kein cd-player drin steckt, kann man sich ganz herrlich auf zeitreise begeben!
    1. tapes zusammen suchen
    2. natürlich sind sie nicht beschriftet!
    3. rein in eine tüte
    4. fertig ist das überraschungspaket für eine als psychotrip erahnte fahrt, vor allem wenn die tapes bisweilen 15 Jahre alt sind und man bereits völlig verdrängte sachen drauf findet! 1500 kilometer in 15 Jahren, kein guter schnitt, aber ein heidenspaß!
    gruß aus KS

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