STINE Der magische Button

Von der Seminaranmeldung bis zum Schein, die gesamte Organisation des Studiums - alles elektronisch? Kein ferner Traum, sondern bereits Realität an der FU Berlin und der Uni Hamburg

STINE-Logo: Alles elektronisch

Benjamin wälzt sich verschlafen in den Kissen: Wirtschaftsverwaltungsrecht - und das am Montagmorgen um acht! Aber heute hat Benjamin Glück: Die Vorlesung fällt aus. Das schreibt ihm Stine per SMS. Dank Stine kann Benjamin noch ein Weilchen dösen, anstatt unnötig zur Uni zu laufen. Seine persönliche Assistentin kennt seinen Stundenplan, seine Prüfungsordnung, seine Noten.

„Stine“ steht für das neue „Studien-Infonetz“ der Universität Hamburg und ist eines der ersten campusweiten Online-Organisationssysteme in Deutschland. Mit einer anderen Softwarelösung hat die FU Berlin bereits vor einem Jahr den Anfang unter den großen Hochschulen gemacht. Innerhalb von fünf bis sieben Jahren wird die große Mehrzahl der Universitäten mit ähnlichen Systemen arbeiten, schätzen Experten.

Die Benachrichtigung via SMS und E-Mail bei Raum- und Zeitänderungen ist lediglich ein nettes Gimmick - ein System wie Stine revolutioniert das studentische Leben weit umfassender. So sollen in Hamburg ab dem Sommersemester 2007 die Bewerbung um einen Studienplatz, Immatrikulation sowie Rückmeldung ausschließlich über Stine möglich sein. Bereits ab dem kommenden Wintersemester melden sich Studenten über das System zu ihren Veranstaltungen an.

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Zwar wickeln etliche Fachbereiche in ganz Deutschland schon länger ihre Seminaranmeldungen online ab, bislang aber meist nur in Insellösungen des jeweiligen Instituts und nicht eingebunden in ein System, das alle Fächer, Prüfungsämter, Bibliotheken und Verwaltungseinheiten vernetzt. Wenn ein Student sich künftig seinen Stundenplan bastelt, sucht Stine ihm die Veranstaltungen zusammen, die aktuell für ihn in Frage kommen. Denn Stine weiß, welche Kurse er bereits besucht hat und welche er noch absolvieren muss. Soll es eine Veranstaltung aus einem anderen Gebiet sein, öffnet ein Click auf den Humboldt-Button die Vorlesungsverzeichnisse aller Fächer.

Humboldt-Knopf, schön und gut, mögen manche jetzt einwenden. Ein System, das vorschreiben will, welchen Kurs man belegen soll, klingt nach Einschränkung der Wahlfreiheit. Schließlich konnte man bisher fast immer mit dem Prof reden, wenn man im Grundstudium bereits ein Hauptseminar besuchen wollte. Oder wenn man sich für ein Seminar nicht angemeldet hatte und in der dritten Semesterwoche doch dafür entschied. Das neue System lässt nicht so leicht mit sich verhandeln. Das aber liegt am System der neuen Studiengänge Bachelor und Master und nicht am Computersystem selbst.

„Stine kann nichts für Flexibilitätsbeschneidungen - die Software setzt lediglich die Bologna-Anforderungen um“, so Thorsten Hönisch vom Hamburger Asta. Er weist auf einen positiven Nebeneffekt hin, den die Umstellung auf das Campusnetz mit sich bringt: Bislang sei im Verwaltungsapparat der Universität oft nicht eindeutig geregelt gewesen, wer wofür zuständig ist - Studenten wurden hierhin und dorthin verwiesen und standen am Schluss ohne Ansprechpartner da. Ein einheitliches Verwaltungssystem für die gesamte Universität zwinge die Verantwortlichen, „Soll-Prozesse zu definieren.“ Im Klartext: Kompetenzen werden eindeutig zugewiesen.

Die campusweit vernetzte Datenverwaltung verspricht einigen Komfort. Vorbei die Tage, da verdutzte Erstsemester von Institutssekretärinnen gebeten wurden, im Fall eines Uniwechsels oder Studienabbruchs Bescheid zu sagen: „Das Studierendensekretariat informiert uns nicht über Exmatrikulationen, und wir führen Sie sonst jahrelang als Karteileiche weiter“, hieß es dann. Vorbei ist im Übrigen auch das lange Anstehen bei Geschäftszimmern und Dozenten für Scheine, Unterschriften und Stempel: Elektronische Studienbescheinigungen lösen das gute alte Studienbuch ab. Einsehen können das Online-Studienbuch allerdings nur das Prüfungsamt und der Student selbst - Dozenten haben keine Einsicht in die früheren Noten ihrer Prüflinge.

Wer nach wütenden Polemiken gegen den gläsernen Studenten sucht, wird auf der Homepage des Hamburger Asta nicht fündig. War die Einführung eines Studentenausweises mit Chip-Karte, der so genannten UniHamburgCard, vor sieben Jahren hier auf heftigen Protest gestoßen, sieht der Asta die viel umfangreichere zentrale Datenerfassung durch Stine heute gelassen. „Vielleicht sind die Zeiten auch anders geworden“, meint Asta-Referent Hönisch. „Durch Online-Banking und Einkaufen im Internet gibt es inzwischen ein allgemeines Grundvertrauen in elektronische Datenspeicherung.“

Was ist aber mit jenen, die nicht im Internet einkaufen oder online überweisen und auch an der Uni keine Lust auf pin- und tan-Nummern haben? „Wir gehen davon aus, dass die Studierenden keine Probleme haben werden, mit dem neuen System umzugehen“, sagt Holger Fischer, Vizepräsident der Universität Hamburg. „Der Umgang mit den neuen Medien ist ja heute eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben.“ Ein System, das alle unter einem Dach vereint, heißt notgedrungen auch, dass jeder mitmachen muss, ob er will oder nicht. Und so wird selbst der eine oder andere altgediente Professor noch eine neue Kulturtechnik erlernen, wenn er Noten in Onlineformulare tippt.

 
Leser-Kommentare
  1. Nach den langen Schlangen, die ich an manchen Unis in Deutschland gesehen habe, kann ich da nur sagen: endlich (oder vielleicht Äntligen!).

    Aber nur ein paar Zeilen weiter muß ich mich schon wieder tierisch ärgern:

    'Ein System, das vorschreiben will, welchen Kurs man belegen soll, klingt nach Einschränkung der Wahlfreiheit. Schließlich konnte man bisher fast immer mit dem Prof reden, wenn man im Grundstudium bereits ein Hauptseminar besuchen wollte. Oder wenn man sich für ein Seminar nicht angemeldet hatte und in der dritten Semesterwoche doch dafür entschied. Das neue System lässt nicht so leicht mit sich verhandeln. Das aber liegt am System der neuen Studiengänge Bachelor und Master und nicht am Computersystem selbst.

    “Stine kann nichts für Flexibilitätsbeschneidungen - die Software setzt lediglich die Bologna-Anforderungen um”, so Thorsten Hönisch vom Hamburger Asta.'

    Wo in den Bologna-Dokumenten steht bitte, das man unflexibel zu sein hat? Sowohl der AStA-Mensch als auch die Journalistin nehmen das jedenfalls ohne Nachfrage hin.

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