Entführungsfall Zurück hinter Mauern
In Österreich droht eine Medienschlacht um Natascha Kampusch. An den Menschen denkt dabei niemand
"Das Einzige, wovor die Presse mich verschonen soll, sind die ewigen Verleumdungen meiner selbst, die Fehlinterpretationen, die Besserwisserei und der mangelnde Respekt mir gegenüber.“ Harte, klare Worte fand Natascha Kampusch am Sonntag, als sie einem ihrer Psychiater einen Brief an die Öffentlichkeit diktierte. Nach achteinhalb Jahren beinahe größtmöglicher Einsamkeit will nun die ganze Welt mit ihr sprechen.
Das Interesse ist verständlich. Die Geschichte der damals zehnjährigen Wienerin, die auf dem Schulweg von einem Mann in seinen weißen Lieferwagen gezerrt und danach achteinhalb Jahre in einer Montagegrube in seiner Garage festgehalten worden war, klingt eher nach Hollywood als nach Wien. Nur: In Hollywood werden innerhalb von zwei Stunden alle Fragen beantwortet.
Im Fall Natascha Kampusch wurden sie schon beantwortet, bevor man überhaupt noch die richtigen Fragen kannte. Zu groß war das Vakuum, das sich in 3097 Tagen aufgebaut hatte. Dass Kampusch an dem „Stockholm-Syndrom“ leide, stand für eine Expertin bereits fest, als die Entflohene vermutlich gerade das erste Glas Wasser in einer Polizeistation gereicht bekam.
Danach las man abwechselnd, dass sie bei der Nachricht vom Tod ihres Entführers entweder unbeeindruckt reagiert habe oder aber in Tränen ausgebrochen sei. Sie habe ein Tagebuch geführt - das allerdings bis jetzt nicht gefunden wurde. Medien und Ermittler spekulierten nicht nur öffentlich über die Art der sexuellen Beziehung zwischen Opfer und Täter (ob es überhaupt eine gab, stand ebenso wenig zur Debatte wie die Frage, wie Kampusch es findet, wenn darüber in ihrer Abwesenheit diskutiert wird), Soko-Chef Nikolaus Koch würdigte sogar die Frage nach einer möglichen Schwangerschaft mit einer Antwort.
Vater und Mutter dürfen unter Tränen klagen, dass sie nicht zu ihrer Tochter gelassen werden, anstatt – bei aller verständlichen Sehnsucht – den Wunsch ihres Kindes zu respektieren, vorerst allein gelassen zu werden.
Menschen, die das Mädchen noch nie gesehen haben, fertigten komplette psychologische Analysen an, die nur mühsam mittels „könnte“, „wird vermutlich“, „hat wahrscheinlich“ zusammengehalten wurden.
Doch ob man mit der Wahl ihres Betreuerstabes nicht vielleicht den Bock zum Gärtner gemacht hat, könnte ebenso „vermutlich“ der Fall sein. Kampuschs Psychiater Max Friedrich gehört zu den medienaktivsten Experten Österreichs. Wenn in diesem Land etwas öffentlich zu psychologisieren ist, wird er gerufen. Und selbst als Kampuschs persönlicher Betreuer konnte er nicht an sich halten und plauderte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur APA offenherzig über die möglichen Folgen für ein Mädchen, das seine Pubertät in Isolation erlebt. Vielleicht meinte Kampusch auch das mit „Fehlinterpretationen, Besserwisserei und mangelndem Respekt“?
- Datum 28.08.2006 - 06:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Also wirklich liebe ZEIT,
den Zeigefinger heben und selber Mitmachen kann doch nicht zur Glaubwürdigkeit beitragen. Leider unterscheidet Ihr euch keinen Deut von vermeintlich niedereren Blättern wie bild, nur weil Ihr euch einen Anspruch andichtet, der euch anscheinend befähigt ganz anders über dieses Thema zu berichten.
Es scheint klar zu sein, dass dieser Fall für die Psychologen einer der interessantesten seit Kaspar Hauser sein dürfte. Und um den findet noch heute ein nicht vernachlässigbarer Medienrummel statt.
Öffentliches wie fachliches Interesse scheint mir bei einem solch spektakulären Fall legitim zu sein; es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass hinter diesem "Fall" noch ein lebendiger Mensch steckt... Da ist abzuwägen und im Zweifelsfall dem öffentlichen Interesse ein geringeres Gewicht (nach dem des Opfers) beizumessen.
