Statistik Bürger zählen

20 Jahre nach dem großen Protest plant die Bundesregierung wieder eine Volkszählung. Denn die Daten sind veraltet. Anders als 1987 sollen aber nicht mehr alle Bürger befragt werden

Das deutsche Volk wird wieder gezählt. Was vor 19 Jahren noch große Aufregung und heftige Proteste auslöste, könnte diesmal ziemlich reibungslos über die Bühne gehen. Geplant ist die EU-weite Erhebung ohnehin erst 2010/2011, und sie wird völlig anders ablaufen als 1987.

Diesmal werden nicht mehr Hunderttausende Zähler an den Wohnungstüren klingeln. Die Statistiker bauen auf eine inzwischen praxiserprobte so genannte »registergestützte Zählung«.
Dieses neue Verfahren stützt sich - neben einer Stichprobe bei jedem zehnten Bürger - vor allem auf vorhandene Register bei den Meldebehörden und der Bundesagentur für Arbeit, die abgeglichen werden. Dies bietet Gegnern weniger Angriffsflächen. Nur noch die 17,5 Millionen Immobilienbesitzer sollen schriftlich befragt werden. Weitere Vorteile des neuen Verfahrens: Es kostet mit etwa 450 Millionen Euro rund eine Milliarde Euro weniger als eine traditionelle Volkszählung, und es belastet die Bürger und Verwaltungen weniger.

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Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) begründete die geplante Erhebung damit, dass die seit 1987 fortgeschriebenen Daten veraltet seien. Ungenaue und unzuverlässige Daten könnten jedoch zu kostspieligen Fehlplanungen und Fehlentscheidungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft führen. Als Beispiele nannte er die künftigen Rentenlasten und den Bedarf an Kindergärten, Schulen, Kliniken und Altenheimen.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar signalisierte Zustimmung. Aus Sicht des Datenschutzes sei gegen das registergestützte Verfahren grundsätzlich nichts einzuwenden. Er werde aber darauf achten, dass nur notwendige und gesetzlich erlaubte Daten erhoben und diese nicht an die Verwaltung weitergegeben würden.

Der Proteststurm gegen die Volkszählung 1987 hatte bislang verhindert, dass eine Regierung seitdem einen neuen Anlauf wagte. Aber nicht nur Johann Hahlen, als Präsident des Statistischen Bundesamtes der oberste Zahlenverarbeiter der Republik, drängt schon lange auf eine neue Erhebung. Seit der Zählung 1987 im Westen und einer Erhebung 1983 in der DDR seien die Veränderungen gravierend. Die Daten sind mittlerweile immer unschärfer geworden und taugen immer weniger als Grundlage für wichtige staatliche Planungen. Das fängt schon mit der einfachen Frage an: Wie viele Menschen leben in Deutschland?

Nach der fortgeschriebenen Statistik sollen es am 31. Dezember 2005 knapp 82,44 Millionen gewesen sein. Die Experten des Statischen Bundesamtes schätzen aber, dass es in Wirklichkeit 1,3 Millionen weniger sind. Schon die Volkszählung 1987 brachte das überraschende Ergebnis, dass in Westdeutschland eine Million Menschen weniger lebten als angenommen. Ein simpler Grund: Viele ziehen weg, ohne sich abzumelden. Nach der Wiedervereinigung kam jetzt noch eine erhebliche Ost-West-Wanderung hinzu, von der Statistik nur unzureichend erfasst.

Leser-Kommentare
    • Numen
    • 30.08.2006 um 7:34 Uhr

    Weil man schon mit minimalen Kenntnissen in Statistik und Soziologie bemerkt, dass man damit Daten sammelt, deren Relevanz unbekannt ist - oder, grob gesagt: Weil man damit nichts anfangen koennte.

    Der Fehler liegt in der rasch getroffenen Behauptung: "Denn schließlich offenbart jeder", genauer in dem letzten hier zitierten Wort: "jeder".
    "Gewinnspielen, TV, Handy, SMS oder per Internet, Payback oder Kreditkarten" sind trotz der Laenge der Liste keineswegs etwas, was alle Bevoelkerungsschichten gleichermassen betraefe; und unter den Menschen, die sich dafuer begeistern, hat manch einer *mehr* als eine Identitaet fuer sie. Man bekaeme also fuer manche Personen einen Datensatz, fuer einige wenige zwei Datensaetze – und fuer eine ziemliche Menge an Personen gar keinen. Das taugt also schlicht nicht fuer eine "Volkszaehlung".

    Ich nehme an, Sie wissen das an sich auch und wollen mit Ihrem Beitrag vor allem sagen, dass die Menschen mit der freiwilligen Preisgabe ihrer Daten vorsichtiger sein sollten. Ich stimme Ihnen in dem Punkt zu, nur zweifle ich daran, ob diese Aufforderung noch von Realismus zeugt. Man kann in dieser Gesellschaft gar nicht mehr anders, als an bestimmten Stellen bestimmte Daten anzugeben - jedenfalls wenn man nicht zum totalverweigernden Einsiedler werden will. Man steht eventuell im Telefonbuch seiner Gemeinde, der Name taucht in Papieren des Arbeitgebers auf, man wird mal in irgendeiner Art von Veroeffentlichung erwaehnt - all das ist schlicht unvermeidlich. Sicher, sobald das Internet ins Spiel kommt, wird das Datensammeln leichter; aber letzten Endes kann man auch ohne eigene Aktivitaet im Internet und mit zweifelhaften Zahlungsmethoden schon lange nicht mehr vermeiden, eine "Datenspur" zu hinterlassen.

