Berlin Liebling Wowi

Die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus sind erst in drei Wochen, aber der Sieger steht faktisch schon fest. Damit es nicht so langweilig wird, fasst Klaus Wowereit deshalb höhere Ambitionen ins Auge.

Für Politiker, die hoch hinaus wollen, gibt es ein paar ungeschriebene, aber doch klare Regeln. Eine davon lautet: Erst müssen die Wahlen gewonnen werden, dann kann der Wahlsieger neue machtpolitische Ansprüche formulieren und weitergehende Karrierepläne sondieren. Eigentlich. Denn für Klaus Wowereit scheint diese Regel nicht zu gelten.

Obwohl der seine rot-rote Mehrheit am 17. September erst noch verteidigen muss, lässt der Regierende Bürgermeister keine Gelegenheit aus, den Berlinern das Gefühl zu geben, dass ihm die Hauptstadt politisch zu klein geworden ist. Zwar betont Wowereit unermüdlich, er sei „nicht auf Jobsuche“, es entspreche seiner „Lebensplanung“, an der Spitze des Senats zu bleiben. Aber dann kokettiert er doch damit, er wolle sich zukünftig „bundespolitisch stärker artikulieren“, und der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller sekundiert, Klaus Wowereit eigne sich „für jede bundespolitische Aufgabe“. Und wenn Michael Müller jede sagt, dann meint er auch jede, und das bedeutet: auch für den Parteivorsitz oder die Kanzlerkandidatur 2009.

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Der Wahlkampf in Berlin hat noch gar nicht richtig begonnen, da strotzt Klaus Wowereit bereits vor Selbstbewusstsein und Siegeszuversicht. Und er hat auch Grund dazu: Die Umfragen sind gut, zwei Drittel aller Berliner wollen, dass er Regierender Bürgermeister bleibt, und er genießt dies. Da sitzt er nun in der SPD-Wahlkampfzentrale, lehnt sich zufrieden in seinem Stuhl zurück, lacht sein Mir-kann-keiner-was-Lächeln und antwortet auf einer improvisierten Pressekonferenz geduldig auf jede Journalistenfrage. Dabei braucht er gar nicht viel zu sagen, die entscheidende Botschaft liegt an diesem Tage in Form einer aktuellen Ausgabe der Bild -Zeitung im Regal hinter ihm. „Liebling Wowereit“ steht in großen Lettern Pink auf Weiß und die Frage „Was macht Wowi so beliebt?“. 

Gute Frage, und die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Vor fünf Jahren hatte sich Klaus Wowereit, ein bis dahin außerhalb der Stadt kaum bekannter ehemaliger Tempelhofer Bezirkspolitiker, schließlich auf ein verwegenes politisches Abenteuer eingelassen: Er beendete die Große Koalition und bildete eine Koalition mit der PDS, die heute Linkspartei heißt. Zudem hat er sich als erster deutscher Spitzenpolitiker als schwul geoutet. Beides brachte ihm zwar Schlagzeilen, aber wenig Vorschusslorbeeren.

Geschert hat es ihn wenig, so wenig wie der Unmut über seine Politik, mit der er sich daran machte, die nach Jahrzehnten der Teilung und großkoalitionärer Stillstandspolitik heruntergewirtschaftete Hauptstadt und vor allem deren Haushalt zu sanieren.  Zusammen mit der Linkspartei erhöhte er die Kita-Gebühren, er schaffte die Lernmittelfreiheit ab, er kürzte die Löhne im öffentlichen Dienst und strich die Milliarden-Subventionen für die lokale Wohnungswirtschaft. Jedes Mal ging ein Proteststurm durch die Stadt, es gab Zeiten, in denen fast täglich Demonstranten das Rote Rathaus belagerten. Aber der Bürgermeister blieb stets hart. „Sparen bis es quietscht“, so hat Klaus Wowereit dies auf die ihm eigne Art genannt.

Erste Erfolge sind mittlerweile erkennbar. Die Stadt lebt nicht mehr über ihre Verhältnisse, dennoch sind die finanziellen Altlasten riesig, ohne Bundeshilfen führt für Berlin kein Weg aus der Schuldenfalle. "Der Mentalitätswechsel ist da“, verkündet Wowereit, aber er weiß auch, dass viele Probleme der Stadt noch nicht gelöst sind: Es fehlen Hunderttausende  Arbeitsplätze; die Integration der vielen Immigranten stellt die 3,5-Millionen-Metropole vor große Herausforderungen; und ob der neue Berliner Großflughafen nach den vielen Pannen der vergangenen 15 Jahre tatsächlich 2011 öffnet, muss sich erst noch zeigen. Am 5. September sollen mit dem ersten Spatenstich die Bauarbeiten beginnen, aber mehr als Wahlkampfgag ist das nicht.

