Für Williamsburg hatte Michele Witty große Hoffnungen. „So viele Künstler und Architekten wohnten hier“, sagt sie, „dass ich mir für die Zukunft schon einen Boom umweltfreundlicher Bauten und einfallsreicher Projekte vorstellen konnte.“
Die Konsumfreude der Amerikaner trieb lange die ganze Weltwirtschaft an: "99-Cent", eine Arbeit des Fotokünstlers Andreas Gursky aus dem Jahr 1999. BILD

Die Hoffnungen Wittys haben sich nicht erfüllt. Zur Boomtown ist der New Yorker Stadtteil Williamsburg zwar tatsächlich geworden. Doch der Aufschwung gehorchte rein kommerziellen Gesetzen. Vor 15 Jahren zog die ehemalige Crack- und Prostituiertenmeile gegenüber von Manhattan noch viele Künstler auf der Suche nach billigem Wohnraum an. Am vergangenen Wochenende musste man für ein 112-Quadratmeter-Loft 975.000 Dollar hinlegen. „Ich rede häufig mit Leuten, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können“, sagt Witty. „Sie werden regelrecht vertrieben.“

Man kann sich über ihre Enttäuschung wundern. Schließlich arbeitet Witty als Immobilienmaklerin in Williamsburg. Sie befürchtet aber, dass der Charme des Viertels verloren geht – und damit auch seine Anziehungskraft für zahlungskräftige Immobilienkäufer. „Die Gebäudeentwickler haben das kaputt gemacht“, schimpft sie, „hier ist blindlings investiert worden.“ Nach ihrer Schätzung kommen in Williamsburg in den kommenden Jahren 30.000 neue Wohnungen auf den Markt. „Williamsburg wird völlig überbaut, und die Wohnungen sehen alle gleich aus“, urteilt die Maklerin. „Kastenbauten, immer die gleichen Böden, Edelstahlarmaturen die gleichen Arbeitsplatten aus Granit in der Küche. In Williamsburg finden Sie jetzt mehr Granitplatten als auf dem Friedhof!“

Viele amerikanische Immobilienmakler haben ähnliche Sorgen. Der Immobilienboom der vergangenen fünf Jahre geht zu Ende. Die Immobilienfirma SalesTraq aus Las Vegas berichtet, dass Hauskäufer neuerdings Swimmingpools gratis dazubekommen. In Miami, Phoenix, Las Vegas und Sacramento, wo in den vergangenen Jahren besonders viele neue Wohnkomplexe in die Höhe gezogen wurden, ist von platzenden Verträgen die Rede, vom Verzicht auf Maklergebühren und von Verkaufsrückgängen - mal sind es 25, mal 57 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. BILD

„Spekulanten sind jetzt unter die Verkäufer gegangen, nervöse Käufer kündigen ihre Verträge für Gebäude, die schon längst im Bau sind“, sagt Robert Toll, Chef der Toll Brothers, eines der größten Wohnungsbauer der USA. „In New York finden gute Objekte immer noch einen Käufer“, urteilt Daniel Levy, ein Immobilienexperte bei CityRealty in Manhattan. „Doch wenn eine Wohnung gerade mal okay ist und vor einem Jahr noch binnen Tagen weggegangen wäre, steht sie jetzt wochen- oder monatelang auf der Liste.“

Als Ökonom kann man solche Nachrichten für eine gute Sache halten: Ein überhitzter Markt kühlt ab, er reguliert sich selbst. Viele Beobachter der amerikanischen Wirtschaft sehen das Ende des Immobilienbooms allerdings mit Sorge. Er kommt zur Unzeit: Die amerikanische Konjunktur verliert an Schwung, die Sorge vor Inflation geht um. Die Benzinpreise sind hoch, Kriegsnachrichten aus dem Nahen Osten verunsichern die Verbraucher. Die Angst vor dem Terror ist wieder aufgelebt, Fluggesellschaften und Tourismusunternehmen stellen sich bereits auf einen Einbruch ihrer Geschäfte ein. Könnte eine Flaute am Immobilienmarkt wie ein Schneeball eine Rezession in Amerika und dann im Rest der Welt auslösen?