I. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 war ein gewaltiger Schock, dem eine Reihe kleinerer Schocks nachfolgten, auch in Europa. Wie man solche Ereignisse bewältigt, dafür gibt es diesseits und jenseits des Atlantiks unterschiedliche Wege.

Die Antwort eines nach zwei Weltkriegen eher konfliktscheuen und selbstkritischen Europas besteht tendenziell darin, die Schuld vielleicht nicht gänzlich, aber doch teilweise bei sich selbst zu suchen. Der Terrorangriff wird zu einer Art von Sanktion für eigenes Fehlverhalten, für eine falsche Politik des Westens - insbesondere Amerikas. Der Terrorist ist ein Opfer dieses Fehlverhaltens, nun hat er zurückgeschlagen, hat “Widerstand geleistet”. Höchste Zeit also, das eigene Verhalten zu verändern - mehr Verständnis für den “Anderen” und seine Andersartigkeit entwickeln, bescheidener zu werden, Zurückhaltung zu üben. Wenn Terrorismus im Kern nichts anderes ist als eine Reaktion, dann liegt das Problem in der Aktion.

Die amerikanische Antwort ist eine grundlegend andere. Der Terror gilt als kriegerischer Angriff eines bösartigen Feindes, der die Zerstörung der liberalen Ordnung zum Ziel hat. Ein Feind, der zu bekämpfen ist, auf unterschiedlichen Terrains. Zum einen durch die physische Tötung der Terroristen - im war on terror . Zum zweiten, indem man ihm das Leben schwer macht: indem man ihm Rückzugsorte, “sichere Häfen” wie Afghanistan nimmt, indem man staatliche Sponsoren von Terrorismus auf eine Negativliste der outlaws setzt - “Achse des Bösen” - und ihnen mit Vergeltung droht.

Die dritte und umstrittenste Antwort der Bush-Administration auf den Terror ist freilich eine indirekte gewesen. Sie ging von einer komplexen Analyse der Terrorursachen aus, die sich an die Analysen und Vorschläge von Bernard Lewis, des amerikanischen Doyen der Islamwissenschaft, anschloss. Während die Europäer dazu tendieren, die Ursachen, die root causes für den Terror in der Erniedrigung stolzer Moslems oder in einer mit der amerikanischen Globalisierung einhergehenden Verelendung zu sehen, plädierten die Neocons, aber auch linksliberale liberal hawks in den USA mit Lewis dafür, den islamistischen Terrorismus als eine Antwort auf die Verhältnisse in der arabischen Welt zu deuten: auf das Fehlen von politischer Freiheit und Marktchancen, auf das Fortbestehen von Autokratie und Despotie.

Unterschiedlicher könnten die Antworten auf die Frage “Warum hassen sie uns?” also kaum sein. Überspitzt gesagt: Für die Europäer liegt das Problem im mehr oder weniger gewaltsamen Eindringen westlicher Lebensformen in die arabisch-muslimische Welt, für die Amerikaner liegt das Problem - ganz im Gegenteil - in der unzureichenden Durchdringung der arabisch-muslimischen Welt mit liberalen Werten und Lebensformen.

Die Bush-Administration, die vor dem 11. September mehr als skeptisch gegenüber einer interventionistischen Außenpolitik gewesen war, übernahm nach den Anschlägen jedenfalls die Deutung, dass der Terror seine Ursache im Fehlen von Freiheiten in der arabischen Welt habe. Und sie setzte dazu an, ihre überwältigende Macht zu nutzen, um die arabische Welt umzugestalten. Nicht nur Präsident George W. Bush, auch ideologieferne Nationalisten wie Vizepräsident Dick Cheney und in der Kissinger-Tradition groß gewordene außenpolitische “Realisten” wie Condoleezza Rice wandelten sich unter dem Schock des 11. September zu Befürwortern eines grundlegenden Kurswechsels der amerikanischen Außenpolitik. Die Neocons hatten eine plausible Analyse geliefert, auf die sich das Weiße Haus in seiner Reaktion auf den 11. September stützte.

Eine demokratische Umwälzung in der arabischen Welt würde, so die zugrunde liegende Hoffnung, die Hauptbeschwerde der “arabischen Straße” gegen Amerika lindern - dass nämlich Washington die korrupten autokratischen Herrscher stützt, die den Reichtum ihrer Länder monopolisieren und sich nur mit brutaler Gewalt an der Macht halten. Und sie würde einen liberalen Islam stärken, der sich zum besten Bündnispartner Amerikas im Kampf gegen den Terror entwickeln könnte - indem er den Terroristen verwehrt, wie Fische im Wasser zu schwimmen. Eine Liberalisierung der arabischen Welt sei mithin das beste Gegengift gegen Islamismus und islamistischen Terrorismus. Der Irak-Krieg, der eine Reihe von Motiven hatte, bot dann die Gelegenheit, mit einem big bang das neue Zeitalter der demokratischen Umgestaltung einzuläuten.

II. Fünf Jahre nach dem 11. September hat sich Ernüchterung breitgemacht. An die “Vorwärtsstrategie der Freiheit” (George W. Bush) glaubt auch in Washington kaum noch jemand. Mittlerweile desertieren sogar einst stramme Neokonservative. Francis Fukuyamas spektakuläre Absage an das Unternehmen Irak hat das Ende der Neocons als prägende Kraft amerikanischer Außenpolitik besiegelt; der Rest ist Nachlassverwaltung. Der Hauptgrund für diese Niederlage: Amerikas außenpolitischer Aktivismus der letzten Jahre hat dem Land nur wenige vorzeigbare Erfolge eingebracht. Kein amerikanischer Präsident aber kann längerfristig an einem Kurs festhalten, der nach Misserfolg aussieht.

Immerhin, die USA sind von weiteren Terrorangriffen verschont geblieben. Ob das damit zusammenhängt, dass al-Qaida geschwächt ist, bleibt freilich unklar. Weiter auf der Haben-Seite: Afghanistan ist kein sicherer Rückzugsort für Terroristen mehr. Irak hat eine Verfassung, die Iraker haben gewählt, und Saddam Hussein steht vor Gericht. Libyen hat den Massenvernichtungswaffen abgeschworen. Syrien ist aus dem Libanon abgezogen.

Amerika hat jedoch einen hohen Preis für den Kurswechsel gezahlt. Da wäre erstens der allgemeine weltweite Ansehensverlust, wie er in zahllosen Umfragen dokumentiert wird. Zweitens die Spaltung des Westens - der transatlantische Konflikt über den Irak-Krieg und über die Umgestaltung der arabischen Welt, der die Effizienz beider Unternehmungen erheblich schwächte. Auch wenn diese Spaltung wieder überwunden ist und sich im Umgang mit dem Iran und dem Nahostkonflikt eine neue Einigkeit angebahnt hat - die Bruchlinie besteht nach wie vor.