„Hallo! Erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name - oder wie ich von sogenannten Ärzten genannt werde - ist Anorexie nervosa, aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.“

Ja, Sie haben ganz richtig gelesen: Die Magersucht sucht Freunde. Im Internet, auf einer so genannten ProAna-Seite. Im Hintergrund flattern rosa Schmetterlinge. Als Engel verkleidete Models schauen aus großen verträumten Augen und blassblaue Federn und Blumen verbreiten eine mädchenhafte - man könnte meinen, eine geradezu unschuldige - Romantik. Unschuldig ist das Ganze allerdings nicht. Denn wer Anas Freundin sein will, muss sich auch ihre 10 Gebote auf die Fahne schreiben, und die haben es in sich. „Dünn sein ist wichtiger als gesund sein,“ heißt es da. Und „Du sollst nicht essen, ohne dich schuldig zu fühlen.“

Magersucht als Religion. Nicht nur die 10 Gebote, auch mit Psalmen und einem Glaubensbekenntnis wird hier für eine Krankheit geworben, die Essstörung verherrlicht: „Ich glaube, dass ich mein Seelenheil nur dadurch erlange, indem ich jeden Tag noch härter nach dieser Perfektion strebe. Ich glaube an Kalorientabellen und präge mir alle Werte genauestens ein. Ich glaube an meine Waage, als Messinstrument meines täglichen Erfolges und Misserfolges.“

Mittlerweile hat sich rund um ProAna eine große Glaubensgemeinschaft gebildet, deren Mitglieder sich einander durch Accessoires wie Armbänder oder Buttons auch im nicht-virtuellen Leben zu erkennen geben. Die Bänder sehen wie Modeschmuck aus, aber die Farben der Perlen haben eine bestimmte Bedeutung. Rot steht für Anorexie, Lila für „Mia“ (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) und Schwarz für Depressionen. Viele ProAna-Anhängerinnen tragen schwarze Perlen. Die depressive Grundstimmung drückt sich auf der Website nicht nur in melancholisch-märchenhaften Bildern, sondern auch in selbstverfassten düsteren Gedichten aus.

„Viele haben Essstörungen aufgrund anderer seelischer Erkrankungen entwickelt, um ihrem Leid Ausdruck zu verleihen," sagt die Studentin Sandra Keller. Viele „ProAnas“ seien oder waren in Therapie, oft auch wegen anderer Krankheiten wie sozialen Phobien, SVV oder ähnlichem. SVV - eine weitere Abkürzung im ProAna-Land - steht für selbstverletzendes Verhalten, für absichtlich zugefügte Wunden und Schnitte. Seelischer Schmerz aufgrund traumatischer Erlebnisse in der Kindheit wie sexuelle Misshandlungen oder der Verlust eines geliebten Menschen und Selbsthass scheinen die Hauptmotive zu sein, die junge Mädchen in den Strudel des Abnehmwahns ziehen.

Sandra Keller ist seit Jahren „voll und ganz Ana“. „Wenn ich mein Gewicht nicht kontrollieren kann, werde ich wahnsinnig. Ana ausleben, heißt wenigstens etwas in meinem Leben richtig zu machen, weil ich das Gefühl habe, sonst nichts zu leisten“, sagt sie. Sandra Keller gilt mit ihren 21 Jahren in der recht jungen ProAna-Szene schon als „Oldie“. Sie betont, sie wolle sich von der Pseudoreligiosität der Neulinge distanzieren. Trotzdem erinnern ihre Aussagen an Anas Glaubenbekenntnis: „Ich glaube an Kontrolle, die einzige wahre Kraft, die mächtig genug ist, um Ordnung in mein vom Chaos bestimmtes Leben zu bringen.“ Die Anhängerinnen der Szene sagen, dass ihnen die Regeln, die sich durch die Magersucht auferlegen, Kraft und Halt geben. „Ich will Ana nicht enttäuschen, weil es das Einzige ist, das ich habe“, schreibt die 13-jährige Internetuserin „Broken Doll“, die angibt, bei einer Körpergröße von 1,67 Metern 55 Kilo zu wiegen - und die das Ziel hat, die 40-Kilo-Marke zu erreichen.

