Österreich Jugend im Verlies

Acht Jahre war ein entführtes Mädchen in einem Keller eingesperrt, bis sie sich als 18-Jährige befreien konnte und ihr Entführer sich umbrachte. Nun schaudert ganz Österreich über ein einzigartiges, rätselhaftes Verbrechen.

„Wir stehen erst am Anfang von 100.000 Fragen“, sagt Nikolaus Koch und weiß auf die meisten Fragen, die nun auf ihn einprasseln, keine Antwort. Nur so viel wusste der Wiener Polizeigeneral am Donnerstag mit Sicherheit zu sagen: Die junge Frau, die Beamte und Psychologen seiner Sonderkommission seit knapp 24 Stunden behutsam verhören, ist tatsächlich Natascha Kampusch, jene Vermisste, nach der Hunderte Polizisten seit acht Jahren vergeblich gesucht haben.

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle Österreichs, der da am Mittwochvormittag eine dramatische Wendung erhielt. In einer Einfamilienhaussiedlung in der niederösterreichischen Gemeinde Strasshof, 25 Kilometer nordöstlich von Wien, tauchte plötzlich eine verwirrte junge Frau in einem Vorgarten auf und erzählte der erstaunten Bewohnerin, ihr Name sei Natascha Kampusch und sie sei die vergangenen Jahre in einem Kellerverlies im nahen Haus Heinestraße 60 gefangen gehalten worden.

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Zunächst noch skeptisch begann die alarmierte Polizei, mühsam die Zusammenhänge der unglaublichen Geschichte zu entwirren. Erst als Beamte in dem angegebenen Kerkerversteck einen Pass mit dem Bild eines pausbäckigen brünetten Mädchens fanden, das einst in der Öffentlichkeit omnipräsent gewesen war, waren die Zweifel der Ermittler beseitigt. Als damals zehnjähriges Mädchen war Natascha Kampusch am 2. März 1998 auf dem Schulweg in einer Wiener Stadtrandsiedlung spurlos verschwunden. Klassenkolleginnen erzählten, sie hätten gesehen, wie Natascha in ihrem roten Anorak mit ihrer Schultasche in einen weißen Kleintransporter gezerrt worden sei. Der Fall löste schnell die bis dahin größte Polizeiaktion des Landes aus: Tausende Verhöre führten zu keinen Spuren, Hundestaffeln durchkämmten erfolglos das umliegende Ödland und Taucher suchten mehrere Schotterteiche ab, ohne etwas zu finden.

Plakate, Flugzettel und auch eine TV-Fahndung in Aktenzeichen XY brachten keinerlei zielführende Hinweise. Auch die getrennt lebenden Eltern des Mädchens gerieten in Verdacht. Ein geltungssüchtiger Privatdetektiv und ein Grünen-Politiker ermittelten auf eigene Faust und kündigten immer wieder Sensationen an. Vor zwei Jahren noch wurde ein großes Grundstück auf der Suche nach Natascha komplett umgebaggert.

Im Verlauf der Fahndung wurden insgesamt rund 1000 Besitzer von weißen Kastenwagen überprüft. Auch der Elektrotechniker Wolfgang Priklopil, Halter eines Mercedes-Transporters, geriet damals in das Visier der Beamten. Er konnte aber glaubhaft versichern, lediglich Bauschutt transportiert zu haben.

Doch genau unter der Garage des unscheinbaren Einfamilienhauses, das dieser Mann in der Heinestraße von Strasshof geerbt hat, befindet sich ein sechs mal drei Meter großes Kellerverlies, in dem Natascha Kampusch jahrelang gefangen gehalten wurde. Es ist mit einer schalldichten Tresortür gesichert. Ein Klappbett, Sanitäreinrichtung, eine kleine Bibliothek fand die Spurensicherung. Das ganze Areal war mit Alarmmeldern übersät. Sogar Sprengfallen vermutete die Polizei anfangs.

Leser-Kommentare
  1. Hoffentlich halten sich die Medien zurück und hoffentlich ist die Umgebung der jungen Frau stark genug, sie zu schützen und ihr auf dm Weg zurück in die Gesellschaft zu helfen.
    Meine größten Bedenken habe ich alledings bei dem Gedanken an die Sensationsgeilheit der Medienmacher!

    • tindi
    • 25.08.2006 um 12:08 Uhr

    Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein 10jähriges Mädchen mit dem Reisepaß zur Schule geht, oder wie kam sonst der Paß in das Verlies?
    Hoffentlich gewinnt das Mädchen schnell Vertrauen und Freunde!

  2. Meines Erachtens wäre die Entführung vielleicht nicht so lange, bis Natascha volljährig war, verlaufen. Und vielleicht hätte sie die Straßenseite am 2.3.98 doch noch vorher gewechselt, wenn sie sich zuhause bei ihre getrennt lebenden Mutter wohler und willkomener gefühlt hätte. Natascha hat sich gegenüber ihren beiden bereits erwachsenen Halbschwestern stets zurückgesetzt gefühlt und dies wiederholt ihrer Mutter mitgeteilt.Wieso nahm Natascha nicht früher etwaige Fluchtmöglichkeiten wahr. Sie habe ihren Peinger bei Einkäufen oder sogar diverse Urlaube begleitet, heisst es. Als die hysterischen Jubeläußerungen der Mutter über den Bildschirm liefen und diese konfuse Frau nicht aufhören konnte ein nichtsagendes emotionsloses Gequassel, wie "stolz sie auf ihre starke Tochter sei", von sich zu geben, beschlichen mich zunehmend Zweifel darüber, ob sie sich darüber wirklich freuen konnte, wie sie unaufhörlich beteuerte.

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