Leser-Kommentare
    • KRL
    • 29.08.2006 um 10:34 Uhr
    1. \N

    Nicht nur, dass Klaus Wowereit ein außerordentlich sympathischer und meiner Meinung nach fähiger Politiker ist, Friedbert Pflüger ist auch noch außerordentlich unsympathisch und erschreckend unfähig, so wie er sich bis jetzt präsentiert hat. Ist also kein Wunder, dass Wowi vorn liegt, sind Bürgermeisterwahlen doch in der Regel eher Sympathiewahlen als politische Entscheidungen. Aber trotzdem: liebe Berliner, geht wählen. Sonst passiert uns noch ein Pflüger, und das wäre eine Katastrophe.

    Klaus Wowereit als Kanzler, das wär mal was. Also, erst Frau, dann ein Schwuler - Deutschland wird Land der Gleichberechtigung und würde, mit jemandem wie Wowereit an der Spitze, abseits aller Demografie gleich 10 Jahre jünger wirken. Ich bin dafür :)

  1. Die bisherigen Kommentatoren scheinen es erfasst zu haben:
    klingt cool und rosarot, klingt uncool und grau. Auf solcher Basis schreitet man heute zur Wahlurne. Oder vielleicht schon immer?

  2. "Wowi" ist kult, BOOOAAH ! Und das ist auch gut so. Und "Jauchi" wird Außenminister. Und der "Joschka", der "Gerd", der "Harry", der "Münte", die "Angie" und all die anderen guten Freunde, die einen Kosenamen tragen und hinter Glas im Wohnzimmer lauern. Nennt man sowas eigentlich "Teletubbysierung"? Falls nicht, so beanspruche ich das Copyright!
    Irgendwie verweist die Kosementalität auf Beschreibungen des Fernsehkonsum in Ray Bradbury's "Fahrenheit"-Roman. Wurde von Truffaut verfilmt.

    • Mithor
    • 28.08.2006 um 21:19 Uhr
    4. ?

    Zum Untertitel: Da die Wahl erst in 3 Wochen stattfindet, mag der Sieger zwar "praktisch" feststehen - "faktisch" jedoch sicher nicht.

    Pardon, aber das musste jetzt sein;) - falls ich wider der Gewohnheit falsch liegen sollte bitte ich darauf hingewiesen zu werden.

    • bierus
    • 29.08.2006 um 11:13 Uhr
    5. Nun ja

    Jedes Bundesland hat die Regierung die es verdient. Dies gilt auch für Berlin.

  3. Endlich mal jemand, der nicht knöchern wirkt, dem man Lebenslust und Lebensnähe glaubt, der mutig ist ("Ich bin schwul; und das ist gut so."), der Politik sinnvoll gestaltet (Berlin konsolidiert wirtschaftlich), der Tabus gebrochen hat (Rot-Rot statt Rot-Schwarz in Berlin), der witzig und schlagfertig ist.

    Aus meiner Sicht ist Wowi ein Knock-out für Angela Merkel. Wowi klingt cool; Angie klingt überhaupt nicht cool. Wowi könnte glaubhaft neue Gesellschafts- und Familienpolitik umsetzen, könnte auch bundespoltische Tabus brechen (Rot-Rot-Gelb, Rot-Gelb-Grün, Rot-Rot-Grün). Wäre doch was, ein schwuler Kanzler, ein schwuler Außenminister und dann zum Staatsbesuch nach Polen oder in die USA: "Tach auch Herr Bush...". Dagegen wirkt eine Frau als Kanzlerin geradezu grau in grau und wird auch noch zum Grapsch-Opfer von Bush the Groper.

    Seien wir mal gespannt.

  4. Ein hochqualifizierter Mann. Sollte unbedingt Politiker werden!

  5. Natürlich, Wowi ist einfach genial! Wer gleichzeitig "trotz" hervorragender Kenntnis seines Metiers so wortgewaltig und von sympathischem Auftritt ist, macht es seinem Gegner nicht leicht. Da ist es verständlich, dass die kopflos wirkende Berliner CDU-Truppe sich geschlossen hinter einem farblosen Pflüger schart und auch schon mal unter der Gürtellinie schlägt, nur um überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen. Dennoch: Keiner sollte sich so sicher fühlen, wie es der Autor in seiner Überschrift glauben machen möchte. Wowereit trägt derartige Überheblichkeit auch nicht mit sich. Ein bekannter Effekt ist aber, dass gerade diejenige Partei am meisten Wahlstimmen einbüßt, deren Wähler sich zu sicher sind und deshalb die Wahl sausen lassen. Also: Wählen gehen!

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