Der ProAna-Kult entstand vor gut fünf Jahren in den USA und schwappte schließlich auch nach Europa. Nicht nur die modischen Accessoires, die Gedichte und die düsteren Riten der Bewegung wirken auf die Mädchen reizvoll. Auch „Magerstars“ wie Kate Moss, die Olsen-Zwillinge oder Keira Knightley werden verehrt und für ihre hervorstehenden Knochen bewundert. Die ProAnas benutzen sie als „Thinspiration“, also als Ansporn zum Weiterhungern. Schön sein, perfekt sein, engelhaft sein. Das alles in Verbindung mit einer bittersüßen Melancholie. Die Auswirkungen von Magersucht zeigen die Fotos jedoch nicht: Haarausfall, gelbliche Haut, tiefliegende Augen sowie entzündetes Zahnfleisch. Von der Schönheit der Models sind die kranken Mädchen weit entfernt.

Georg Ernst Jacoby, Chefarzt der Klinik am Korso – einem Fachzentrum für gestörtes Essverhalten – hält die ProAna-Seiten für sehr gefährlich, da sie nicht nur bereits anorektischen Mädchen eine Plattform zum gegenseitigen Abnehm-Anstacheln bieten, sondern auch Gesunde zur Magersucht verführen könnten. „Ähnlich wie Zigarettenwerbung sollte Werbung für so eine Krankheit verboten werden. Aber es wird schwer sein, das Internet zu kontrollieren.“ Auch der Versuch, über Psychologen in den Foren Kontakt zu den Mädchen aufzunehmen, erscheint ihm nicht sehr hilfreich. „Die sind teilweise schon so vernagelt, dass sie sich von niemandem etwas sagen lassen. Wo früher der Konsens herrschte, dass Magersucht eine gefährliche Krankheit sei, fällt jetzt durch diese Foren und durch Befürworter der Anorexie ein Teil dieses Konsenses weg.“

Offensichtlich wissen die meisten der Mädchen aus der Szene von ihrem Gesundheitszustand. „Dass das alles krank ist, weiß ich auch“, sagt Sandra Keller. Die meisten Benutzerinnen geben an, bereits eine Therapie hinter sich gebracht zu haben - ohne Erfolg. Doch statt weiter für ein gesundes Leben zu kämpfen, hat ein Großteil von ihnen die Hoffnung auf Genesung aufgegeben und scheint sich mit ihrem Schicksal abzufinden. „Ana to the End“ heißt es auch auf einem Forum. Ana bis zum bitteren Ende. Die ProAnas wissen, dass Magersucht eine lebensgefährliche Krankheit ist. Doch alles, was ihnen noch lebenswert erscheint, ist ihre Göttin Ana. „Bitte Ana, bring mich aus dieser Hölle fort. Raus aus dieser Welt, so schnell wie möglich. Bitte erlöse mich von meinem Hass, meinen Schmerzen, und erlaube mir, frei und leicht zu sein,“ schreibt die Leiterin eines Forums Ana und unterzeichnet mit „die Wertlose“.

„Ich will dir doch nur helfen. Ich kann alle unglücklichen Gedanken aus deinem Kopf löschen und stattdessen deine Gedanken mit Kalorierechnungen füllen. Du wirst nicht mehr ausgehen wollen, denn jetzt bin ich deine einzige Freundin, die Einzige, der du zu gefallen hast! Du gehörst nur mir, denn ohne mich bist du verloren.“ So endet Anas Brief. Die Gehirnwäsche mit ihrem Kitsch, ihren Stars, ihren Ritualen und ihrer Verherrlichung geht weiter. Tschüss, Ana. Auf Freunde wie dich kann man gut verzichten.

Selbsthilfe und Beratungsstellen:

magersucht-online.de

hungrig-online.de

bulimie-online.de

magersucht.de