9/11 Die neue HerausforderungSeite 3/3
Das alles wiederum wird sehr genau von den erklärten Feinden des Westens bemerkt, die derzeit Oberwasser haben. Teheran weigert sich, das Atomprogramm aufzugeben, weil es sich in einer Position der Stärke sieht - wieso sollte es diese Position aufgeben? Auch die Hisbollah wähnt sich auf der Siegerstraße, zumal angesichts des jüngsten Propagandaerfolgs. Syriens Machthaber Assad seinerseits sieht ebenfalls keine Notwendigkeit, gegenüber dem Westen einzulenken; das Bündnis mit Teheran scheint ihm vielversprechender als vage Angebote des Westens. Zugleich gehen die Nadelstiche des islamistischen Terrorismus weiter, auch in Europa. In Afghanistan verstärken derweil die Taliban-Kämpfer den Druck. Zumindest im islamistischen Narrativ werden immer mehr Siege verzeichnet. Hat der Westen also verloren?
Betrachtet man die einzelnen Probleme und Konflikte, dann zeigt sich ein durchaus gemischtes Bild. Die Taliban sind zwar nicht besiegt, die Warlords nicht entmachtet, aber dem Land geht es trotz allem besser als vor fünf Jahren. Das iranische Atomprogramm ist nicht gestoppt, aber es gibt eine große, nicht zu unterschätzende internationale Koalition dagegen. Irak ist alles andere als ein Modell, aber die Baath-Diktatur ist beseitigt und das Land keine Gefahr mehr für seine Nachbarn; im Norden haben die Kurden einen florierenden demokratischen Staat aufgebaut. Die Hisbollah ist nicht entwaffnet, aber die Grenze zu Israel steht jetzt im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit und wird von zumindest aufgestockten internationalen Truppen überwacht werden. al-Qaida hat den Anti-Terror-Kampf zwar überlebt, scheint aber doch in Teilen geschwächt. Die arabische Welt ist nicht demokratisiert, aber Demokratie ist mittlerweile ein wichtiges Thema im innerarabischen Diskurs. Je nach Perspektive ist das Glas halb leer oder halb voll; insgesamt kann sich weder der radikale Islam noch der liberale Westen als Sieger betrachten. Beide Seiten haben ihre Waffen, ihre Instrumente und ihre Argumente, und beide Seiten setzen sie ein, um die Dinge in ihrem Sinn zu beeinflussen. Die Auseinandersetzung geht weiter.
IV. Was deutlicher geworden ist in den Jahren seit dem 11. September, sind die Konturen des Konflikts zwischen dem Westen und dem radikalen Islam. Im Kern geht es dabei um Identitäten (oder Identitätskonstruktionen) und politisch-gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen. Der radikale Islam sieht sich in einem Abwehrkampf gegen liberale Werte und Lebensweisen - im Widerstand. Die politische und ökonomische Ordnung, die von Europa und Amerika aus ihren weltweiten Siegeszug unternommen hat, wird in ihrer Substanz als Bedrohung einer alternativen fundamentalistisch-islamischen Identität und Gesellschaftsordnung angesehen. Im islamistischen Narrativ ist der Kampf gegen den Westen ein Kampf gegen den Versuch, den Islam und die als islamisch angesehene Lebensweise zu zerstören. Ein Kampf, der auf zwei Feldern geführt wird: Zu Hause gegen die Verräter, die sich vom Westen, seiner Lebensweise und seinen Werten haben korrumpieren lassen, und im Westen selbst, mit dem Ziel, die Kampfkraft des Gegners durch Unterminierung seines Kampfeswillens zu schwächen. Ziel der ersten Runde ist es, in islamistischer Perspektive, alles Westliche oder als westlich Angesehene aus der Region zu vertreiben.
Mit welchen Mitteln und welchen Strategien der Westen auf diese Herausforderung antworten will und kann, ist auch fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September unklar. Die Bilanz ist, wie gesagt, gemischt; eine einfache, klare Lösung ist auch weiterhin nicht in Sicht. Zudem fällt es Demokratien, anders als totalitären Bewegungen, äußerst schwer, ihre Ressourcen für ein einheitliches Ziel zu mobilisieren, zumal auf längere Dauer. Zum Wesen der Demokratie gehört es ja gerade, dass Dissens artikuliert wird, dass eine Opposition die Klugheit der Führung permanent in Frage stellt. In der Polyfonie der öffentlichen Meinung des Westens gibt es daher eine Vielzahl von sich widersprechenden Analysen und Einschätzungen in Bezug auf die islamistische Herausforderung - und eine ebenso große Zahl von Empfehlungen, damit umzugehen.
Das mag man als Schwäche ansehen - als Schwäche der offenen Gesellschaft, sich zu entscheiden und eine Entscheidung durchzuhalten. Man kann es aber auch als prinzipielle Stärke ansehen: als die Fähigkeit, eine Vielzahl von Argumenten zu erwägen und eine Vielzahl von Perspektiven einzunehmen - und gegebenenfalls wieder zu verwerfen. Erweist sich der einmal eingeschlagene Weg als nicht zum Ziel führend, ist die Demokratie in der Lage, neue Wege zu gehen. Die offene Gesellschaft hat sich eben nicht zufällig mehrfach gegen totalitäre Alternativen durchgesetzt. Nicht weil sie optimal wäre, sondern weil sie, entgegen dem Anschein, besser als ihre Herausforderer in der Lage ist, Ressourcen zu mobilisieren und sich zu behaupten.
Aus islamistischer Perspektive ist der Westen zwar effeminiert, dekadent und aufgrund seines Materialismus geschwächt - was in manchen Kreisen die Hoffnung nährt, er könne eines nicht allzu fernen Tages sturmreif geschossen werden. Und aus Sicht der maximalistischen Kämpfer gegen den Islamofaschismus hat der Westen die Auseinandersetzung mit den Islamisten längst verloren, weil ihm die nötige Abwehrkraft fehlt. Doch möglicherweise macht ja genau das, was im Vergleich mit totalitären Bewegungen nach Schwäche aussieht, die eigentliche Stärke der offenen Gesellschaft aus: die Fähigkeit, die Perspektive des Anderen einzubeziehen, das Bemühen um Kompromiss und Selbstkorrektur, der Zweifel an der eigenen Überlegenheit. Solange die Selbstkritik jedenfalls nicht in Selbsthass umschlägt, sondern Ausdruck von echtem, gefestigtem Selbstbewusstsein ist, hat der Westen alle Chancen, die Auseinandersetzung mit der neuen totalitären Herausforderung weitgehend unbeschadet durchzustehen. Leicht wird es allerdings auch in Zukunft nicht werden - angesichts der offenkundigen Entschlossenheit derer, die den liberalen Westen auf die Probe stellen. Und noch völlig ungeklärt ist die Frage, wie hoch der Preis ist, den der Westen wird zahlen müssen.
Ulrich Speck schreibt bei ZEIT online ein Weblog über internationale Politik
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- Datum 27.08.2006 - 03:42 Uhr
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