Nahost "Die Hisbollah ernst nehmen"

Der Nahost-Experte Stephan Rosiny rät dazu, die radikalislamische Organisation an einer politischen Lösung im Libanon zu beteiligen, wenn sie ihre Waffen abgibt - womit er durchaus rechnet

ZEIT online: Hisbollah-Chef Nasrallah gibt sich reumütig. Die Entführung zweier israelischer Soldaten sei ein Fehler gewesen, ein Krieg nicht gewollt. Echte Einsicht oder nur ein taktisches Manöver?

Stephan Rosiny: Die Hisbollah hat den Krieg mit Israel in der Form nicht gewollt. Sie hat nicht damit gerechnet, dass Israel auf die Entführung der beiden Soldaten so heftig reagieren würde. Denn sie hat in der Vergangenheit schon Ähnliches unternommen, zuletzt im Oktober 2000, als sie drei israelische Soldaten auf den Schabaa-Farmen entführte. Dieses Territorium gehört nach libanesischer Lesart zum Libanon. 2004 konnte sie im Austausch für die bei dem Überfall seinerzeit vermutlich umgekommenen Soldaten die Freilassung Hunderter libanesischer Gefangener aushandeln, unter deutscher Vermittlung übrigens. Sie hatte gehofft, Ähnliches jetzt wiederholen zu können. Aber die Hisbollah hat sich verkalkuliert, weil sie diesmal auf israelischem Territorium agierte. Außerdem hatte sie vermutlich gehofft, dass die erst neu gewählte israelische Regierung noch nicht ausreichend gefestigt war, um einen Zweifrontenkrieg zu führen. Die erstmals rein aus Zivilisten bestehende israelische Regierung galt als schwach und militärisch unerfahren. Gerade deshalb aber reagierte sie so massiv, um ihr Abschreckungspotenzial zu beweisen.

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ZEIT online: Dennoch verwundern die Äußerungen von Nasrallah, weil die Hisbollah weithin als politische Siegerin des Krieges mit Israel angesehen wurde.

Rosiny: Die einzige ernsthafte innerlibanesische Kritik am Vorgehen der Hisbollah war bislang, dass sie den Krieg bewusst provoziert habe. Nasrallah stellt nun fest, dass dem nicht so war. Bereits in einem vorhergehenden Interview hatte er spekuliert, dass Israel nur einen Vorwand gesucht habe, um den Libanon anzugreifen und die Hisbollah und deren Raketen zu zerstören. Der Angriff sei ohnehin für September oder Oktober geplant gewesen. Insofern sieht er es als Erfolg, dass die Hisbollah die israelische Armee noch nicht ausreichend vorbereitet in den Krieg gezogen habe.

ZEIT online: Ist die Hisbollah im Libanon unter Druck, weil sie - trotz aller Erfolgs-Rhetorik - dem Land ja massiv geschadet hat?

Rosiny: Zu Beginn des Krieges gab es im Libanon diese Kritik. Je länger aber der Krieg dauerte, umso mehr wurde Israel als alleinig Schuldiger gesehen. Im Libanon findet seit Beginn des Jahres ein nationaler Dialog statt, in dessen Rahmen - mit aktiver Beteiligung der Hisbollah - bereits einige grundlegende Reformen angegangen wurden. Das größte ungelöste Problem blieb die Entwaffnung der Hisbollah. Auch ihr muss klar gewesen sein, dass sie über kurz oder lang die Waffen abgeben musste, weil sie sonst den innerlibanesischen Konsens gebrochen hätte, einen starken Nationalstaat zu bilden. Sie ist ja selber an der Regierung beteiligt. Ich vermute, dass sie deshalb die "Aktion Gefangenenbefreiung" noch schnell durchziehen wollte, um anschließend die Bereitschaft zu verkünden, ihre Waffen an die libanesische Armee abzugeben.

ZEIT online: Sie glauben also, dass die Ankündigung von Nasrallah ernst zu nehmen ist, dass sich die Hisbollah von der libanesischen Armee entwaffnen lässt?

Rosiny: Ich gehe davon aus. Vertreter der Partei hatten bereits vor diesem Krieg angedeutet, dass sie sich eine Integration in die libanesische Armee vorstellen könnten, wie dies nach dem Bürgerkrieg bereits mit den anderen Milizen geschehen war. Die Hisbollah hat zwei Standbeine: das eine ist ihre Miliz. Auf der anderen Seite hat sie aber in den vergangenen Jahren ihr soziales und politisches Engagement stark ausgeweitet. Diese Komponente wiegt für ihre Anhänger mittlerweile stärker als die militärische Option.

ZEIT online: Wird die Hisbollah auch ihre auf Israel gerichteten Raketen abgeben?

Rosiny: Sicherlich nicht sofort. Aber im Rahmen einer Verhandlungslösung könnte die Hisbollah auch darauf eingehen.

ZEIT online: Die Hisbollah wird also künftig überwiegend als politische Partei auftreten?

Rosiny: Das hängt nicht allein von den Verhältnissen im Libanon ab. Die Frage ist vor allem, ob Europa und die USA dies zulassen und ob sie die Hisbollah als politische Kraft akzeptieren. Bislang hat die EU deren Minister im Kabinett in Beirut boykottiert. Sie könnte etwa der Hisbollah das Angebot machen, sie als politische Kraft anzuerkennen, wenn sie sich im Gegenzug auf ihre zivilen Einrichtungen beschränkt.

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