    Man kann sich auch in den Datenschutz verrennen und darueber vergessen, dass bestimmte Dinge einen enormen Zuwachs an Lebensqualitaet bedeuten koennen - etwa das Mobiltelefon fuer Leute, die oft Absprachen treffen und eventuell kurzfristig korrigieren muessen, oder die E-Mail fuer eine schnelle, aber zeitlich flexible Kommunikation. Ein kritischer Buerger zeichnet sich nicht unbedingt dadurch aus, dass er all dies pauschal verteufelt.

    Das soll jetzt kein Aufruf zur Unvernunft sein. Ich frage mich schon, was Leute bewegt, ihre Lebensgeschichte in Blogs oder auf Myspace zu veroeffentlichen - das ist mE doch eher unvernuenftig. Aber vielleicht bewerte ich dabei den Spielcharakter dieser Dinge nicht hoch genug - welches Spiel (ausser Schach) ist schon vernuenftig? Und welches Spiel waere nicht in irgendeiner Form "verschwenderisch" – und sei es "Zeitverschwendung"? Nur: Ein solches Leben ist auf seine Weise reicher als das auf absolute Effizienz (oder Vorsicht, oder was auch immer) getrimmte.

    Also: Vorsicht ja, aber auch sie mit Augenmass.

  1. Eine Volkszählung bringt nur etwas, wenn wirklich alle daran teilnehmen. Das wird aber gar nicht passieren, der Staat hat gar nicht die rechtlichen Mittel, die Leute dazu zu zwingen.

    Seit 30 Jahren heißt es in den Medien z.B., es gäbe um die zehn Prozent Ausländer in Deutschland - seltsam: gleichzeitig wurde berichtet, dass jedes Jahr Immigranten in der Größenordnung einer deutschen Großstadt ins Land dazukommen - die zehn Prozent blieben aber immer stehen.
    Von den nicht gemeldeten Menschen mal abgesehen - aber die würde man auch mit der Volkszählung nicht erfassen.
    Solche Widersprüche gibt es überall in dieser Gesellschaft - es wird bewusst die Wahrheit „abgeflacht", konform gemacht.

    Es wird also kontinuierlich gemogelt - warum sollte das mit der Volkszählung anders sein? An die Parallelgesellschaften kommt man dabei ohnehin nicht ran, denn welche „Volkszähler" (wahrscheinlich abkommandierte Harz IV Empfänger) werden sich schon in entsprechende Berliner Hinterhöfe oder Moscheezentren trauen?

    Es ist Augenwischerei, mal wieder ein hoffnungsloser Versuch dieses wasserköpfigen Staates.

  2. Denn schließlich offenbart jeder bei Teilnahme an Gewinnspielen, TV, Handy, SMS oder per Internet, Payback oder Kreditkarten hundert Mal mehr über sich, als damals gefragt war. Warum also Umfrage?

    Verknüpft mit Gewinnspielen oder einer Gewinnspielshow moderiert von Günther Jauch, können wir uns doch jetzt völlig selbstverständlich Big Brother unterwerfen. Heissa, all das über Bord werfen, was uns einmal Lehrer auf dem Weg zum kritischen Bürger beigebracht haben.

    Die Technik gibt es zwar erst seit kurzem, die Kritik an diesem Herrschaftswissen schon seit Jahrtausenden.

    Boykottiert lieber Payback und Happy Digits. Und denkt über die Volkszählung nach, ob sie diesmal hilfreich sein kann. Legt ihr auf jeden Fall Fesseln an. Damit die Daten nicht an die Boykottierten verkauft werden, damit die Gewinne aus der Volkszählungsshow mit Günther Jauch finanziert werden können.

    2-3-4
    Christian Steinmetz

  3. 1987 wagte noch keiner an Schutzhaft für angebliche Staatsfeinde zu denken, es saß nicht in jeder Moschee ein Spitzel, und und die Deutschen waren noch durch die Besatzngsmächte an der Leine. Beim heutigen Trend zu einer modernisierten Form des Faschismus durch die Verschiebung von einer Verfassungsdemokratie hin zu einer extremistischen und auch nach innen und aussen gewaltbereiten libertären Despotie des Kapitals unter Missbrauch von Demokratie hat natürlich eine Volkszählung eine grössere Brisanz als 1987. Auch eine durchgängige staatliche Bespitzelung der vom Recht auf Arbeit ausgegrenzten bis hin in den Intimbereich war 1987 noch nicht denkbar. Deshalb ist ein Vergleich mit 1987 nicht angebracht, eher einer mit den Volkszählungen von 1933 und 1939.

    • eik
    • 31.08.2006 um 18:55 Uhr

    Das Problem liegt wohl eher darin, einmal zu definiern, wer überhaupt ein Deutscher ist und gezählt werden darf! Jemand der einen deutchen Pass hat?, jemand der in Deutschland geboren ist?, jemand der neben dem deutschen Pass noch einen oder vielleicht auch zwei andere Pässe hat, denn man weiß ja nie wofür das gut ist! Zumindest jedoch ergibt das auf jeden Fall wieder eine gute Statistik, die das Weltbild wieder gerade rückt und den Zeitgeist bedient!

  4. dann kann man es auch sein lassen.

    unsere politische klasse mit ihren bürokratischen dienern ist eben seit 30 jahren 3.klassig.

    mit 10% 100% extrapolieren, das heisst die Ergebnisse sind nach 5 jahren nicht mehr zu gebrauchen.

    die frage ob es 30 millionen oder 30,2 millionen wohnungen gibt entscheidet über 200.000 neubauten oder abrisse.

    dekadenz hat einen namen: deutsche Politik

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