Wenn Frau Kampusch von Fehlinterpretationen, Besserwisserei und mangelndem Respekt spricht, meint sie doch bestimmt nicht ihren, pardon, heuchlerischen Artikel, der so hübsch ausklingt mit dem Linkhinweis:
Wie kann Natatscha Kampusch ihre Gefangenschaft verarbeiten? Ein Gespräch mit dem Trauma-Experten Peter Riedesser
"Die Zeit" wäre besser beraten, die Ermittlungen der Polizei abzuwarten oder eigene, sorgfältige Recherchen zu betreiben.
Zu bizarr wirkt der Entführungsfall. Zu viele Fragen werfen die publikumswirksam unter das Volk gestreute Informationen auf. Auch der veröffentlichte Brief öffnet mehr Raum für Spekulationen als ihnen die Nahrung zu entziehen.
korfstroem
@Superlopez und andere: Es handelt sich hier, denke ich, um ein besonders schönes Beispiel dafür, dass bei der Zeit der Meinungspluralismus herrscht. Sie bietet jedem etwas. Den Moralisten unter uns (ich zähle mich dazu) den Artikel Siegrid Neudeckers, allen anderen die gleiche Geschichte in diversen anderen Verpackungen: mal sachlich-informativ, mal tiefenpsychologisch-wissenschaftlich und mal herzhaft melodramatisch angestrichen. Wer vieles bietet, wird eben manchem etwas bieten - von diesem Prinzip lebt nicht nur die Presse, sondern unsere ganze Gesellschaft. Soll doch jeder sich zu- oder einordnen, wo er mag. Hauptsache, er findet sich unter den Lesern der Zeit(ungen) wieder. Den Herausgebern kann es nur Recht sein, wenn die Redakteure keine Zensur ausüben, ist doch der Pluralismus gut fürs Geschäft. Die durch ihn entstehenden Widersprüche machen zusätzlich neugierig, denn sie bieten Ansatzpunkte für Debatten. Und das, denke ich, gefällt nicht nur Moralisten wie mir.
Ja, Kampusch sollte sich ein Haus mit ganz hohen Mauern suchen (notfalls auch suchen lassen). Und dann sollte sie sich einen Internetanschluss zulegen. Denn damit kann sie Öffentlichkeit dosieren. Ganz nach Bedarf und Belieben. So, finde ich, ist sie noch immer am besten zu ertragen, die öffentliche Meinung: wenn man einen Knopf hat, mit dem man sie abschalten kann.
Sigrid Neudecker trifft mit ihrer Analyse der Medienschlacht im Fall Kampusch den Nagel auf den Kopf. Allerdings sollte sie ihren eigenen Artikel auch in diese Analyse mit einbeziehen. "Vermutlich" und "es kann nicht ausgeschlossen werden" sind auch für sie notwendige Formulierungen, um trotz dürftiger Fakten dem Leser etwas "Ordentliches" präsentieren zu können. Gerade der Leser ist es ja, der bei der gewohnten Medienschelte - natürlich wiederum von Medienleuten - meistens vergessen wird. Wenn es nicht so viele Leser geben würde, die gierig auf jeden Unsinn warten, die keinerlei Respekt vor der Intimsphäre anderer haben, die sich die absurdesten Detail einer sexuellen Beziehung zwischen Opfer und Täter bereits selbst ausgedacht haben und nur noch auf eine Bestätigung durch die Zeitung warten - wenn es diese Leser nicht gäbe, dann gäbe es auch viel weniger Grund zur Medienschelte.
Toller Artikel, aber...
"Menschen, die das Mädchen noch nie gesehen haben, fertigten komplette psychologische Analysen an, die nur mühsam mittels könnte, wird vermutlich, hat wahrscheinlich zusammengehalten wurden."
Man beachte den an den Artikel anschließenden Verweis zum Experteninterview:
"Wie kann Natascha Kampusch ihre Gefangenschaft verarbeiten? Ein Gespräch mit dem Trauma-Experten Peter Riedesser"
'könnte'? 'wird vermutlich'? 'hat wahrscheinlich'?
"Vielleicht meinte Kampusch auch das mit Fehlinterpretationen, Besserwisserei und mangelndem Respekt?"
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren